Orchestrierter Lokalpatriotismus


Ich gehöre ja zu jenen, die dem kommerziellen Fußball wenig abgewinnen können. 22 Millionäre die einem Ball hinterher rennen und zu den angesehensten Menschen unserer Gesellschaft gehören. Dabei ist der spielerisch-sportliche Stellvertreterkampf für so manche Fans weit mehr als ein friedliches Kräftemessen.
Auch bezogen auf das Credo der Leistungsorientierung unserer komsumorientierten Gesellschaft habe ich so manche Frage.
Sportvereine wie der FC Bayern München zählen letztendlich zur ausgeprägtesten Form konsumorientiertem Wachstums. Sie produzieren keine eigentlichen Produkte, sondern Konsumenten und Fans selbst, die dann fremdbestimmt mittels überflüssiger Produkte überflüssige kulturelle Rudimente einer von Ausgrenzung und Diskriminierung beherrschten Welt bedienen.
Harald Welzer bezeichnet das in seinem sehr zu empfehlenden Buch „Selbst Denken” als chronische Bedürfnisinkontinenz. Der konditionierte Fan wird laufend durch neu erweckte Bedürfnisse wie Bundesliga, Champions League und was nicht noch so alles an Wettkämpfen aufs Neue stimuliert und zu mehr Konsum angetrieben. Ein ökonomisches Perpetuum Mobile – Geld verdienen mit Geld.

Die Millionensummen, die die Deutsche Telekom als Sponsor an den FC Bayern München zahlt, sind zweifelsohne gut angelegtes Geld. Mit jedem erfolgreichen Spiel wäscht sich der Konzern vom Netzneutralitätsdebakel in der Öffentlichkeit rein – zumindest bei den meisten Fans des Vereins. Tolle Bilder bleiben länger in Erinnerung als „nerdige“ Termini wie Netzneutralität.
Solange dieses Treiben auf dem Rasen, respektive in den Liveberichterstattungen der Medien bleiben würde, – für die übrigens auch Abermillionen aus der Haushaltsabgabe berappt werden – wäre ja alles beim Alten und es gäbe keinen neuen Grund der Klage.

Diesen Prinzipien des Turbokonsumismus entgegengesetzt stehen die Kultur und ihre Institutionen, wie z.B. Orchester, Museen und staatlich subventionierte Bühnen. Diese werden größtenteils von den Steuergeldern der Bürger bezahlt. So sind die Eintrittskarten für die höheren Künste durchaus ein kleines bisschen „bedingungslose“ Kulturallmende für jene, die sich ein Ticket leisten können. Ohne Kulturförderung wären die Eintrittskarten sicher unerschwinglich.

Umso ärgerlicher ist es, wenn ein hochsubventionierter Klangkörper, die angesehenen Münchener Philharmoniker, plötzlich lokalpatriotistisch in den Reigen der primitiven Fan-Bedürfnisbefriedigung eintreten und im Bayern-München-Trikot konzertieren.

Wenn ein von Steuergeldern bezahlter Maestro Lorin Maazel das Telekom-Logo zu heroischer Klassik aufträgt. Wenn auf den Meisterverein getextete Libretti vom Chor der Philharmonie vorgetragen werden.

Sollte diese Veranstaltung von der Telekom bezahlt worden sein, so müsste dies zumindest im Abspann des Videos zu lesen sein. Sollten die Philharmoniker sich aus fußballerischer Begeisterung zu dieser armseligen Verbrüderung hinreißen lassen, so fragt man sich, ob diese Form der Unterstützung für einen Fußballverein und seinen Sponsor nicht ein wenig zu viel ist.

Dabei erfährt dieses Schauspiel im Lichte der Steuerhinterziehungsaffäre des Doppelmoralisten Hoeneß noch einen besonderen Missklang. Die Dissonanz der zwei Klassen unserer Gesellschaft: Jene, die sich alles leisten können und jene, die für den Mundraub einer abgelaufenen Ware ihren Job verlieren. Nein, das ist keine Neiddebatte – Das ist eine Frage des Anstandes.

Die Texteinblendung vor dem Video bringt es zynisch auf den Punkt: Spitzenklasse hält in München zusammen.

Darauf: Prost Malzeit!

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