Pferd oder Schwein?

fleisch
Persönliche Reflexion des alltäglichen Speziesismus

Ein stillschweigend vorausgesetztes, alle Bereiche des menschlichen Daseins durchdringendes Prinzip hat seit Jahrtausenden überlebt: Die Bevorzugung einzelner Gruppen, seien sie politischer, sozialer oder eben einer nichtmenschlichen Spezies scheint allzu menschlich. Dieses ganz und gar „menschliche“ Verhalten erscheint meist umso feindseliger, je näher die Diskriminierung von Geschlechtern, Herkunft oder eben auch Gattungen der eigenen ist. Die Waagschalen der „universellen“ Gerechtigkeit geraten fast immer ins Ungleichgewicht sobald es sich um die Grenzbereiche der menschlichen Vorbehalte handelt, denn wer entscheidet ob das Leben eines nicht minder leidensfähigen Zuchtschweins mehr zählt als jenes edlen Sprosses einer Hundezucht mit Stammbaum und Adelstitel. Der Fleischskandal um Rind oder Pferd löst den Verbraucherzorn nicht zuerst wegen der Fragen zu den wirklichen Zutaten in der Lasagne aus – Wer nach billigsten Fleischtöpfen schielt, liest selten das Kleingedruckte. Für einen großen Teil der Verbraucher geht es um das Pferd, das einfach nicht zum Beuteschema passen mag. Pferde gehören zu den privilegierten Tieren und die menschliche Nächstenliebe ist ihnen im Allgemeinen sicherer.

Innerhalb der eigenen Spezies sind solche Vergleiche heute zutiefst beschämend, denn die diabolische Rechtfertigung der Sklaverei und der Ausrottung der Indianer sind geächtet und garantieren den Absturz innerhalb der Gesellschaft. Jedoch genau hier lässt sich die Wurzel des Speziesismus greifen. Gilt es nicht, diese Wertigkeiten durch eine „universelle“ Formel der „leidensfähigen Kreatur“ hinwegzuwischen um jeden zukünftigen, als Wertekanon getarnten Diskriminierungsversuch von vornherein zu entlarven? Diese Fragen stellte bereits in den 70er Jahren der Philosoph Peter Singer, Vertreter des Utilitarismus in seinem berühmten Werk „Befreiung der Tiere“ und seine Thesen sind heute nicht minderer Sprengkraft.

Angesichts der globalen Wirtschaftsprobleme und den daraus resultierenden Krisen- und Kriegsherden, erscheinen die Gräuelbilder der Tierschützer sekundär und kleinlich, bestenfalls als notwendiges Übel. Spätestens vor dem nächsten Fastfood-Restaurantbesuch wird mit dem Argument “Menschen essen schon seit Jahrtausenden Fleisch und es ist wichtig für unsere Ernährung“ beschwichtigt. Aber der Homo erectus war in seiner kurzen Entwicklungsgeschichte zum Homo oeconomis immer anpassungsfähig. Die Annehmlichkeiten der modernen Welt werden auch nicht gegen den Luxus der Höhlenmenschen oder Kannibalen eingetauscht, nur weil es natürlicher wäre.
Natürlich wäre zumindest die Abkehr von der Massentierhaltung geboten, welche die Rohsubstanz für den täglichen Happen aus der geheimgehaltenen Anonymität der Fleischfabriken liefert und großen Anteil an der ökologischen Katastrophe von Morgen tragen wird. Wenn verniedlichende Produkte wie Fleischwürste mit stilisierten Grinsegesichtern aus Gelbwurst oder glücklich feixenden Schweinchen auf Metzgereitafeln schon bei der jüngsten Kundschaft vom millionenfachen Leiden ablenken, desensibilisieren und sämtliche Vorbehalte verklären, sollte der Verbraucherschutz zu erst hier ansetzen, an Stelle mit neuen Screenings und Kontrollen die absolute Transparenz der Herkunft von Fleisch zu heucheln. Der Irrsinn lauert in den externalisierten Kosten und in der Bilanz eines „produzierten“ Stück Fleisches: Der Wert von Fleisch rangiert schon lange hinter dem von Tierfutter.

