Antwort zu FAZ Artikel am 20.5.12

Sehr geehrter Herr Schirrmacher,

in einem konstruktiven und analytisch scharfsinnigen Aufruf zum Dialog zwischen Urhebern und Urheberrechtsreformern ist es die sonst eher wertekonservative F.A.Z., die den Anfang macht, wenn sie fordert: „Schluss mit dem Hass!“. Denn leider wurde bisher in der Presse weder unser Wille zu einem konstruktiven Austausch zwischen den Interessengruppen reflektiert, noch fand unsere umfangreiche, der Anpassung an die moderne Informationsgesellschaft verpflichtete Urheberrechtsreform eine ausführliche Erwähnung und Diskussion. In der medialen Darstellung unserer Arbeit betrifft das auch die Themenfelder Urheberrechtswahrnehmungsgesetz und Urhebervertragsrecht.

Die öffentliche Wahrnehmung wurde hingegen gezielt auf zwei von vielen Änderungsvorschlägen gerichtet, die dann, verkürzt und verfälscht, zur Parole „Piraten wollen Gratiskultur“ wurden. Unspektakulär klingen sie dagegen in Reinform: Einführung einer neuen Schranke des Urheberrechts für legales, nichtkommerzielles Filesharing und die Begrenzung von Schutzfristen.

Die Verkürzung unserer Reformansätze ist es jedoch, die eine der modernsten und kulturell und politisch so wichtigen Medientechnologien vollkommen diskreditiert. Aus Filesharing wurde die „Raubkopie“ – aus dem Nutzer ein krimineller, moral- und instinktloser Nutznießer der Wertschöpfungen anderer. Diese propagandistische Aufladung begann schon mit der Rede von der „Softwarepiraterie“ und der Gleichsetzung von geistigem und physischem Eigentum.

Dabei vermied man es, die Erinnerung ans Teilen und Kopieren in vergangenen Epochen zu Rate zu ziehen – was doch bis heute einen maßgeblichen Einfluss auf die künstlerische Disziplin des Imitierens, Zitierens und Weiterentwickelns hat. Aber auch die gegenwärtige globale Aufklärung, sei sie politisch-demokratisierender Art, sei sie im Interesse von Verbrauchern, Menschenrechten oder nur der Erhaltung von Wissen aus verwaisten Werken, verpflichtet. Kurz: Das ganze Internet baut als offenes Medium der Teilhabe auf die kulturelle Kraft des Sharings, das natürlich im Widerspruch zur grenzenlosen Einhegung jedweder Vermittlung durch restlos erschöpfende Verwertungsverträge der modernen Kulturindustrie steht. Einer Industrie, die ihre straff organisierte Medienmacht lautstark wie keine andere zu vertreten weiß und die eigenen Versäumnisse kaschiert. Wie sonst hätte man so weit kommen können, dass sich ein einstmals vom Konkurs bedrohter Computerhersteller zum Giganten des digitalen Kulturhandels aufschwingen konnte und heute der Kulturindustrie in erniedrigender Art und Weise die Konditionen diktiert?

Auch hier ist vielleicht Filesharing der einzige Schlüssel, ein sattes Monopol zu brechen. Doch benötigt Filesharing nicht einmal diese Ehrenrettung, denn seine sinnstiftende Kraft ist offensichtlich: Sowohl die wissenschaftlich-akademische Kommunikation als auch die legale Vermittlung von kulturellen Schöpfungen unter Creative-Commons-Lizenzen und die Erhaltung bedrohter Werke in digitalen Almenden wie Projekt Gutenberg, Wikipedia und nicht zuletzt auf klassischen P2P-Filesharing-Infrastrukturen basiert auf dem Prinzip „Sharing ist Caring“.

Die Verwerterindustrie behält hier den Sharer als klassischen Konsumenten im Visier der Abmahnungen und kriminalisiert den Einzelnen, der, aus dem Netz des Sharings herausgelöst, nur Segmente des Uploads bereitstellte – Filesharing funktioniert eben nur im Bewusstsein einer gemeinsamen Teilhabe.

Wie auch schon in der Vergangenheit planen wir seit einigen Wochen „Runde Tische“ mit Vertretern der verschiedensten künstlerischen, technisch-wissenschaftlichen und administrativen Instanzen, um unsere Positionen der Urheberrechtsreform an den zahllosen individuellen Bedingungen von Kreativen zu überprüfen.

Wir werden hierfür auch unsere piratentypischen Tools wie Piratenpads, Mailinglisten und Mumblesessions benutzen, um auch einer breiten Öffentlichkeit die Teilhabe an diesem Dialog zu ermöglichen und um gleichzeitig unsere demokratischen Werkzeuge vorzustellen.

Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie diesen Dialog als Zeitung begleiten würden, um endlich über die so dringend notwendige Reform des Urheberrechts zu sprechen. Ein Urheberrecht, das Lösungen für ein zukunftsorientiertes Morgen der Kreativen schafft, statt in der Angstkultur des Gestern zu erstarren.

Mit musikalischen Grüßen

Bruno Kramm

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