Machet Euch der Erde Untertan (2004)

Mein Biologielehrer war ein wütender Mann, der mit seinem Schicksal an einer höheren, fast reinen Knabenschule haderte. Der Unterricht vor einer Klasse gelangweilter Pennäler, deren einzige Aufmerksamkeit der bald anstehenden Sexualkunde gelten sollte, brachte den Mann zur Weißglut. Der „Doktor“, so nannte man ihn ehrfurchtsvoll, war für seine unkontrollierten Wutausbrüche gefürchtet und bekannt: So mancher Schüler war unter seinen verbalen Prügelattacken bereits heulend zusammengebrochen.
Des Doktors Hassgefühle galten besonders jenen Dingen, die nicht in sein machiavellisches Weltbild der Hierarchien passten, denn die Darwinistischen Prinzipien auf die zunehmend freizügigere Welt übertragen, schienen ihm als soziale Meßlatte und Kompass zu gereichen. Seinen größten Misskredit und Tadel lösten einmal die Aktionen der wenigen Mädchen unserer Klasse aus, welche die kahlen und schmucklosen Wände des Klassenzimmers mit allerlei niedlichen Tierpostern zu verschönen versuchten. Polternd und aggressiv bläute uns der zornesgerötete Doktor seine Logik der inhumanen Fauna des „Fressens und Gefressen Werdens“ ein, um danach jeden Widerspruch zu ertränken, indem er das weibliche Kindchenschema aufs Äußerste verhöhnte.
Der von ihm daraus abgeleitete unmittelbare Kinderwunsch der Mädchen und der Verweis auf die weibliche Schulalternative des Hauswirtschaftsunterrichts bildeten den Abschluss seines Monologs um dann die Reduktion des Tieres zur primitiven Instinktmaschine mit Hilfe des pawlowschen Hundeexperiments zu untermauern. Auch wenn ich damals den tief verwurzelten Sexismus und Speziesismus als solches in seinen Äußerungen kaum verstand, so löste er jedoch ein tiefes Unwohlsein aus, das bis heute meine Abneigung gegen diesen überheblichen Regentschaftsbeweis der Menschheit begründet. Die inhumane, ergo „bösartige“ Tierwelt im Gegensatz zum humanistischen Weltbild meines Lehrers erzeugte in mir jenen Widerwillen, denn das autoritär aggressive Auftreten des „Doktors“ schien die Positionen meines Weltbildes zu polarisieren. Ein stillschweigend vorausgesetztes aber unbewiesenes, alle Bereiche des menschlichen Daseins durchdringendes Prinzip hat seit Jahrhunderten sogar in der Ethik überlebt: Die Bevorzugung einzelner Gruppen, seien sie politischer, sozialer oder eben einer nichtmenschlichen Spezies definieren immer den Fixpunkt der Wertigkeiten. Dieses ganz und gar „menschliche“ Verhalten erscheint meist umso feindseliger, je näher die Diskriminierung von Geschlechtern, Rassen und Tiergattungen der eigenen ist. Die Waagschalen der „universellen“ Gerechtigkeit geraten fast immer ins Ungleichgewicht sobald es sich um die Grenzbereiche der menschlichen Vorbehalte handelt, denn wer entscheidet ob das Leben eines nicht minder leidensfähigen Zuchtschweins mehr Wert hat als der edle Spross einer Hundezucht mit Stammbaum und Adelstitel. Innerhalb der eigenen Spezies wird dieser Vergleich gänzlich unappetitlich, denn wer möchte heute noch für die beschämende und zutiefst diabolische Rechtfertigung der Sklaverei, der Ausrottung der Indianer oder des Holocaust geradestehen? Jedoch genau hier lässt sich die Wurzel des Speziesismus greifen. Gilt es nicht, diese Wertigkeiten durch eine „universelle“ Formel der „leidensfähigen Kreatur“ hinwegzuwischen um jeden zukünftigen, als Wertekanon getarnten Diskriminierungsversuch von vornherein zu entlarven? Angesichts der globalen Wirtschaftsprobleme und den daraus resultierenden Krisen- und Kriegsherden, die dank der Massenmedien unseren täglichen Trott erschrecken, erscheinen die Gräuelbilder der Tierschützer sekundär und kleinlich, bestenfalls als notwendiges Übel, das spätestens vor dem nächsten Fastfood-Restaurantbesuch vergessen wird oder mit dem Argument “Menschen essen schon seit Jahrtausenden Fleisch und es ist wichtig für unsere Ernährung“ beschwichtigt. Aber der Homo erectus war in seiner kurzen Entwicklungsgeschichte immer anpassungsfähig und die Annehmlichkeiten der modernen Welt werden auch nicht gegen den Luxus der Höhlenmenschen oder Kannibalen eingetauscht, nur weil es natürlicher wäre.
