Rendite der Menschlichkeit, 2005

Die rohe Gewalt vieler Millionen Volt lässt den Himmel erglühen und taucht das geblendete Auge in eine zäh schwarze, Ehrfurcht gebietende Dunkelheit. Die Welt scheint den Atem anzuhalten, bevor ein Donnerschlag das tiefschwarze Firmament in einem Trommelwirbel der Kräfte zerreißt, der nicht von dieser Welt zu stammen scheint. Die schwachen Überlandleitungen können diesem Naturgebot nicht standhalten und unser kleines Dorf versinkt in der Dunkelheit. Hier auf dem Gipfel der kleinen Anhöhe steht die Zeit – ob tausend Jahre vor oder nach unserer Zeitrechnung – die Gedanken wären die Gleichen. Jene, der Natur mit Geist und Ausdauer abgerungenen Fortschritte der menschlichen Zivilisation verschwinden im Widerschein dieses unterwerfenden Schauspiels der Naturkräfte. Nur an den sicheren Feuern unserer Gestade scheint unser Wähnen und Wollen so aussichtsreich und unsere Spur in der Zeit so bedeutungsvoll. Gerade die Fortschritte der letzten Jahrzehnte scheinen in einem unglaublichen Tempo unserem Verstand und unserer Ethik davonzubrausen. Auf Oppenheimers Höhe in einem Spagat zwischen philosophischer Erkenntnis und wissenschaftlicher Möglichkeit begriffen, trat ein letzter Funken von Mitmenschlichkeit an die Stelle der berechnenden Rationalität und warf die Frage auf, ob die Feuer der Erkenntnis uns nicht zu verschlingen drohten. Das berühmte Zitat Einsteins, er würde nicht die Waffen des dritten Weltkriegs kennen, sich jedoch der Steinkeule im darauf folgenden Konflikt sicher sein, erweckte in vielen technikgläubigen Adepten der pränuklearen Periode den letzten Funken Überlebensinstinkt. Im Leuchten der tausend Sonnen Hiroshimas und Nagasakis, sah man die Welt bereits dahin schmelzen, doch bereits eine Generation später sind die weltumspannenden Weltkriege für die menschliche Erinnerungsfähigkeit zu Druckerschwärze in trockenen Geschichtsbüchern geronnen, dessen Papier ja bekanntlich sehr geduldig ist. An Stelle der Mitmenschlichkeit ist ein finsterer Zug eingekehrt, der den Egoismus zentriert und die Raffgier zu einer erstrebenswerten Insignie der globalen Machtschöpfung erkoren hat. Zur Führungselite herangereift, sind die Kinder jener yuppie-esken Jugendbewegung längst in ein technikgläubiges Profit- und Gewinnwesen transformiert, das die Moral der Aufklärung verlacht und die Zukunft in einer Monopolystrategie begreift. Soziologisch fantastisch pragmatisch und rückständig, denn einerseits nur in kleinen Strukturen den Gewinn an das eigene Rudel verteilend, auf der anderen Seite in globalen Strukturen jedermann und jede Sache ausbeutend, verhält sich diese Spezies weit unvernünftiger als ihr tierisches Vorbild, das reißende Raubtier, das zumindest seinem Opfer immer einen schmalen Lebenskorridor überlässt. In ethischen Dilemmas ungeschult, Religion als Ballast begriffen und in fast nihilistischer Abkehr von geistigen Disziplinen das Kapital zur Ikone gekrönt, ist die Ausbeutung ihren letzten Siegeszug angetreten und schämt sich nicht einmal dafür. Noch nie konnte man so offen boshaft und selbstsüchtig sein, darin seinen Lebenszweck begreifen und dann prahlerisch mit den Statussymbolen auf den virtuellen Schaubühnen der Welt demonstrieren. Wohin sind die Ideen des gesellschaftlichen Aufbruchs, der die Fähigkeiten des einzelnen im Sinne einer friedlichen und geistvollen Entwicklung zum Wohle der Welt und dem Individuum einsetzten sollte? Zu gerne den schmutzigbraunen Rändern der radikalisierten Gesellschaft überantwortet um im nationalen Sudel ertränkt zu werden, dient die soziale Idee nur noch als lächerliches Mahnmal eines gescheiterten Sozialismus. Marx ist das Gespenst einer verhöhnten Kulturrevolution, gedemütigt und gegeißelt ans Kreuz geschlagen, allenfalls in Trinität der Erfolglosen neben Che Guevara und Sophie Scholl als T-Shirtmotiv dienend. Doch was ist kapitalistische Demokratie oder wohlfeil formulierte Marktwirtschaft wert, wenn sie nicht mehr der Freiheit des Geistes und der Aufklärung des Menschen dient, anstatt dessen den Arbeitnehmer versklavt und die Ketten um den Verstand schmiedet? Die moderne sozialdarwinistische Komponente ist längst salonfähig, der einzelne