Popcorn war gestern

google
Das LSR und der große Springertrick

Ich kann mich noch gut erinnern: Von Piratenstammtisch zu
Podiumsdiskussion und zurück – Die Wochen rund um unsere Petition gegen das Leistungsschutzrecht für Presseverleger waren häufig von Desinteresse und tendenzieller Ablehnung geprägt. Der Tenor damals: Wir lehnen uns zurück und kommentieren dann per Twitter den Kampf zwischen David und Goliath, respektive den deutschen Presseverlegern und Google. Nicht wenige Netzaktive hofften schon schon auf den Canossa-Gang des Axel Springer Mannes Keese zu Google, nachdem die deutschen Presseerzeugnisse im Remake der belgischen Situation aus dem Index des Suchgiganten ausgelistet worden wären und dann mit immer weniger Klicks bedacht, auch noch ihre Werbekunden verloren hätten. Allen warnenden Stimmen zum Trotz enthielten sich viele bei der Unterzeichnung unserer Petition aus Schadenfreude. Auch wenn einige bekannte Netzaktivisten das schlechte Abschneiden unserer Petition auf die außerirdische Abfassung des Textes und der Sperrigkeit des Themas zurückführten – Ihre Skepsis wurde zur lähmenden Gewissheit als die Millionen Euro schwere Medien- und Anzeigenkampagne des Suchmaschinenimperiums nicht erfolgreicher gelang als unsere Petition. Die Bürger interessierten sich einfach nicht fürs Leistungsschutzrecht und die Netzbewohner nehmen es kaum ernst.

Die schöne neue Welt funktioniert heute leider anders!
Was wir jetzt in Frankreich sehen können wird zur traurigen Gewissheit – In Deutschland wird es wohl auf einen ähnlichen Kompromiss hinaus laufen, der nur Sieger bei den Großen hinterlässt.
Die deutschen Presseverleger, allen voram Christopher Keese haben hoch gepokert und dabei sogar die Bundesregierung und das Parlament zur Showbühne ihres durchgehuschten Alibientwurfes gemacht. Diese bereits 2009 von den Von Klaeden Brüdern in den Koalitionsvertrag geschmuggelte Idee eines Leistungsschutzrechts erscheint im Rückblick eher wie die Drohkulisse zur Durchsetzung der eigentlichen Wunschvorstellungen, wie sie jetzt auch in Frankreich von Präsident Hollande und Google ratifiziert wurde.
Das 60 Millionen Euro Paket zu Förderung von journalistischen Angeboten und Strukturen im Netz – eigentlich Peanuts – wird ausschließlich den großen Verlegerverbänden zukommen.
Das Google im Suchranking durchaus auch eigene Werbeinteressen implementiert, ist schon lange kein Chemtrail mehr und erklärt, warum gerade der zweite Teil des Deals mehr Wert hat als jede Lizenzabgabe.
Neben technischer Unterstützung und Wissenstransfer hat Google den Verlegern auch Werbevorteile, höhere Beteiligungen an Adsense und bessere Platzierung im Suchangebot versprochen. Auch wenn das alles wolkig klingt – es stellt einen umfassenden, kaum schätzbaren Wettbewerbsvorteil gegenüber kleineren, halb-kommerziellen und alternativen Angeboten dar, die selbst nicht zu den klassischen Verlagsangeboten gehören und am unfassenden Deal nicht partizipieren. Somit wird ein weiteres Mal innovatives Potential ausgebremst und der Abstand zwischen großen und kleinen Geschäftsmodellen künstlich vergrößert. Google entledigt sich vieler kleiner potentieller Mitbewerber und teilt den Markt allenfalls ein bisschen mit den großen Content-Verlegern und Verwertern, an denen nicht vorbei zu kommen ist. Diensteneutralität wird so neben Netzneutralität zum neuen Kriterium um den freien und gleichberechtigten Zugang zum Netz und seinen wirtschaftlichen Potentialen.

Leider markiert das neben dem vielfach angeprangerten Versagen der etablierten Politik auch unsere eigene Krise. Die von uns so blumig fabulierte Vision des digitalen Wandels von der alten, monopolistischen Industrie- zur Wissensgesellschaft universeller Teilhabe hat jetzt einen schwer zu korrigierenden Schönheitsfehler bekommen. Wenn Konzerne und Verbandsstrukturen gegenüber kleinteiligen Geschäftsmodellen wie z.B. Blogs und alternativen journalistischen Onlineangeboten künstlich Vorteile durch die Netzgiganten der Branche erlangen, geht nicht nur die Innovationen stiftende Komponente des Netzes verloren. Gerade der Fortschritt durch kollaborativer und offenen Entwicklungen lebt von der Kraft der Dienste-Neutralität. Er lebt von der Gleichheit der Waffen, des Geistes und den Ressourcen aus denen wir gemeinsam schöpfen.

Dabei zeichnete sich bereits in der Vergangenheit die Politik für die Drosselung wirtschaftlicher Potentiale im Netz verantwortlich. Technische Innovationen waren immer die Grundlage für den Erfolg von Konzernen wie Google, Apple, Facebook und Microsoft. Restriktiven Schutzrechte und die Durchsetzung von Vergütungsansprüchen aus der Nutzung von Inhalten haben diese Innovationen in Deutschland lange verhindert.
Wenn jetzt die global Player der digitalen Ära den Schulterschluss mit den Verwerter Konzernen der alten Welt suchen, wird der Wandel zu einer offenen und auf Teilhabe basierenden Wissensgesellschaft in Deutschland schwerer denn je.
Natürlich wird die Entscheidung noch von vielen Poker-Runden geprägt sein, bis auch die Presseverleger ihre Zustimmung zu einem umfassenden Google Angebot aussprechen und alle Parteien sich als Sieger auf die Schultern klopfen. Das Leistungsschutzrecht für Presseverleger wird dann als unfertiger Entwurf verworfen.

Was heißt das für uns Piraten: Wir müssen in Zukunft noch genauer differenzieren. Das Navigieren zwischen den Klippen staatlicher und wirtschaftlicher Interessen der alten und der neuen Welt ist eine Verantwortung, die nur von Netzpolitikern getragen werden kann, die sowohl in Kernthemen als auch in ihrer gesellschaftlichen Verbreiterung zu Hause sind.
Popcorn war gestern. Zu den Chancen des digitalen Wandels gesellen sich neue Gefahren.

One thought on “Popcorn war gestern

  1. Hallo Bruno, ich wähle mal diesen Weg dich zu kontaktieren. Wir in Gelsenkirchen denken über einen Sternenmarsch nach Berlin nach und dessen Orga. Wir brauchen Prommis die uns helfen. Würde mich über einen Kontakt mit dir freuen, um dir meine Idee mal vorzustellen.
    LG aus dem Ruhrpott
    Jürgen Hansen
    Basispirat

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s