Natürlich wäre zumindest die Abkehr von der Massentierhaltung, welche die Rohsubstanz für den täglichen Happen aus der geheimgehaltenen Anonymität der Fleischfabriken liefert und mit verniedlichenden Produkten wie Fleischwürsten mit stilisierten Grinsegesichtern aus Gelbwurst oder glücklich feixenden Schweinchen auf Metzgereitafeln schon bei der jüngsten Kundschaft vom millionenfachen Leiden ablenkt und sämtliche Vorbehalte gegen den blutigen Ekel im Ansatz verklärt.
Die Verdrängung der Vorbehalte hat Tradition seit den frühchristlichen Zeiten, denn zu gerne wird auf die Ursprünglichkeit des Fleischkonsums verwiesen oder jene Bibelstellen zitiert:„Macht Euch die Erde Untertan“ und „Furcht und Schrecken vor Euch sei über alle Tiere auf Erden„.
Dass die vorchristlichen Pythagoräer und Essener strikt vegetarisch und in Geschwisterlichkeit mit der Gotteskreatur Tier gelebt hatten, wird zu gerne aberkannt oder verschwiegen.
So huldigt die gläubige Christenschar bis heute jenem nicht umsonst Gefallenem, den fleischlich-blutigen Genüssen zugewandtem Fürsten des Irdischen und nicht dem urchristlichen und tierliebenden Herren in der Höhe. Warum sollte der barmherzige Christengott gerade mit jener seiner Schöpfungen mehr Mitleid haben, welche den größeren Rest seiner großartigen Kreation demütigt, grausam quält und gierig meuchelt, ja sogar menschliche Vorherrschaft über all die Unterlegenen befehlen? Ein solcher Gott hätte gar masochistische Züge, denn welcher Künstler würde sein eigenes Werk so behandeln. Umso plausibler erscheint da der früh ausgehandelte irdische Kirchenkompromiss mit der verrohten Gegenwart der Menschheit. Vielleicht auch, weil dieser konstitutionelle Glauben kaum so schnell seinen Siegeszug hätte antreten können, wenn man nicht den derben Gelüsten Tribut gezollt hätte. Und so wurde das Tier auch mit christlicher Segnung zur Sache.
Aber wie stünde es um diese, sich so nächstenliebend gerierende Religion ohne das biblische Motto der Unterwerfung der Welt? Sicher, in einer grauen Vorzeit ungezähmter Natur ist eine Trutzburg gegen die böse und wilde Umwelt der einzige Weg des Überlebens. Jedes noch so kleine Stück, der Natur abgerungene Zivilisation galt es zu verteidigen, jedes erbeutete Stück Fleisch rettete vor dem Hungertod, ganz im Sinne von: „Es oder Ich“. Aber im Zuge des immerwährenden Fortschrittes der menschlichen Technisierung, der Urbanisierung der letzten wilden Flecke unseres Lebensraumes und scheinbar grenzenlosen Ausbeutung einer schwindenden Welt hat sogar der erzkonservative Gierschlund begriffen: Der technische Fortschritt ohne Weiterentwicklung von Moral und Ethik ist schon seit Oppenheimers Dilemma um die Hiroshimabombe in einer selbstzerstörerischen Sackgasse und fordert den Paradigmenwechsel, den Scheideweg der postmodernen Gesellschaft.
Ökologie und Naturschutz, einst das Steckenpferd einer Generation friedensbewegter Utopisten in Ökolatschen hat sich längst als einträgliches Wirtschaftsmodell etabliert. Könnte sich in diesem Zuge nicht auch eine neue Definition der „Mitkreatürlichkeit“ entwickeln, hin zum Verständnis, dass das lebende und leidensfähige Wesen, das gleiche Lebensrecht besitzt wie unsereins? Ist gerade nicht erst unsere viel zitierte Vernunft dazu auserkoren sinnstiftendes Heil über all jene zu bringen, die da leiden? Genau diese Worte zieren jede Sonntagsandacht, jedoch der Braten wird längst verdaut, und jener Appell wird, wenn überhaupt nur für die Vertreter des eigenen Stammes umgesetzt. Und wenn schon hier nicht, warum dann innerhalb der eigenen Gemeinde, gar der eigenen Gesellschaft, noch unwahrscheinlicher für andere Rassen und ganz sicher nicht für andere Spezies. Ist es nicht Zeit das Opferlamm, einst Stellvertreter Jesu, neu zu begreifen und an unseren Tisch zu bitten, anstelle es zu verspeisen?