kämpft auf der sozialen Leiter um sein Einkommen und vergisst die Ideale und Pläne seines Lebens um dann am Lebensabend nach einer langen und ausgebeuteten Schaffensperiode angekommen auf das kleine Stückchen Schrebergartenglück zu blicken. Konditioniert vom Wahn nach dem einzigen Schatz sind jene Träume von den Grenzbereichen der eigenen Vorstellung schleichend am Wegesrand des Lebens verloren gegangen und der Angst vor Armut im letzten Lebensabschnitt, dem kleinbürgerlichen Albtraum schlechthin, gewichen. Anstelle die zunehmende Automatisierung durch Maschinen und Roboter als Aufbruch in eine neue Zeit der geistigen Erweiterung eines jeden Individuums zu begreifen, werden die persönlichen Talente im Strudel der formatierten kapitalistischen Bildungskasten nicht gefördert, zurecht gestutzt und zuletzt am Fliesband vergeudet. Ein jeder zahlt seinen Tribut an den Kapitalismus und erhält dafür scheinbar erfolgsabhängig die Ressourcen verzehrenden Resultate einer primitiven Gier: Die neuesten Handys können mittlerweile das Tagebuch als Internet Blog verwalten und die Urlaubsvideos aus den Billigflug-Tourismushochburgen aufzeichnen, während wir die bedrohlichen Anzeichen einer waidwunden Natur als Wetterkapriolen abtun, denn wenn die Wirtschaft schon lahmt, – so sagt man uns zu gerne in Zeigefingermanier – sollte man nicht jenen grünen Umweltträumereien des letzten Jahrhunderts nachhängen, die ach so giftig für unsere Wirtschaft sind. Die Kernkraft ist wieder auf der Tagesordnung und so manche Partei unseres Landes liebäugelt bereits lautstark mit der rettenden Alternative aus dem Energiedilemma – der strahlende Müllbeutel unserer Zivilisation wird Schulter zuckend der nächsten Generation überreicht. Neuerdings sind die Probleme der dritten Welt hausgemacht und nicht das Resultat unserer Kolonialpolitik, während die egoistische Abschottung unserer Wohlstandsinsel als konservatives Kredo gegen die Auflösungserscheinungen an den Rändern unserer Welt wirkt, ganz nach dem Motto: Abschottung gegen alles was weniger in der Geldbörse hat. Die Kontrahenten der zukünftigen marktwirtschaftlichen Schlachtfelder bereits im fernen Osten ausgemacht, rüstet man sich für den nächsten Schaukampf um Marktanteile. Obszön und ketzerisch werden all jene an den Pranger gestellt, die den nächsten Schritt der Menschheit in eine Solidargesellschaft jenseits des Geldes fordern. Die Wahl der weltweiten Parlamente, längst inszenierte Farce der globalen Industriedespoten wird durch die gezielte Manipulation der Meinung in den konzerneigenen Massenmedien postuliert autosuggeriert so bis in den letzten Winkel des Diesseits: Wählt den Wohlstand und wirtschaftlichen Fortschritt. Der Egoismus ist aufgebrochen, auch alle Winkel dieser Welt einzureißen und mit seiner schaurig zuckersüßen Weltsicht zu beglücken. Sollte sich das Wachstum nicht einstellen, so wird der nächste weltweite Konflikt neue Märkte eröffnen. So hat sogar die Armut ihre zweifelhafte Macht anerkannt und kämpft im Schatten eines Korans und anderen Opiaten einen schmutzigen Krieg, der weiteren Hass in die Abwärtsspirale gießt aber auch Traumgewinne und hohe Renditeerwartungen in die Kassen der Rüstungsindustrie spült. Ein weiterer Donnerschlag erdrückt die innere Stimme. Ein Blitz schlägt krachend in eine Baumgruppe gegenüber meiner Anhöhe. Im Widerschein der lodernden Flammen sehe ich Rehe aus dem Unterholz flüchten. Zuhause angelangt ziehe ich im Kerzenschein ein verstaubtes Buch über Marx aus einer lange nicht angetasteten Ecke meiner kleinen Bibliothek. „Die frevelhafte Wirtschaftspolitik spielt nationale Vorurteile aus und vergeudet in Raubkriegen Gut und Blut aller Völker. Die einfachen Gesetze von Moral und Recht müssen hier eingeklagt werden. Da die ökonomische Unterwerfung des Einzelnen unter den Eigner der Arbeitsmittel, der Lebensquellen und der geistigen Knechtschaft die Gesellschaft beherrscht , ist die ökonomische Emanzipation jenes Einzelnen der wichtigste Schritt, denn die freie Entwicklung eines jeden ist die wichtigste Bedingung für die freie Entwicklung Aller.” Die über hundert Jahre alten Sätze sind aktuell wie nie zuvor. Morgen ist Wahltag in Deutschland.

