Metall auf Metall II – Die Enteignung einer Generation


Zugegeben: Setlur und ihr Produzent Moses P. sind nicht die Sympathieträger der Musikindustrie, aber die heute abgelieferte Begründung zum Urteil des seit 1997 andauernden Rechtsstreit um den Song “Nur mir”, der ein Sample des Kraftwerk-Songs “Metall auf Metall” verwendet, hat Sprengkraft und verunsichert die Kreativen der Musikbranche: Sampling ist teilweise legal, innerhalb schwer zu bewertenden Kriterien, aber nicht so wie bei Setlur! [1]

Das BGH Urteil “Metall auf Metall II” würgt Kreativität nicht nur ab, es enteignet eine ganze Generation und ihre Musikkultur. Kreatives Komponieren folgt nicht den starren Regeln einer realitätsfremden Rechtssprechung. Indes kommt das Verbot der Verarbeitung von mikroskopischen Klangschnipseln fremder Werke einer bisher ungekannten Zensur für Urheber gleich. Es beweist ein weiteres Mal wie weit das Urheberrecht in erster Linie dem Interesse der Unterhaltungsindustrie und ihren Verbänden folgt. Anstatt aus dem Marktversagen neue Wege für die Zukunft einer modernen Kreativindustrie zu entwickeln, wird das Verharren in alten Denkmustern belohnt und das Kompensieren des Umsatzrückgangs durch Abmahnungen riesiger Verlagsrepertoires ermöglicht.

Dabei sind gerade Original, Bearbeitung, Kopie und Plagiat musikhistorisch gewachsene Begriffe eines fliessenden Übergangs, in den sich Sampling als eine der modernsten Kulturtechnologien einreiht. Noch in der klassischen Musik galt das Einflechten von Zitaten und die Bearbeitung in die eigenen Werke als eine besondere Disziplin und Kunstfertigkeit, die erst durch das Aufkommen des kommerziellen Notendruckes reguliert und sanktioniert wurde.
Die Orientierung am Prinzip von Angebot und Nachfrage hatte so im 17. Jahrhundert ihren Ursprung. Sie wurde im Zuge der Demokratisierung und Verbreitung durch Massenmedien wie Radio, TV, CD und Internet immer weiter auf die Produktions- und Vertriebsprozesse großer Oligopole optimiert. Die schöpferische Freiheit hingegen wurde aus vermarktungsrechtlicher Überlegung Schritt für Schritt eingeschränkt, wie jetzt wieder im aktuellen BGH Urteil.

Wenn heute aus kleinsten Klangschnippseln (Samples) neue Werke eigener Schöpfungshöhe entstehen, spiegeln Komponisten ihre Gegenwart, den gesellschaftlichen Wandel einer vernetzten Informationsgesellschaft, die im Link und der Indexierung die Beziehung und Verwandtschaft aller Kulturgüter zueinander ausdrückt.

Ganz pragmatisch und spielerisch entstand Anfang der 80er mit dem Sampling eine neue Kultur der Kollagenkunst. Der Prä-Industrial von Throbbing Gristle, SPK, Einstürzende Neubauten und Psychic TV experimentierte mit der neuen Technologie, die durch elektronische Bands wie Depeche Mode, OMD, Nine Inch Nails und Young Gods in die Popkultur des Techno von heute getragen wurde. Gangnam Style ohne Sampling ist so undenkbar wie Popkultur ohne Zitate. Undergroundstars des Gothic wie Wumpscut, Front Line Assembly und Skinny Puppy dürfen sich jetzt vor Abmahnanwälten fürchten. Wer sich die Rechte zur Durchsetzung von “dubbed dialogue samples” sichert, kann eine ganze Musikszene zu Tode klagen, denn die aus Filmen entlehnten Sprachsamples wurden in den allerwenigsten Fällen offiziell lizensiert.

In diesem Licht kommt das BGH Urteil einer unverhältnismäßigen Verschärfung gleich, die sicher bald von Interessengruppen anderer Kreativbranchen entdeckt und eingefordert wird. Das BGH folgt dabei jenen Kriterien, die in der Durchsetzung von Immaterialgüterrechten in der Musikindustrie bereits in den USA zu Millionenschweren Prozessen zu Gunsten großer Verlagsrepertoires und zum Schaden moderner Urheber führten.
Damit werden auch ein weiteres Mal große Konzerne gestärkt, denen es leicht fällt Lizenzrechte mit einer Armada von Anwälten offiziell zu lizensieren, besonders wenn die angefragten Rechte bereits im eigenen Tresor liegen. Den eindeutig Kürzeren ziehen hierbei vor allem jene sich selbst vermarktenden Urheber, die weder das nötige Kleingeld, noch die Personaldecke haben, um diese Rechte einzuholen.

Auf meine Anfrage bei Universal nach der Lizenz für ein “dubbed dialogue sample” eines ihrer Filme wurde mir eine vier- bis fünfstellige Summe vor der eigentlichen Verhandlung als Lizenzgebühr in Aussicht gestellt.

