Das Urheberrecht und die unter 30 Jährigen

Die vor zwei Wochen veröffentlichte Allensbach-Studie fragt nach der Akzeptanz des Urheberrechts und stellt dessen breite Ablehnung im Internet bei den unter 30-Jährigen fest. Kein Wunder, versteht der Großteil der „digital natives“ das Urheberrecht mittlerweile nur noch als Bedrohung der Privatsphäre und tiefen Eingriff in den freien Lebensraum Internet. Viel zu lange haben Verwerter und etablierte Parteien unisono die Rechte der Urheber zur Chefsache verklärt, restriktive Kontrolle der Privatsphäre und Warnmodelle gefordert und dabei eigentlich nur die lückenlosen Verwertungsoptionen unter dem Banner des Urheberrechtes auf das Internet ausweiten wollen.

Der Unterschied zwischen Nutzungsrecht und Urheberrecht verschwand in der nicht endenden Gebetsmühle des Gleichnisses eines gestohlenen Fahrrads und einer kopierten Datei, während man die medienkompetenten Nutzer als amoralische Verbrecher brandmarkte, auf die gleiche Stufe mit Kapitalverbrechern stellte und ihre Argumentationen als Gratiskultur diffamierte.

Dass die Ablehnung des Urheberrechtes laut der aktuellen Studie vor allem die unter 30-Jährigen betrifft, erinnert dabei frappant an die Wertebrüche älterer Generationen. Das Establishment fand zu jeder Zeit moralische Erklärungen für Sitten- und Werteverfall, der als Ausdruck einer freiheitlichen und rebellischen Jugendbewegung für die Erneuerung und den Fortschritt sorgte. Eroberte Lebensbereiche, die im Laufe schmerzhafter Geburtswehen unsere Gesellschaft erneuern und den technologischen Entwicklungen eine menschliche Komponente verleihen.

Die Werte des konservativen Marktestablishments, die häufig auch ethisch fragwürdigste Ausbeutungsverhältnisse vertreten, stehen im krassen Widerspruch zum Internet-Gründungsmythos und den Idealen des Opensource.

So widerspricht die Einhegung der grundsätzlichen Forderung nach Teilhabe aller, jenem Leitsatz, der mit dem Netz begann. Partizipation steht aber nicht nur am Ende eines langen Weges, der vom Totalitarismus, Kolonialismus über Einhegung und Kapitalismus zu Bürgerbeteiligung, Pluralismus und Open Government führt, sondern vollzieht sich auch in kleinen Schritten in der übergangslosen Diversifikation der noch vor einer Generation strikt getrennten Positionen von Urhebern und Rezipienten, hin zu einer schöpferischen Gesellschaft kreativer Nutzer und zitierender Urheber.

Statt die Anpassung durch Angebote und lizenzfreie, der Fair Use Regelungen ähnlichen, Verfahrensweisen im Netz zu etablieren, wurde größtenteils auf Zementierung alter Ansprüche gedrängt. Die Industrien der Vergangenheit waren in diesem Prozess nicht zimperlich und schreckten auch nicht vor der Zerrüttung des uralten Paktes zurück, dem elementare Vertrauensverhältnis zwischen Konsument und Schöpfer.

Der Schöpfer als gieriger Wegelagerer gegenüber dem kulturverachtenden Gratis-Konsumenten hat jede Diskussion im Frontenkrieg erstickt.

Statt über eine Anpassung an das digitale Zeitalter nachzudenken, wurde das Urheberrecht zum elementarsten Menschenrecht verklärt und die Reform als Angriff auf die Grundwerte unserer Gesellschaft niedergerungen.

Dem hingegen unterstreicht das zweistellige Wachstum der neuen digitalen Angebote die alte Forderung der netzaffinen Gesellschaft nach Angeboten statt Restriktion und führt die ihnen unterstellte Selbstbedienungsmentalität ad absurdum. Die Generation der unter 30-Jährigen empfindet dagegen die als Urheberrechtsdebatte getarnten Verwerterforderungen als Bedrohung und lehnt jetzt das Urheberrecht in seiner Gesamtheit ab.

Dabei sprechen diese Nutzer den Urhebern gar nicht das Recht ab, an ihren Werken zu verdienen. Beginnt man die sachliche Debatte um das wirkliche Urheberrecht, ist die Akzeptanz vieler wesentlicher Punkte bemerkenswert. Weder Persönlichkeitsrechte, noch das Recht auf Honorierung werden abgelehnt. Die Urhebervertragsrechte, die dem Urheber mehr Rechte gegenüber den Verwertern einräumen, werden unterstützt und die Allmacht der Verwertungsgesellschaften gegenüber kommerziellen Nischenprodukten kritisiert, deren Reform bei Verteilungsgerechtigkeit und Transparenz angemahnt.

Die Allensbach-Studie belegt nicht die mangelnde Moral einer Bevölkerungsgruppe gegenüber Urhebern. Sie zeigt, wie sehr die oligopolen Verwerterstrukturen und ihre restriktiv vertretenen Nutzungsrechte abgelehnt werden.

Es ist Zeit, den unter 30-Jährigen zuzuhören.

One thought on “Das Urheberrecht und die unter 30 Jährigen

  1. Ich bin über 30 und vielleicht passt mein Kommentar nicht ganz zu deinem Thema, aber wohl zur “Bedrohung der Privatssphäre”.
    vor zwei Jahren erwarb ich einen BluRay-Player. Der hat mehr und mehr Probleme damit, Nicht-Indie-Veröffentlichungen abzuspielen. Google sagt, das liegt ein einem neuen Sicherheitszertifikat. Verdammt, ich will einen Film sehen, den ich gekauft habe. Ich habe auch kein Problem damit, irgendjemandes Urheberrecht anzuerkennen, weil mir das auch wurscht ist, wenn mir das Ergebnis des Urhebers nicht gefällt. Aber was bringen Beschränkungen, gesetzliche wie technische, wenn es nur die betrifft, die einfach Musik hören und Filme sehen und sehr wohl dafür Geld ausgeben wollen??? Ich wette diverse Hackergruppen haben das Problem eh längst umgangen. Wer steht dann wohl (zurecht) in der Gunst der freien und fairen Nutzer besser da?

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