Der Tod hat überlebt, 2005

Der Wind streicht zart durch die Spitzen des hohen Grases und formt das Patchwork der farbigen Feldblumen zu einer wogenden Decke duftender Weite. Pusteblumen schenken den Samen ihres zartweichen Flaumkokons die Freiheit und senden Sie auf eine kurze Reise in den Horizont ihrer Bestimmung. Der ewig irdische Kreislauf steht kurz vor seinem lebensspendenden Höhepunkt, der Sommer neigt sich dem Ende zu und hat bereits die Botschaft seiner Wiederkehr ausgerufen.. Das Schauspiel der Leichtigkeit des Lebens spendet überirdischen Trost und man mag das allumfassende Elend vergessen machen, das um uns herum tobt. Fast ein Stückchen Religiosität erheischend, das man rational angewidert abstreift, erkennt man: Diese Schönheit ist doch nur soviel Wert wie es das Auge des Betrachters fähig ist, in seiner Vollkommenheit zu begreifen. Schönheit ohne den Sinn und dessen Erfassen ist sinnentleert und ohne Existenz. Ist diese Pracht des natürlichen Prinzips, dieses endlich Gleiche in unendlicher Vielfalt nur für menschliche Augen schön ? Unser ästhetisches Empfinden gar eine Laune der Natur oder die Evolution ihres eigenen Geschmacks und sind damit wir ihr bewusster Teil ? Oder ist Schönheit doch nur einer der vielen Gemeinplätze einer menschlichen Paarungsselektion ? Unser künstlerisch ästhetisches Wähnen nur lallendes Imitieren rationaler Naturprinzipien ? Das Gras raschelt und das halbwüchsige Katzenkind springt forsch und begeistert aus dem Busch. Sein erster Sommer offenbart ihm nach einem langen und bis zuletzt frostigen Winter ein Schauspiel voll von Mysterien und unbändigen Freuden des Abenteuers. Schwänzelnd stürzt er auf mich zu, als wolle er mir von seinen neuesten Erlebnissen berichten. Ob er meinen Gedanken folgen könnte ? Er scheint offensichtlich die Schönheit des Schauspiels wie ich zu genießen. Vielleicht sogar tiefer als ich, der nicht bis an den Grund dieses Meeres aus Grasblumen getaucht ist. Sein erster Sommer soll, so wünsche ich es ihm, der Auftakt eines erfüllten Katzenlebens werden. Ich lehne mich im Gras zurück und folge den Mustern des Formationsfluges der Vögel, die in ihrer Form dem Teppich des wogenden Grases gleichen. Den Lichtblitz der Länge meiner Existenz als einen Windhauch begreifend streichle ich mit einer angstvollen Bewusstheit der Vergänglichkeit das graue silbrige Fell des kleinen zutraulichen Katzenkinds. Die dunklen Vorahnungen eines lauernden Schicksals schnell verwerfend erinnere ich schmunzelnd an eine Begebenheit meiner Schulzeit. “Schwarz ist der Tod, unser Sein ein Gottgeschenk, Dein blasphemisches Auftreten ist boshaft” Zu gerne erinnere ich mich der Worte der Religionslehrerin, die meine Konfessionslosigkeit und mein schwarzes Äußeres zum Anlass nahm, ein düsteres Bild meiner Seelenzustände zu zeichnen ganz im Sinne einer christlich naiven „Gut und Böse” Dualität meinen Wertekanon zu verteufeln. „Der Tod interessiert Euch doch gar nicht, das so genannte Böse ist Euer schlechtes Gewissen” war meine zugegebener maßen auswendig gelernte Antwort, welcher ein langer und lautstarker Disput folgen sollte. „Eure Verdrängung des Todes besteht doch nur aus Angst und einer unterbewussten Ungläubigkeit eurer eigenen Dogmen. Doch der Tod ist immer unter