Götterdämmerung von Bayreuth

Wer mit dem digitalen Fernrohr nach Bayreuth blickt, wird kaum an der überlebensgroßen Persönlichkeit vorbeikommen: Richard Wagner.
Für die Einen gilt er als ein zwischen Romantik und Moderne wandelnder Klangmagier und Komponist, der die Leitmotive seiner Protagonisten überirdisch und zeitlos mit der Ewigkeit zu verweben fähig war. Seine eigene Tonsprache als Anfang und Ende der Wortsprache deklarierend, wähnte sich der Egozentriker bereits zu Lebzeiten als Evangelist der Tonkunst. Die Wagnerianer Nietzsche bis König Ludwig dankten ihm es auf ihre Weise.
Für die Anderen ist Wagner für immer und ewig der ideologisch umstrittenste deutsche Komponist und einer der kulturellen Wegbereiter der germanischen Selbstüberhöhung, die mit dem frühen Antisemitismus des 19. Jahrhunderts ihren Anfang nahm um dann im grauenvollen Holocaust des dritten Reiches ihr schreckliches Ende fand.
Bis dahin pilgerten die braunen Spitzenfunktionäre und Verbrecher jeden Sommer in Eitracht zur germanischen Gralsburg auf dem grünen Hügel, um sich an den Klanggewittern Wagners spirituell aufzuladen.
Nicht umsonst dauerte die Entnazifizierung der Kulturstadt Bayreuth nach dem Ende der Diktatur mehr als ein halbes Jahrhundert. Zu sehr waren Würdenträger der Stadt, das „Hoftheater Hitlers“ (Thomas Mann) und politische Elite des Nazideutschlands miteinander verbunden. Zu sehr schmerzte das Band zwischen verklärter Hochkultur und totbringender Ideologie.
Und auch heute ist das Thema Neonazismus in Deutschland längst nicht abgeschlossen – Zu jung sind die Ereignisse rund um die ostdeutsche Naziterrorzelle. Auch wenn sich Vertreter dieses menschenverachtenden Weltbildes heute nur noch in den allerwenigsten Fällen auf Wagner beziehen, so berauschte sich die deutsch nationale Bewegung am gleichen Quell des Antisemitismus und der Nazispiritualität, dem auch Wagner anhing: Die angebliche Sonderstellung und die höhere Berufung des Deutschen.
Für die meisten Bayreuther ist Wagner jedoch ein wenig ideologisiertes, dafür hoch subventioniertes Kulturspektakel, auf das man allenfalls am Rande des grünen Hügels per Opernglas einen flüchtigen Blick werfen kann.
Das gesellschaftliche Stelldichein auf dessen Höhepunkt sich der OB – selbst übrigens kein profunder Wagnerkenner – im Sonnenlicht des “Who is Who” aus Politik und Prominenz ablichten lässt, ist für den normal Sterblichen und seinen Geldbeutel kaum erreichbar.
Skandalös ist jedoch die Kartenvergabepraxis: Es landen nur 40 Prozent der Tickets im normalen Handel. Bei Premieren sind es sogar nur 16 Prozent. Viele Bayreuther Wagnerianer bestellen die Karten deshalb auch bereits zur Geburt ihres Kindes, um dann rechtzeitig zum Schulabschluss mit einem besonderen Geschenk aufwarten zu können. Dieses Spektakel für Eliten hat hingegen einen hohen Preis für den Steuerzahler. Jeweils 2,3 Mio. Euro aus Bund, Land und Fördervereinen werden als Subventionen ans hohe Haus geleistet, das per Satzung und Hausrecht über das Repertoires wacht und keine Werke anderer klassischer Komponisten neben Wagner oder gar Pop-Events im Festspielhaus zulässt. Solche Ideen gelten als Affront für die musikalischen Sonderstellung Wagners. Seit Jahrzehnten von einem durch Premierentickets verwöhnten Stadtrat, Land- und Bundestag gestützt, wurde diese Sonderstellung selten bis nie angezweifelt. Fragt man den Großteil der Bayreuther zu Wagners künstlerischer Relevanz, dem was er heute zu sagen hat und seinem kulturellen Stellenwert in der Mitte der Gesellschaft, so sieht die Bilanz abgesehen von der kurzen Begeisterung für ein privatwirtschaftlich finanziertes “Public Viewing” bescheiden aus – der größte Teil der Bevölkerung interessiert sich nicht für Wagner. Wenn Klassik, dann lieber oft ideologisch Unbesetztes, zumindest jedoch die Vielfalt und Vielstimmigkeit unserer modernen Welt zu der neben Oper, Operette, Klassik auch das Musical und die Rock- und Popkultur gehört.
Wir fordern für die jungen und kulturhungrigen Bayreuther im Wagnerjahr 2013 einen kleinen zweckgebundenen Wegezoll von gerade mal 1 Prozent der millionenschweren Subventionen um ein rauschendes alternatives “Rock den Ring” Festival auszurichten, das parallel zu den Festspielen im Bayreuther Fußballstadion oder einer ähnlichen Freifläche veranstaltet werden könnte. Neben einem per Internetwahl bestimmten Festivallineup werden wir mit Hilfe der überregionalen Musik- und Jugendmedien einen Wettbewerb ins Leben rufen, der Newcomerbands wie etablierte Bands aufruft, ihre Interpretationen von Wagnerthemen einzureichen und sie im Rahmen des “Rock den Ring” Festivals aufzuführen.
Wir wollen, dass Bayreuth den altkonservativen Ruf in der Welt gegen ein modernes, kreatives und vorwärts gewandtes Antlitz eintauscht. Wir wollen Vielfalt statt Wagnersoli.

Fotonachweis: C-C http://www.flickr.com/photos/seven_of9/

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