Dabei stößt bereits die Wahrnehmung an die Grenze der BGH Rechtssprechung. Wer vermag nachzuweisen, welches Sample aus welchem Stück stammt, wenn viele Werke sich gleicher Quellen bedienen. Umso erfahrener ein Produzent, umso leichter fällt ihm die akustische Camouflage des Ursprungs-Klanges. Nur will er das auch immer? Wenn Künstler wie der israelische PTYL ein neues Werk aus unzählbar vielen Quellen erzeugen, zitieren sie häufig aus Songs die selbst vielfach aus anderen Werken “gesamplet” wurden. [2]

Wenn Sprachsamples aus Filmwerken einen Bezug zum Songinhalt setzen, handelt es sich bewusst um ein Zitat, das eigentlich über die Schranke des Urheberrechts erlaubt sein sollte. Wenn ein Sample wie “Metall auf Metall” als jenes Zitat begriffen wird, erhält das Leistungsschutzrecht der originalen Tonaufnahme ein unangemessenes Gewicht.

Viele Produzenten nutzen in modernen Musikproduktionen sequenzierte Arpeggios und Klangbibliotheken, die als Preset (Vorprogrammiertes Klangmuster) mit dem Kauf des Apps oder Synthesizers lizensiert wurden. Nach aktueller Rechtssprechung müsste jeder Produzent, der diese Klangelemente nutzt, den Besitz dieser Lizenz auf Anfrage nachweisen können.

Und zuletzt: Wer soll all diese zukünftigen Abmahnungen als Clearingstelle bearbeiten? Wer bestimmt, inwieweit das Sample allgemein zu erkennen ist, denn nichts ist vielfältiger als die individuelle Rezeptionsfähigkeit.
Durchsetzen werden sich hier wie im restriktiven Patentrecht jene Verlage, die über genügend juristische Manpower verfügen. Der einzelne, selbstvermarktende Künstler wird sich hingegen kaum durchsetzen können.

In einem Zeitalter, das häufig den klanglichen Charakter eines Audiomems zum eigentlichen Merkmal einer kreativen Schöpfung stilisiert, vermischen sich die Begriffe Urheberrecht und Leistungsschutzrecht in einem Maße, das keine eindeutigen Unterscheidung zulässt, den Begriff der Werkhöhe ins Absurde steigern und aus dem Urheber Schutz eine Bedrohung für Urheber machen.

Die produktive Entlehnung, das Zitat und die Neuwidmung von Ideen sind Bausteine der Entwicklungsbrücke, die das kulturelle Gestern mit dem multimedialen Heute verbindet. Das gilt umso stärker in einer offenen, schnelllebigen und kreativen Netzgesellschaft, welche die kulturelle Gegenwart in die Zukunft führt. Das Leistungsschutzrecht muss begrenzt und das Urheberrecht endlich an den digitalen Wandel angepasst werden. Für die Urheber.

Passend zum denkwürdigen Urteil: Die heute gestartete Petition für eine neue Remixschranke des Urheberrechtes auf ein “Recht auf Remix” [3]

[1] http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=en&client=12&nr=64004&pos=0&anz=1&Blank=1.pdf

[2] http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&cad=rja&ved=0CDQQtwIwAA&url=http%3A%2F%2Fde.youtube.com%2Fwatch%3Fv%3D-Sf1PRfaNww&ei=QLnNUK2jBcHetAa-jYHgDA&usg=AFQjCNEckGXUG_t6q8NQaDhI_J4RiPGDpA&sig2=1X-BNr9b392rFG_y49Au4Q&bvm=bv.1355325884,d.Yms

[3] http://rechtaufremix.org/petition/

Bildnachweis: cc-by-nc 2.0 Markus Wichmann / Flickr

2 thoughts on “Metall auf Metall II – Die Enteignung einer Generation

  1. Das lustige an dem Thema (sofern man daran was lustig finden kann) ist ja genau das im ersten Absatz angesprochene. Der durchschnittliche Reflex des geschmackbegabten Musikenthusiasten würde ja, bevor das Nachdenken einsetzt, sich per default auf die Seite von Kraftwerk stellen.

    Gibts eigentlich von Kraftwerk selber (also den Künstlern) eine Aussage dazu, warum sie das moralisch total knorke finden, sich so zu verhalten?

    Naja, erstmal WGT, dann wird die Laune wieder besser.

  2. Reblogged this on Robert Stein-Holzheim über … und kommentierte:
    Unerträglich, wie sich da eine Horde Sesselpupser im Auftrag der Industrie über die kreativsten Köpfe der Welt – unsere Künstler – das Regieren anmaßt. Vielleicht sollte man die verklagen, die das alles veröffentlicht haben und jetzt meinen, in die emotional hochsensible Welt der Kunst Gift verspritzen zu müssen. Niemand hat diese fasch … Mischpoke gewählt. Pfui! Und wir sollten mal drüber nachdenken, wie wir die Tausende von Künstler demokratisch über solche Themen abstimmen lassen können.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s