uns.” Der letzte Satz hatte wie immer gesessen, denn nur zu gut kannten die meisten Lehrer mein Lied vom Tod, war doch erst vor kurzem mein Vater gestorben. Zur simplen Antipode des Lebens reduziert, fristet die personifizierte Ausgeburt unseres Endes schon sehr lange ein seltsames Nischendasein und gesellt sich als Thema gerade noch in das philosophische Unterfutter einer schwarzen Szene. Die betriebswirtschaftlichen Erörterungen der Krankenkassen, die ihm, dem einzigen Wächter ihrer Rentenkasse huldigen, fest mit seiner stetigen Wiederkehr rechnend, um auch die nächste Generation zu speisen, scheint einer der größten Konstanten zu sein. Der Tod als verdrängtes Ziel macht eine Gesellschaft und ihre Wechsel erst möglich aber auch nur allzu unpopulär, denn die Kurzweil gilt es dann in Anbetracht einer kurzen Lebensspanne schnell mit Sinnvollem zu bestücken. Als Thema heute tabuisiert und an den Rand gedrängt, gab es auch schon sinn stiftenderen Umgang mit unserem „Finale grande”. Das barocke Motto eines sinnstiftenden Menetekels und des Todesengels als Rufer der Vergänglichkeit stiftete auch immer die sinnenfrohe und enthemmte Leichtigkeit des Seins. Das kurze Gastspiel auf Erden, das es trotz all des Elends und schwarzen Todes zu einer großen Dramaturgie voller Höhepunkte zu illuminieren galt, war als barockes Thema allgegenwärtig und im Tod begriffen freudig und ausgelassen statt trübselig und zerknirscht. Die entsetzliche Dunkelheit des Todes war nur im Diesseits, von jeher religiös tradiert, der Übergang zum ewigen Jenseits und jüngsten Gericht versprach zwar ein strenges Urteil aber auch die Läuterung und ewige Glückseeligkeit. Die Authenzität dieser Erwartungshaltung heute kaum annähernd nachvollziehbar, erschrecken uns erst recht die christlichen Schlachtenrufe jener finsteren Zeit: „Tötet sie alle, denn Gott erkennt die Seinen”. Dem Tod als Fixpunkt war nichts gegen zusetzen, denn weder medizinisch-wissenschaftliche Kenntnisse, noch internationale Konventionen und Gerichtshöfe, noch eine ewige Jugend versprechende Konsumindustrie waren geboren, der Tod lauerte überall weit offensichtlicher. Ganz im Gegensatz zur heutigen Gesellschaft, die in Distanz zum Tod begriffen seine Macht zu isolieren sucht: Fortschritte in sozialen Belangen, Medizin und Wissenschaft aber auch das Vergesellschaften der menschlichen Probleme in Justiz und Moral drängen den Tod ins private Abseits, in das Versagen des menschlichen Allmachtsanspruchs. Ganz im Masse des Wandels der Systeme vom Befehlsgeber und Knechtenden zum strikten Diener des Einzelnen wurde der Tod ins Private verschoben. Das krampfhafte Festhalten an lebensverlängernden Maßnahmen der Medizin, die auch über Jahre hinweg verfallende Körperhüllen am Leben hält, um ihrem eigenen Allmachtsanspruch als Herrscher über den Tod Rechnung tragen zu wollen ist das krasseste Indiz einer gestörten Beziehung zum Tod, aber auch unserem Leben. Der auf Gewinn fixierte Teil der Welt, im Reichtum badend schließt noch immer erschrocken die Augen vor dem unabwendbaren Schicksal: Das Sterben das sie mit den Toten aller Zeiten und Welten besitz- und namenlos gleichstellt. So ist in diesen Gesellschaftsschichten die Nachfrage nach kryogenem postmortem Winterschlaf besonders hoch. In