Punk is not dead!


Das Internet macht es möglich: Wir können heute an allen globalen Ereignissen live teilnehmen. Wer heute die Berichterstattung zum Schauprozess gegen den zivilen Ungehorsam der Punkmusikerinnen von Pussy Riot miterlebt, fühlt sich ins 18.Jahrhundert versetzt.

Gleichzeitig erinnere ich mich an die Ursprungsintention der Punk Bewegung, die mit ihren gesellschaftlichen Forderungen in den 70er wesentlich mehr zur Öffnung unserer Demokratien beigetragen hat, als zur musikalischen Revolution einer drei Akkorde Reduktion selbst. Dennoch ist der große Feldzug gegen das verkrustete Establishment der 70er heute nicht mehr als ein Modebegriff – Das musikalische Pendant, die Toten Hosen, sie spielen heute massenkompatiblen und vor allem kommerziell erfolgreichen Stadion Rock.

So gesehen sind Pussy Riot die letzte wahre Punkband, die in einem totalitären System aufrecht gegen die Obrigkeit anspielten.
Ihr Stossgebet in der Kirche gegen Putins neuerliche Machtergreifung vor der Wahl hatte für die Anklage ausgereicht.
Das jetzt verkündete Urteil ist jedoch bereits im Wortlaut eine Zumutung für jede Demokratie: “Rowdytum” und “Anstiftung zum religiösen Hass” sind der Straftatsbestand, der eine 3 jährige Gefängnisstrafe nach sich ziehen könnte. der eine zwei jährige Gefängnisstrafe im Straflager nach sich zieht.

Die Medienwirksamkeit ist bedacht: Schon zu lange trachtet die orthodoxe Kirche nach der Macht in Moralfragen. Sie stützt die politische Machtergreifung und Kontrolle sämtlicher Staatsorgane durch Putin, der es seinerseits bei keiner Rede zur Lage der Nation ausläßt, als braver Kirchengänger den Sittenverfall der Gesellschaft zu geißeln. Diese Kontrolle von zwei Seiten soll die letzten Bastionen der Systemkritiker einnehmen. Künstler leben in Russland zwar häufig unter den ärmlichsten Verhältnissen, sie stehen jedoch seit Jahrhunderten “Volkes Seele” am nächsten.

Der Prozess und das Urteil haben Wirkung auf alle Kunstschaffenden. Bereits vor Jahren forderte Putin restriktive Verbote für Jugendliche. Der Konsum oppositioneller Musik oder die Zugehörigkeit zu einer Musikszene zieht drakonische schulische Strafen nach sich. Kulturschaffende in Russland werden wohl in Zukunft kritische Töne gänzlich unterlassen, während Veranstalter alternativen Musikszenen Absagen erteilen werden. Die behördlichen Auflagen und Anträge, mit denen sich Veranstalter herumschlagen müssen, hängen von der Willkür der Staatsbeamten Putins ab.
So ist Russlands postkommunistische Perestroika und Glasnost längst einem diktatorischen Konsumzarenreich gewichen, das Kritik offen und gnadenlos verfolgt. Putins kapitalistisches Regime hat nicht nur jede Opposition ausgeschaltet, unliebsame Pressevertreter hinter Gitter verschwinden lassen – manche starben auch schon vorher aus ungeklärten Gründen – und jetzt sogar harmlose politische Äusserung zur Sühne gebracht.

Klassisch ist die stoisch-stolze Ergebenheit der russichen Musikerinnen in ihr Schicksal. Eine Courage die man in unseren Breiten als Jeanne D´Arc Fatalismus bezeichnen möchte. Sie verwehren Putin jetzt sogar die gönnerhafte Pose der Begnadigung, die er auf ein entsprechendes Ersuchen ausprechen könnte, mit den Worten: „Er soll sich bei uns entschuldigen.“

Als Musiker einer früher häufig religionskritischen Gothic Band, läuft mir angesicht dieser heroischen Verwegenheit ein Schauer über den Rücken. Als wir unser Album „Satanische Verse“ mit Songs wie „Gott ist tot“ und „Satans neue Kleider“ Anfang der 90er veröffentlichten, fühlten wir uns unglaublich couragiert, denn im erzkatholischen Bayern war die Bigotterie allgegenwärtig und der Vorwurf der Blasphemie durchaus ein Straftatsbestand. Und auch in unseren Breiten gibt es auch heute immer wieder Versuche Blasphemie von der Freiheit der Kunst auszuschließen. So forderte noch vor Kurzem der Bamberger Erzbischoff ein Gesetz gegen die Verspottung von religiösen Einstellungen, heilige Personen, Schriften, Gegenständen und Geräten.

So fragt man sich nun, wie die Reaktion der Kirche gegenüber dem Prozess in Russland ausfällt, denn die Aktion der Musikerinnen fand in der Kirche statt. Eine Verurteilung dieses Prozesses würde die verstörenden Forderungen des Bischoffs relativieren. Vielleicht möchte man aber gerade das nicht.

Die Sorge über die demokratischen Entwicklung Russlands hingegen wich der Angst über eine neue lupenreine Diktatur.
Das Bild des “Buddies” des früheren Bundeskanzlers Schröder ist längst der Realität des Menschenrechte missachtendrn Diktators gewichen, der seine KGB Vergangenheit revitalisiert hat und den riesigen Nachbarnstaat nach einem kurzen Frühling der Demokratisierung zurück in den russischen Winter führt.

PS: Punk is not dead – Pussy Riot sind die letzte wahre Punkband.

3 thoughts on “Punk is not dead!

    • Das ich da einen profunden Punkpuristen mit meiner Einordnung nicht begeistern kann ist klar. Aber dem Punk geht es nicht anders als dem Industrial. Psychic TV, Throbbing Gristle, SPK haben nix mit Nine Inch Nails und Konsorten gemein – trotzdem wird man heute eher Zweitgenannte dem Begriff zuordnen. Und das was man heute Gothic nennt, hat auch nichts mit den frühen Dunkelwavern aus England zu tun.
      Übrigens: Die Toten Hosen behaupten wohl auch Punk zu sein😉

  1. Das ist nur Politik pur und das mit “Punk” ist hier nicht so wichtig. Die Mädels haben auch vorher bei Meetings mitgemacht, genau so laut und deutlich und provokativ. Dieses Mal haben sie nur die “falsche” Zeit erwischt, wenn Machtstellung für Putin und andere Politiker sehr wichtig war.

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