A Silent Rockumentary

A Silent Rockumentary zeigt die in die Jahre gekommene Marching Band „Mardi Gras.BB“ hinter der Bühne, im Studio und im Überlebenskampf zwischen Anspruch und Wirtschaftlichkeit einer neunköpfigen Independentband. Die 52 minütige Nabelschau fokussiert das Prekariat abseits des musikalischen Mainstreams und könnte der Band gerade wegen der raffinierten Promokampagne rund um das Urheberrecht neue Hörer bescheren.

Zunächst fragt man sich, wem man zuerst gratulieren soll. Vielleicht dem Regisseur Jonas Grosch für die grandiose Idee, mittels Stummfilmformat die Musik wirken zu lassen, während die zwar notwendigen aber sonst eher todlangweiligen Band-Interviews als Texteinblendungen auf wenige knackige Kernsätze reduziert werden.

Oder doch der Werbeagentur, die den Release deutschlandweit als Roadshow mit Podiumsdiskussionen zum Urheberrecht inszeniert, wohl wissend, das nur im Wahljahr etablierte Politiker die Nähe zu Künstlern suchen und die Werbetrommel für den Film rühren werden. Die gemeinsame Botschaft legt der Film fest: Am Niedergang der hart arbeitenden „Mardi Gras.BB“ ist die Gratiskultur der indigenen Neulandbewohner, kurz, das Internet Schuld.

Den Verdacht für eine nachträgliche inhaltliche Korrektur durch die Werbeprofis weckt der Regisseur noch auf dem Premieren Podium. Während des Drehs wäre ihm noch gar nicht klar gewesen, welche Kernaussage der Film treffen würde. Die Recherche zu den wirklichen Hintergründen des Dahinsichens von Künstlern bestimmter Nischen bleibt der Film schuldig. Das Internet und seine Nutzer werden als fernes Freibier-Feindbild stilisiert, während die Band nie die eigene Offline-Blase verlässt und einen anachronistischen Soundtrack eines fernen, romantisierten Südstaatenidylls vorträgt.

Das vom Flauschtalker Jörg Thadeusz moderierte Premierenpodium nahe des Moviemento Kinos in Berlin Kreuzberg fällt deshalb inhaltlich erwartungsgemäß eindimensional aus – man ist unter sich.

Politiker müssen sich keine blöden Fragen zur katastrophalen Kulturpolitik anhören, die längst als lästiges Anhängsel der so hervorragenden vernetzten Contentallianz wahrgenommen wird, frei nach dem Motto „Die Wirtschaft wird es schon richten“. Dafür bricht man gemeinsam die Lanze für ein starkes Urheberrecht, die Verteilungspraxis der GEMA und andere alte Werte.

Mardi Gras.BB können sich ein weiteres Mal um die schmerzhaften Antworten zum Karriereknick drücken. Wer nur 50 Gäste auf ein Konzert lockt und davon eine neunköpfige Band zuzüglich Manager, Techniker und Werbung bezahlen möchte, geht nur als hemungslos idealistischer Künstler durch, aber nicht als wirtschaftlich angesagter Akteur.

Das an diesem Publikums-Rückgang sicher nicht die freie Verfügbarkeit von Youtubeclips und diversen Filesharing-Börsen schuld sind, wird wohl sicher jedem einleuchten wie auch die Annahme, das hier auch das Urheberrecht kaum helfen kann.
Dem wurde jedoch auf dem Podium mindestens ebenso vehement widersprochen, wie der Unterscheidung von physischem und geistigen Eigentum.
Spätestens nachdem der letzte Tropfen Freischampus ausgeschenkt war und Mardi Gras.BB noch immer zu hören waren, sollte zumindest das jedem Anwesenden klar geworden sein.

Dabei hätte gerade „A Silent Rockumentary“ mit seiner musikalisch so atemberaubenden Performance den Wert von Kultur für unsere Gesellschaft ins Zentrum stellen und aus den erstarrten, konsumistischen Denkmustern der Unterhaltungsindustrie ausbrechen können. Statt zu fragen, warum Kreativität und Tiefgang immer wieder im wirtschaftlichen Wettstreit mit der austauschbaren Massenware den Kürzeren ziehen, wird ein weiteres Mal der Themenkomplex auf das Urheberrecht und das Internet reduziert.
Freies Kopieren ist längst kein Problem mehr – es ist eine Tatsache, während der anonyme Zugang ins Netz dagegen zur wichtigsten Aufgabe zum Schutz der Zivilgesellschaft vor staatlicher Überwachung wird.

Der digitale Wandel hat nicht nur Produktionsmittel und Vertriebswege für kreative Vielfalt unabhängig von ihrem kommerziellen Potential eröffnet, sondern fordert gerade von der Kulturpolitik einen Paradigmenwechsel. Der Abschied aus dem Elfenbeinturm weniger Kreativer bedeutet gleichsam das steigende Breitenbedürfnis zur Förderung der individuellen Kreativität. Umso dringender wird es, Kultur als Staatsziel in der Verfassung des Landes der Dichter und Denker zu verankern.

Solange jedoch die Förderung lebender Künstler mit gerade mal 140 Millionen einen Prozentsatz an der vierten Stelle hinter dem Komma ausmacht und solange aktive Kulturschaffende noch immer um Anerkennung bei der Künstlersozialkasse betteln müssen, um endlich sozial- und krankenversichert zu sein, wird uns die Urheberrechtsdebatte weiterhin als Alibi für das Durchsetzen veralteter Geschäftsmodelle erhalten bleiben.
Als systemrelevant gelten bisher nur Banken, die vor drohenden Pleiten gerettet werden. Wieso eigentlich nie Kulturschaffende?
Es wird Zeit für eine neue Kulturpolitik ohne Urheberrechtsdebatte.

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