diesem Vakuum ist die Todessehnsucht populärer denn je, oder wie sonst lässt sich das hochvirulente Interesse für scheinbar katharsische Grenzerfahrungen und Extremsportarten erklären. Auf den höchsten ungesicherten Gipfeln, in der dunklen Kältezone der tiefsten Meeresgründe und im Geschwindigkeitsrausch lässt die Todesnähe den Adrenalinspiegel steigen. Letztendlich häufen sich die Versuche, den so rauen und schwer begreiflichen finalen Endpunkt so aufzubereiten, dass er endlich auch ohne den philosophischen Unterbau der Metaphysik appetitlich und konsumierbar wird. Die Nachfrage nach den Todesarten aller Couleur steigt unaufhörlich, kennt scheinbar keine Grenzen: Mord, Agonie, Völker verzehrende Schlachtengetümmel, großformatige Monsterattacken aus dem All oder der Steinzeit, Erdbeben und planetare Kollisionen biblischen Ausmaßes, aber auch das persönliche biographische Leiden in Cinemascope haben den Turm sadistisch brutaler Gewaltorgien der Unterhaltungsindustrie zu babylonischen Höhen anschwellen lassen. Auch die Trivialliteratur bietet hier für den Grenzgänger eine Vielzahl an haarsträubenden Jenseits und Todeserfahrungen. Doch das eigentliche Sterben bleibt finster und einsam, isoliert im Sterbetrakt der Intensivmedizin hinter dicken Schleusen und Sichtfenstern um die Distanz zu wahren. Das qualvolle individuelle Sterben ist die Randnotiz und das massenhafte Sterben ein Medienereignis. Die moderne Sterbemedizin und Sterbehilfe wird jedoch schnell zum gesellschaftlichen Kainsmal, das stellvertretend für das reale Sterben mit Vorurteilen und moralischen Disputen bedacht wird. Glücklich wer im Kreise seiner Liebsten sterben kann und die Transformation bewusst vollzieht. Wer das Lichtspiel im Wasserfall des Lebens begreifen will, muss ihm den Rücken zukehren und zur Sonne blicken. So auch der Tod, der unserer in der Dualität von Materie-Körper und Energie-Geist schwingenden Existenz ein dunkles Spiegelbild schenkt. Mit Tränen in den Augen und dem angstvollen Unterton, der in mir sämtliche Sinne in unheilvolle und erschrockene Erwartung versetzt, ruft mich in das Jetzt zurück. Ein kleines Stück graues Fell in der Hand, unfassbar und unfähig das Erblickte in Worte zu fassen hat meine Frau die leblosen Überreste des kleinen Katers gefunden, der offenbar in seiner naiven Neugier von einem Fuchs erlegt wurde. Der Tod hat wieder seine Fratze gezeigt. In Tränen aufgelöst begreife ich: Die Schönheit dieser Welt ist Oberfläche über einem unheilvollen, alles verzehrenden Schlund der kalten Wahrscheinlichkeiten, mein Wähnen nur ein Aufbäumen gegen die unumstößliche Wahrheit des verschwenderischen kosmischen Flusses des Vergehens und Werdens. Die Suche nach Erkenntnis scheint umso schmerzhafter. Je weiter sie einen treibt, je mehr Antworten sie liefert und entschlüsselt, umso tiefer scheint der Schlund dieser dunklen Unwissenheit und der eigenen Dummheit. Und doch: Das Erkennen, das Zusammenweben der Relativismen, scheinbar nicht zusammengehörender Zusammenhänge aller Disziplinen zu einer holographischen Konstruktion unseres Verstandes vertieft die Fähigkeit des nonverbalen Verstehens und den Umgang mit der eigenen Erkenntnis, seinen Metaphern und dem was uns geschieht mit einer einfachen Wahrheit: Lebe Dein Leben !