Selbst wenn empfindungsfähigen Tieren die „menschliche“ Intelligenz fehlen würde, den Tod zu begreifen, so haben jene Wesen, die über ein noch so einfaches Bewusstsein verfügen, sich also erinnern oder wieder erkennen können ein elementares Interesse am Leben zu bleiben, ebenso wie der, vielleicht nicht begriffene Wunsch, sich zu entfalten und Dinge zu erleben.
Jedoch gerade in den letzten fünfzig Jahren hat die Verhaltensforschung mit Tieren phantastische Entdeckungen gemacht und die Descartesschen Vorurteile der Instinktmaschine Tier eingehend widerlegt. Bisher war unsere Verständigung mit den Tieren zu sehr in menschlichen Kommunikationsmustern begriffen, jedoch scheint die Barriere bei immer weiteren Spezies zu bröckeln. Die Lobby der Fleischindustrie wiegelt mit Gegenstudien ab und unser uns selbst erhöhender Starsinn will nicht von seiner Einzigartigkeit ablassen.
Die Empfindlichkeiten zwischen Tierrechtsbewegung und der großen Mehrheit fördert immer wieder Erstaunliches zutage. Als die Tierschutzorganisation PETA einen bildhaften Vergleich von industrieller Hühnerhaltung und den Konzentrationslagern der Nazizeit plakatierte, musste man nicht lange auf die Proteste einer breiten Front aus Politik, Wirtschaft und Religion warten. Hasserfüllt und polemisch wurde der vermeintlich unmoralische und herabsetzende Vergleich gegeißelt, auch dann noch als sich eine große Schar jüdischer Überlebender des Holocausts für die gelungene Parallele aussprach und eine Ausstellungsserie zu diesem Thema unterstützte, denn aus ihrer Sicht heraus gibt es kein passenderes Gleichnis für den Holocaust als die Massentierhaltung und die industrielle Tötung .
Rassismus, Sexismus und Speziesismus sind die Trinität der Unterdrückung und können nur gemeinsam abgelehnt zu einer allgemeinen Barmherzigkeit und ethischen Weiterentwicklung des jetzt noch so barbarischen Technokraten „Mensch“ leiten. Frieden gedeiht nicht im Widerhall eines Schlundes voller Opfer von Gewalt und Mord. Ich glaube dass die generelle Ächtung der Gewalt gegen leidensfähige Kreaturen einen umso größeren Schub gegen die weltweite Gewaltspirale, Unmenschlichkeit und Ausbeutung auslösen würde. So naiv und weltverbesserlich diese Forderung auf den ersten Blick auch wirken mag, so tiefgreifend könnte dieser Paradigmenwechsel unsere im Strudel der egoistischen Konflikte zu ertrinken drohende Welt verändern. Veganismus als Schlüssel einer neuen Achtung vor jeder leidensfähigen Kreatur egal welcher Spezies, Geschlecht und Rasse wäre vielleicht der Eintritt in die nächste Ebene des ganzheitlichen Menschwerdens, ganz nach Albert Einstein: “Unsere Aufgabe ist es, uns selbst zu befreien, indem wir die Sphäre des Mitleids auf alle Lebewesen ausdehnen“.
Fantasie eines idealistischen Spinners würde mein Biolehrer sagen und sich wieder dem Studium der Anatomie zuwenden. So bekam es bestimmt oft auch Leonardo Da Vinci, der große Anatom, Physiker und Philosoph zu hören als er über eine Flugmaschine philosophierte. Aber der große Visionär sollte Recht behalten. Hoffentlich auch sein umso größeres Zitat:“ Der Tag wird kommen, wo das Töten eines Tieres genauso als Verbrechen betrachtet werden wird wie das Töten eines Menschen“

Fotonachweis: Gunnar Richter Namenlos.net

One thought on “Machet Euch der Erde Untertan (2004)

  1. Treffliche Worte. Ich sehe die Entwicklung unserer Gesellschaft in diesem Bereich weitgehend optimistisch. Wenn man sich umschaut, greift die Anzahl der neuen Veganer stetig um sich und ich hoffe, dass eines Tages jeder erkannt haben wird, dass es der einzig richtige Weg ist. Jedes Tier hat ein Recht auf ein (leid)freies und Leben.

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