Monotheismus und andere Blasphemien

Reaktion auf http://www.derwesten.de/politik/erzbischof-will-gotteslaesterung-gesetzlich-verbieten-id6937957.html

Da dachte ich, dieses Thema wäre bereits vor 20 Jahren abgehandelt worden. In einer Zeit als wir und viele andere Kirchen kritische Künstler gegen die Institution und ihre Bestrebungen nach Allmacht zu Felde zogen, war der Widerhall der Gottesdienste noch überlaut in der Mitte der Gesellschaft zu vernehmen.
Meine Generation, die noch mit spät nachmittäglichen Ethik Unterricht bestraft wurde, während die anderen bereits im Freibad weltlichen Genüssen nachgingen, wusste sehr wohl, wie weit der kirchliche Druck in den Alltag wirkte. Als ich 16 Jahre alt war und mein Vater starb, gab mir noch ein Religionslehrer sein zynisches Verständnis auf den Weg: “Gott hat Dich bestraft, weil Du ihn ignorierst.”
Kein Wunder, dass ich zuerst im gotteslästerlichen Gothic Dasein mein Heil suchte und nach der Schule sofort mit beißender Kritik und wollüstiger Blasphemie musikalische Freiräume suchte.
Als wir unsere erste CD “Satanische Verse” mit Songs wie “Gott ist tot” und “Des Satans neue Kleider” veröffentlichten, mussten wir auf den breiten Protest von kirchlichen Vertretern nicht lange warten. Wir genossen das in vollen Zügen, war doch das Grundgesetz mit dem besonderen Schutz der Freiheit der Kunst unser Weihwasser gegen Missionare und Exorzisten.

Die Lehren aus der Vergangenheit, besonders aus dem dritten Reich bewegte die Verfasser unseres Grundgesetzes dazu, den Künstlern, Kritikern und Satirikern einen besonderen Schutz zur Seite zu stellen.
Heute scheint diese Erinnerung verblasst, wenn kirchliche Institutionen die Titanic für ein Titelbild verklagen oder der Erzbischof Ludwig Schick in Bamberg ein Gesetz gegen die Verspottung von religiösen Einstellungen, heilige Personen, Schriften, Gegenständen und Geräten fordert.
Vielleicht liegt dieses neue Verständnis für Feingefühl gegenüber Religiosität an der frisch geschürten Angst vor islamischer Gewalt. Der Schreck über die unerwartet heftige Reaktion auf die Mohammed Karikaturen in der islamischen Welt sitzt noch immer tief.
Man könnte auch vermuten, das es sich um das letzte Aufbäumen der Kirche handelt, dem verzweifelten Versuch, den verlorenen Einfluss wieder zurück zu erobern, nach dem so viele Menschen der Kirche aus angewidertem Entsetzen vor den jahrzehntelang verschleierten sexuellen Übergriffen auf Schutzbefohlene den Rücken zukehrten.

Besonders die katholische Kirche, die in ihren fundamentalistischen Positionen zu Ehe, Homosexualität, Familienverständnis so sehr mit einer freien Welt und dem Individualismus im Widerstreit steht, hat nicht nur jede Form von Spott verdient, sondern auch das grundsätzliche Hinterfragen all ihrer Riten, Regeln und Rechtsprivilegien. Davon hat sie auch heute noch genug.
Blicken wir nur in die Vereinigten Staaten. Dort hat sich mit den Kreationisten in einigen Bundesstaaten bereits der Glaube über das Wissen erhoben und lehrt die göttliche Schöpfungsgeschichte statt einer auf Fakten basierten Evolutionstheorie.

Das religiöse Gruppen auch bei uns immer wieder Rechtfertigungen für ihre Einschnitte in Menschenrechte finden, ist gerade erst wieder in der Beschneidungsdebatte aufgeblitzt.
Das die säkularisierte Gesellschaft den einzigen Schutz des Individuums und seiner Freiheit vor dem Zugriff einer totalitären und monotheistischen Glaubensgemeinschaft bietet, sollte uns besonders viel wert sein.
Und auch Nietzsche sprach schon “Gott ist tot”, während Salman Rushdie für weit weniger Zeit Lebens zu einem Getriebenen der Fatwa wurde. Müssen wir uns Sorgen machen, das der Katholizismus die Reformation wieder als eine Gotteslästerei bezeichnet?

Im alten Rom war es die einträchtige Vielfalt der Götter, die für Frieden sorgte. Der autoritäre Monotheismus des Christentums brachte hingegen den Untergang. Geschichte ohne Lerneffekt wiederholt sich.

3 thoughts on “Monotheismus und andere Blasphemien

  1. Ich kann mich noch genau erinnern, wie um 1994 meine damalige Freundin an ihrem Geburtstag ihren Eltern genau diese CD vorspielte. Wie beabsichtigt, waren die Eltern über die Blasphemie eher nicht so begeistert.

  2. Pingback: Blasphemieverbot? Ja, bitte, das Mittelalter war ne echt geile Zeit #nicht | Bombasstard's Ranting Zone

  3. Pingback: Punk is not dead! « brunokramm

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