Metaphysis, 2005


Der menschliche Kampf ist ein lebenslanges Pendeln zwischen Hoffnung und Gewissheit. Das göttliche Prinzip, das Wähnen im Humanismus, Solidarität und Mitmenschlichkeit, im Höheren die Suche nach Unsterblichkeit und dem Sinn im Dahinter findet immer den Gegenpol in der trostlosen aber umso rationaleren Sicherheit eines immerwährenden Existenzkampfs um die biologische Stärke. Ein jeder von uns ist nur einer der unzähligen Versuche der Natur sich zu behaupten und sich verbessern. Doch der Schnitt kommt alsbald und vertilgt die Erinnerung des Einzelnen wie der Jahreswechsel die Pracht der Sommerblüte. Die Schönheit liegt nur im Auge eines erinnerungsfähigen Betrachters, welche einzig in der Entfaltungskraft der Natur ewig wirken kann. So sind die Hoffnungen in der Wiederkehr nur gering, denn der vermeintliche Zyklus ist nur eine neue Rezeptur der amnesischen Weltesche. Jedoch: Wir leben Information. Jedes Teilchen das uns umgibt ist eigentlich bedeutungslos. Es hat und wird immer als dieses Teilchen existieren oder zumindest in kleinere Teilchen zerfallen, zerstrahlen oder sich auflösen unter Verlust seiner marginalen Information, jedoch immer als kleinstes Teilchen, als Bit oder kleinste Informationseinheit existieren. Diese kleinsten Teilchen und Wellen existieren ohne zu sein, denn Sein im menschlichen Maßstab ist Bewusstsein, ist Gedanke, ist die Gestalt und darin gebettet die Information. Sein ist die höchste Form der Wahrheit, denn sie beweist sich selbst. Bewusstsein existiert nur durch die Fähigkeit, neue Erfahrungen mit bereits Erlebten und Gewertetem zu verflechten. Trotzdem existieren wir nur für den Bruchteil eines Momentes im kosmischen Maßstab, als höchst spezialisierte und konzentrierte Informationsdichte, soviel reicher als all die leeren Plätze unseres Universums, die scheinbar nur in konzentrierten Knoten, gleich einem Nervengeflecht Informationen verdichtet haben. – Getragen von einer Wellenfront aus Teilchen, die selbst nur austauschbarer Träger unserer Existenzinformation ist? Doch das ist nur eine zu menschliche Interpretation des Ganzen, denn die Teilchen und Wellen die unser Sein repräsentieren, fluktuieren und tauschen sich mit anderen aus, tragen jedoch immer unsere Gestalt, unser Sein in der Summe aller Möglichkeiten der versammelten Teilchen. Oder kann die Anschauung nur in der menschlichern Wahrnehmung funktionieren, die allein dazu fähig ist dieses quantenmechanische Schauspiel zu begreifen? Ist das der Sinn, die Findung einer erkenntnisfähigen Konzentration von Materie und Energie, das selbst erfahrende und sich selbst bewusste Universum als eigentliches Ziel? Die Möglichkeit mehr oder weniger zu sein, entsteht nur in unserem Denken, dem Ertasten der uns umgebenden Wirklichkeit mit unseren Sinnen, die doch nur organisierte Strukturen der Materie und Energie wahrnehmen, welche wiederum Informationen und Gestalten verkörpern, die Sinneseindrücken entsprechen, die gespeichert als assoziierendes Muster eine Mengenlehre und den Vergleich zu scheinbar gefühlter Realität gerinnen lassen. Unsere Existenz, unser Wähnen und unsere Wünsche sind nur der Schaum auf dem Meer der fassbaren, begreifbaren Wellen im Ozean der Möglichkeiten, denn Dinge die wir nicht mit dem Verstand und unserer Sinnesorganen ertasten können sind in unserer Welt nicht real. Alles Stoffliche reduziert sich auf unsere Wahrnehmung. Die Realität und das Greifbare sind somit eine Erfindung unserer Sinne. Im ersten Teil der Geschichte der menschlichen Erkenntnis gab es nur das objektive Beobachten von physikalischen Prozessen und das Erkennen von Aktionen und Gegenaktionen. Jede Ursache resultierte in einer Wirkung über eine vermittelnde Kraft. Sehr viel später wurde man dann der weitreichenden Erkenntnisse der Relativität und Unschärfe