Sicher, in einer grauen Vorzeit ungezähmter Natur sah das anders aus. Jedes noch so kleine Stück, der Natur abgerungene Zivilisation galt es zu verteidigen, jedes erbeutete Stück Fleisch rettete vor dem Hungertod, ganz im Sinne von: „Es oder Ich“. Aber im Zuge des immerwährenden Fortschrittes der menschlichen Technisierung, der Urbanisierung der letzten wilden Flecke unseres Lebensraumes und scheinbar grenzenlosen Ausbeutung einer schwindenden Welt hat sogar der erzkonservative Gierschlund begriffen: Der technische Fortschritt ohne Weiterentwicklung von Moral und Ethik ist schon seit Oppenheimers Dilemma um die Hiroshimabombe in einer selbstzerstörerischen Sackgasse und fordert den Paradigmenwechsel, den Scheideweg der postmodernen Gesellschaft.
Könnte sich in diesem Zuge nicht auch eine neue Definition der „Mitkreatürlichkeit“ entwickeln, hin zum Verständnis, dass das lebende und leidensfähige Wesen Rechte besitzt wie unsereins? Ist gerade nicht erst unsere viel zitierte Vernunft dazu auserkoren sinnstiftendes Heil über all jene zu bringen, die da leiden?
Genau diese Worte zieren jede Sonntagsandacht, wenn bereits die Kruste des Sonntagsbraten im Ofen schwillt. Wäre es nicht für Christen an der Zeit, das Opferlamm, einst Stellvertreter Jesu, neu zu begreifen und an unseren Tisch zu bitten, anstelle es zu verspeisen? So weit geht die Nächstenliebe nicht.

In den letzten fünfzig Jahren hat die Verhaltensforschung an und mit Tieren phantastische Entdeckungen gemacht und die Descartes’schen Vorurteile der Instinktmaschine Tier eingehend widerlegt. Bisher war unsere Verständigung mit den Tieren zu sehr in menschlichen Kommunikationsmustern begriffen, jedoch scheint die Barriere bei immer weiteren Spezies zu bröckeln. Die Lobby der Fleischindustrie wiegelt mit Gegenstudien ab und unser uns selbst erhöhender Starsinn will nicht von seiner Einzigartigkeit ablassen.

Rassismus, Sexismus und Speziesismus sind die Trinität der Unterdrückung und können nur gemeinsam abgelehnt zu einer allgemeinen Barmherzigkeit und ethischen Weiterentwicklung des jetzt noch so barbarischen Technokraten „Mensch“ leiten. Frieden gedeiht nicht im Widerhall eines Schlundes voller Opfer von Gewalt und Mord. Die generelle Ächtung der Gewalt gegen leidensfähige Kreaturen könnte einen Impuls gegen die weltweite Gewaltspirale, Unmenschlichkeit und Ausbeutung bedeuten. So naiv und weltverbesserlich diese Forderung auf den ersten Blick auch wirken mag: Zumindest bewussterer Fleischkonsum als Schlüssel einer neuen Achtung vor jeder leidensfähigen Kreatur egal welcher Spezies, Geschlecht und Rasse wäre vielleicht der Eintritt in die nächste Ebene des ganzheitlichen Menschwerdens, ganz nach Albert Einstein: “Unsere Aufgabe ist es, uns selbst zu befreien, indem wir die Sphäre des Mitleids auf alle Lebewesen ausdehnen“. Für Naivität war er jedenfalls nicht bekannt!

2 thoughts on “Pferd oder Schwein?

  1. Was den Fleischskandal angeht: Ich bin Reiterin und mag Pferde lieber als Kühe, deswegen macht es mir weniger aus ein Rindersteak zu essen wohin gegen es mir nicht einfallen würde Sauerbraten vom Pferd zu machen. Das ist aber nicht der Grund warum ich das mit der Pferdelasagne scheiße finde. Auch nicht die Tatsache das ich sowieso weiß das ich weniger Fleisch zubereiten sollte, oder wenn dann zumindest Fleisch vom Bio-Metzger.
    1. Wenn ich Rindfleisch kaufe, will ich auch das es nur Rind ist und nicht noch sonstwas anderes, da soll dann auch kein Schwein drin sein es geht da für mich weniger nach der sympathie den Tieren gegenüber. (zumal man ja weiß das jegliches Schlachtvieh gelitten hat bevor es auf den Teller kommt, also entweder man isst Fleisch oder eben nicht)
    2. Bei den meisten Rindern (und Schweinen und Geflügel) ist es von vornherein klar das sie in absehbarer Zeit auf irgendeinem Teller landen werden. Was das Pferdefleisch angeht, habe ich zuerst mal an die “Pferdemafia” gedacht, die Pferde die eigentlich ihr Gnadenbrot auf einer Wiese bekommen sollen entweder verwahrlosen lassen oder eben ohne Einverständnis der Besitzer schlachten lassen.
    3. Mitleid habe ich mit allen Tieren- allerdings aus durchaus unterschiedlichen Gründen,
    wobei schlechte Haltungsbedingungen bei allen, vom verwahrlosten Hund , im Zoo eingessperrten Tiger über den Laboraffen bis zur Mastgans oder Legehenne ein Kriterium sind, aber eben auch bei Sportpferden die nicht auf die Koppel dürfen weil sie sich ja “verletzen könnten” oder die durch quälerische Methoden wie Rollkur zu Krüppeln geritten werden oder die Premarin-Stuten die für die Gewinnung vollkommen schwachsinniger Wechseljahresmedikamente missbraucht werden.

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