Über Lebensmittel

Wir kennen von fast allen Dingen den Preis, aber selten den wirklichen Wert. Die Haushaltsausgaben für Lebensmittel betragen im EU-Schnitt nur noch 12 Prozent unseres Einkommens – Lebensmittel waren noch nie so billig, selbstverständlich und unterbewertet wie heute. Die Lebensmittel- und Agrarindustrie verbucht weltweit die größten Renditen. Das Ungleichgewicht der Kostenbilanz geht zu Lasten der Umwelt, denn die ökologischen Folgekosten werden externalisiert, das heißt, aus der betriebswirtschaftlichen Kalkulation herausgenommen und sich selbst überlassen. Obwohl wir mit unserer Umwelt untrennbar verbunden sind, wird ein großer Teil der irreparablen Schäden hinter dem marktwirtschaftlichen Normativ angestellt, in der Hoffnung, diesen durch technologischen Fortschritt in der Zukunft Herr zu werden. So war das Artensterben nie größer, das Ausmaß der Umweltkatastrophen schwerer und die Sensibilität und Wertschätzung der Schöpfung gegenüber geringer.

Die Nahrungs- und Agrarindustrie ist in Sachen Ausplünderung unseres Planeten Spitzenreiter. Wenn Konzerne wie McDonald’s die gesamtbilanzierten Schäden tragen müssten, welche durch den CO2 Ausstoß, die Bodenerosion, den Wasserverbrauch, die Vergiftung von Biosphären und ernährungsbedingter Folgekosten entstehen, würde ein Burger 100 Euro kosten (Nancy Dunne, Financial Times). Trotzdem erhalten alle fleischproduzierenden Großbetriebe massive Subventionen aus regionalen, Bund- und Europatöpfen (z.B. Tönnies, Deutschlands größter Schlachtfabrikbetreiber in 2008 mit über 2 Mio. Euro). Die Schäden, die durch diese Industrie entstehen, sind jedoch kaum zu beziffern. Wie eine Studie der Vereinten Nationen ermittelte, sind 18 Prozent der Treibhausgase auf die Nutztierindustrie zurückzuführen. Das World Watch Institut kam sogar auf 51 Prozent der weltweiten Treibhausgase.

Ganze 35 Prozent des weltweit angebauten Getreides werden für die Futtermittelindustrie und die Herstellung von Biokraftstoffen verarbeitet und an Mast- und Schlachttiere verfüttert oder in Verbrennungsmotoren eingesetzt. Eine astronomische Menge von 2,2 Milliarden Tonnen, mit der man den wachsenden Hunger in der Welt lindern könnte. Ein Mastschwein frisst im Laufe seines Lebens knapp eine Tonne Futter, ein Rind sogar bis zu sechs Tonnen. Jedes Kilogramm Rindfleisch verbraucht ein Äquivalent von neun Kilogramm Getreide.
Eine mit Sojabohnen bestellte Agrarfläche in der Größe eines Hektars ernährt statistisch 5000 Menschen, während nur weniger als 200 Menschen von dem Fleisch der geschlachteten Tiere satt werden, die mit dieser Menge Soja gefüttert wurden. Dennoch werden in der zweiten und dritten Welt jedes Jahr gigantische Flächen abgeholzt um weitere Anbaugebiete für Mais- und Sojamonokulturen zum Tiernahrungsanbau zu erschließen. Diese Enteignung von Naturressourcen verschärft die Nahrungskrise in den armen Ländern, erhöht die Kindersterblichkeit und provoziert soziale Krisenherde.
Monetär betrachtet sind bereits die Schäden, die in der dritten Welt durch die westlichen Schlachttierproduktion entstehen, um ein Vielfaches höher als die Schulden, die Jahr für Jahr von diesen Ländern bei den westlichen Industrienationen aufgenommen werden müssen.

Die Fischereiindustrie hat innerhalb von nur 100 Jahren das Ökosystem der Ozeane regelrecht gekippt. Laut den Vereinten Nationen gibt es in den Ozeanen 150 sogenannte „tote Zonen”, die durch die Einleitung von Abwässern und Düngemitteln geschaffen wurden. Diese Bereiche dehnen sich in Küstennähe durch die weitere Überdüngung und Erwärmung aus und führen zum Absterben von Korallenriffen und küstenheimischen Arten, aber auch zu klimaschädlichen Abgasemissionen aufgrund erhöhten Bakterienbefalls. Das vielfache Artensterben der Meere ist jedoch hauptsächlich auf die Schleppnetzfischerei zurückzuführen. Aber auch die Massentierhaltung der Aquakulturen, die für einen Fisch auf dem menschlichen Teller drei weitere Fische verfüttert, belastet das Wasser während der Aufzucht mit Antibiotika und Giften biologischer und anorganischer Herkunft. Generell wird unsere wertvolle Ressource Wasser für die Futtermittelindustrie und die Tieraufzucht hemmungslos verschwendet. Laut Vereinte Nationen verbraucht man für die Produktion von 100 Gramm Fleisch auf dem Weg zum Mund des Konsumenten fast 8000 Liter Wasser.

So benötigt laut einer statistischen Betrachtung von John Robbins (Pulitzerpreisträger für Lebensmittelstudie) die Ernährung eines Fleischkonsumenten am Tag 15.000 Liter, während die Bilanz von Vegetariern und Menschen mit reduziertem Fleischkonsum mit 1000 bis 5000 Liter weit geringer ausfällt. Weltweit sterben jedes Jahr viele Tausend Kinder an den Folgen verunreinigten Trinkwassers. Eine halbe Million Tonnen Kot fällt alleine in Deutschland innerhalb eines Jahres bei der Aufzucht von Schweinen an. Der durch Medikamente, Wachstumshormone und sonstige Umweltgifte belastete Kot ist als Dung auch für die um das 300-fach erhöhte Stickoxide-Emission verantwortlich.

Der Anbau der Futtermittel, das Abholzen wichtiger Bioflächen, die kaum abzuschätzenden Folgen der Ausbreitung transgener Saatgute und die summierten Gesundheitsschäden durch Biozide und Abwässer ergeben die eine erschreckende Negativbilanz, die externalisierten Kosten der Industrie. Nachhaltige, ökologische Tierhaltung hingegen gibt der Umwelt weit mehr zurück, als sie verbraucht. Ein Effekt der weder von den Wirtschaftsverbänden noch von den verantwortlichen Regierungsorganen honoriert oder subventioniert wird. Subventionen fließen vorrangig für die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen in die großen Lebensmittelindustrien.

Um auch noch den nachfolgenden Generationen eine überlebensfähige Welt zu hinterlassen, müssen wir unser Konsumverhalten gegenüber Lebensmitteln, Energie und Ressourcen grundlegend ändern. Die Begrenzung des Fleischkonsums ist ein gesellschaftlicher Auftrag, der in seiner marktwirtschaftlichen Tragweite eine Verlagerung vom Preiswerten zum Wertvollen verlangt.

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