gewahr. Es wurde die Relativität aller Bezugssysteme erkannt, die es uns ermöglicht verschiedene Standpunkte und ihre daraus hergeleiteten unterschiedlichen Wahrnehmungen zu erklären. Der letzte große Erkenntnissprung geschah in der revolutionären Einsicht, dass die Beobachtung immer das Ergebnis beeinflusst und verändert. Dinge und Informationen sind nicht isoliert sondern verknüpft und schwingen in einem gemeinsamen Ergebnishorizont, den Möglichkeiten die durch das Ertasten, also durch das Wahrnehmen zu Realitäten werden. Das bedeutet nicht, dass Dinge nur durch unser konstantes Beobachten und Wahrnehmen existieren. Wir sind durch unser bewusstes Beobachten Teil des Geflechts der Möglichkeiten. Unter der Spitze des Eisberges unserer Wahrnehmung existiert das quantenphysikalische Universum unserer eigenen Möglichkeiten. Wenn Informationen der äußeren und inneren Realität auf die gleiche Weise wahrgenommen werden, so stellt sich die Frage nach dem Unterschied von Realität und Phantasie. Gedanken als Manifestationen der Informationen sind realer als jedes Elektron. Es verschwindet und verschmiert zu verschiedenen Zeitpunkten, taucht dann vielleicht wieder auf, je nach Beobachtungssituation und ist nur real wenn wir es im Experiment zwingen, sich zu manifestieren. Wenn wir nicht ins Kleinste hineinblicken verhält es sich wie eine Welle von Möglichkeiten, sobald wir hineinblicken, verhält es sich wie ein Teilchen und eine erfahrene Realität. Anstelle unserer fundamental angenommenen Wahrheit, Dinge als feste Definitionen von Raum und Materie, ohne jeden eigenen Einfluss zu sehen, ist die Wahrheit der Realität nur eine Möglichkeit, eine Annahme unseres Bewusstseins, die erst durch unsere Erfahrung zur Manifestation der Realität wird. Würden wir es zulassen, so könnte wir eine andere Welt um uns entstehen lassen. Doch wir taumeln durch Raum und Zeit, welche als Werte nur Visionen unserer Vorstellungen sind, welche aus Erfahrungen unserer Wahrnehmung entstanden sind. Doch Raum und Zeit sind gleichen Ursprungs und erfahren durch ihre Relativität die eigentliche Beschneidung ihrer scheinbar absoluten Dimension, denn unüberbrückbarer Raum und unerlebbare Zeit sind nur relative Wertschöpfungen der Wahrnehmung, ja sogar im Maßstab der Physik. Die Fähigkeiten unseres Bewusstseins sind durch unsere kulturellen und soziologischen, über Generationen erlernten Einschränkung und Realitätsmodellen reduziert, obwohl die von uns als real stofflich betrachtete Welt nur aus Tendenzen und Möglichkeiten besteht. So sind wir im Kern unserer Existenz mit dem ganzen Universum verknüpft und erleben unsere eigene Göttlichkeit und Kreationsfähigkeit im begreifen der kosmischen Mechanik. Der Monotheismus hat ausgedient. Nie wieder darf der Klerus die Macht über unser Bewusstsein, die Allmacht und Deutungshoheit spiritueller Werte zurückerlangen. Die neue Stufe der Erkenntnis, ohne den Pesthauch und Knebel vergangener Jahrhunderte, ist der Schlüssel für das Überleben der Menschheit. Das eigene Denken zugunsten einer dogmatischen Sichtweise an einen kosmischen Erziehungsberichtigten abzugeben, kommt einer Selbstverstümmelung gleich. Das Christentum und seine Religionsbrüder bleiben das Sandkastenspiel der Erkenntnisleere eines urzeitlichen Archetyps Mensch, der bis heute die Welt im „Gut”- und „Böse”-Rausch besiegen will und nicht die eigene Volljährigkeit erkennt. Doch diese Verantwortung liegt in uns selbst und die scheinbar ewigen Fragen eröffnen einen neuen Horizont des Seins. Wir müssen nur fragen und uns neu begreifen. Denn das Bewusstsein und Begreifen dieser neuen Welt ist nur der Schaum auf den Wellenkämmen der darunter schlummernden Möglichkeiten. Unsere eigentliche Reise ins Unfassbare hat erst begonnen, denn wir wissen gerade mal, dass wir nichts wissen!