Ein Furz bekommt keinen Shitstorm

Replik auf Agnes Krumwiedes Kommentar zur Urheberrechtsdebatte in der TAZ
Agnes, als grüne Kulturpolitikerin und begeisterte Verfechterin des Gleichnisses „Panem et digital“ prangerst Du die aufgeladene Debatte um Urheberrechte an und eröffnest unvermittelt mit der typisch verkürzten Darstellung der von der Piratenpartei geforderten Urheberreform. Dabei beweist Du, wie sehr Dir das Medium Internet und die Befreiung der Kreativen von dem Verwerternadelöhr fremd geblieben ist, auch verkennst Du das Inspirationsfeedback, welches durch das Netz eine nie gekannte kulturelle Breitenwirkung entwickelt hat. Mehr noch irritiert mich, dass eine geschulte Pianistin, Musikpädagogin und Kulturpolitikerin kein bisschen von Adornos Kritik an der Kulturindustrie und dem Joch der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Urheber verinnerlicht hat. Stattdessen reihst Du Dich unkritisch bei den 100 Handels-Plattköpfen pro „geistiges Eigentum“ Metapher ein und beschädigst so die Netzpolitiker Deiner eigenen Fraktion. Die Unterscheidung von öffentlichen Gütern und Club- und Mautgütern in Relation zum Netz scheint Dir genauso fremd wie Selektionsmechanismen und die klare Unterscheidung von Urheber- und Leistungsschutzrechten.

Dann singst Du noch die Litanei auf Dein jahrelanges Studium des klassischen Klaviers, welches Dich viel Geld, Mühe und Zeit gekostet hat. Da frage ich mich doch, wo da eigentlich der Spaß am Musizieren geblieben ist. Als klassische Klavierlehrerin und Konzertpianistin schöpfst Du größtenteils aus dem Repertoire verstorbener Urheber, kopierst die auf Papier gedruckten Visualisierungen und Aufführungsanweisungen eines musikalischen Werkes in die klingende Sphäre Deiner Konzertbesucher. Im Sinne des so viel zitierten Urheberrechts handelt es sich hierbei um verwandte Schutzrechte und keine Neuschöpfung, um eine Interpretation eines urheberrechtlich geschützten Werkes. Und wenn wir neben Deinem Auftrittshonorar – das nach Deiner Bundestagszeit sicher nicht gering sein wird – die Tantiemen für den ursprünglichen Schöpfer hinterfragen, entfallen allenfalls kleinteilige Beträge über den Verlag und die Verwertungsgesellschaft. Diese Tantiemen werden dann nach einer langen Kette der Abzüge an die Nachfahren des Komponisten ausgeschüttet, sofern er nicht schon länger als 70 Jahre tot ist und auch ordentliches Mitglied einer Verwertungsgesellschaft war oder einen weitreichenden Verlagsvertrag abgeschlossen hatte, der auch noch postum jede noch so kleine Veränderung im Notenbild als urheberrechtliche Bearbeitung rechtfertigt. Fällt Dir eigentlich auf, wie selektiv diese veraltete Kette ist? Und Du glaubst, das braucht keine grundlegende Reform von Urheberrechten, Urheberrechtewahrnehmungsgesetz und ein anständiges Urhebervertragsrecht?
Nein, nicht der Erlös von Kreativen gegenüber seinen Hörern braucht Schutz, sondern der kreative Erlös muss vor übermäßigem Zugriff jener Verwerter beschützt werden, die so sehr darauf hoffen, Auswertungsrechte bis in die Ewigkeit geltend machen zu können.

Doch weg von den schönen Künsten höherer Töchter und Söhne, hinein in den schmutzigen Underground der Mitte 80er Jahre und damit in die Niederungen dessen, was der Unterhaltungsindustrie ihren so halbseidenen Ruf angedeihen ließ. Die Verwerterindustrie verteidigte damals noch offen und unbarmherzig ihr Monopol auf Produktion, Herstellung, Vertrieb und Promotion vor der aufkommenden Independentbewegung. Eine Bewegung, die man wenig zimperlich zwischen musikalischer Anarchie und revolutionärem Untergang des Abendlandes brandmarkte. Sven Regener von Element of Crime sollte sich vielleicht mal dieser frühen Tage seiner eigenen kreativen Hochphase besinnen, wenn er jetzt über den „golden shower“ der Netzgeneration ranted und im gleichen Atemzug medizinisch biologische Euphemismen wie den „Verlust der endemischen Musik“ prägt.
Damals, als Veröffentlichungen nur mit einem von IFPI und GVL streng gehüteten Labelcode in das Presswerk, in den Handel oder auf die Radioplaylisten ihren Weg fanden. Damals als Chartspositionen von exklusiven Tippern ausgelost wurden, nachdem sie luxuriöse Urlaubsreisen und andere nützliche Aufwendungen zur besseren Orientierung von willfährigen Labelbossen erhalten hatten. Damals, als die GEMA die höchsten Lizenzsätze für die mechanische Vervielfältigung von Independents forderten.

Im Vergleich sind heutzutage kulturelle Werke und ihre Vermittlung umfassend demokratisiert. Der große Traum – der auch mal grün war – einer befreiten, künstlerisch schöpfenden Menschheit anstelle Verwerter subventionierter Kulturschöpfung scheint greifbar nah. Und in der Tat: Noch nie gab es so viele Kreative in allen Bereichen der Kunst, die sich inhaltlich transformationell, thematisch inspiriert oder motivisch zitierend aus dem Ozean der Kulturen bedienen, neu veröffentlichen und so den Schatz der Zivilisation weiterentwickeln. Das findest Du jetzt idealisierend? Sicher, demographisch betrachtet konsumiert die große stille Masse, hat die sinnstiftende und persönlichkeitsfördernde eigene Kreativität noch nicht entdeckt. Dennoch, allen Menschen muss der Weg zur Teilhabe offen stehen, schon alleine da die Rezeption zur schöpferischen Kommunikation gehört wie das Medium Luft, in dem sich Musik nur ausbreiten kann. Schöpfen ist ein Grundrecht, davon zu Leben war noch nie eines und wird es nie sein.

Und wenn wir jetzt endlich – wirst Du Dir denken – vom ideellen zum wirtschaftlichen Aspekt wechseln: Zu allen Zeiten hing der finanzielle Erfolg kultureller Schöpfungen von dem Multiplikator der konsumierenden und oft fern gesteuerten Masse ab. Früher in der wohl behüteten Hand der Stakeholderindustrie hat sich dieser Multiplikator ebenso diversifiziert und umgekehrt proportional ausgerichtet wie der ihm demgegenüber zunehmende Longtail der Schöpfungen. Es gab noch nie so viele Werke, Stile und Gattungen wie heute. Daneben buhlen DVDs, Videospiele, Bluray, Handy und DSL Flatrate, Social Networks und das Web 2.0 um das Aufmerksamkeitspotential des Konsumenten. Diese kulturelle Vielfalt bedeutet aber im Umkehrschluss sinkende Verkäufe für das einzelne Werk, da eben nicht mehr alle das Gleiche hören. Die breitere geschmackliche Orientierung des modernen Konsumenten verlangt nach einem selektiven Werkzeug, das die Flut der Veröffentlichungen bändigen kann. Die Verwerterwelt hingegen kriminalisiert in gebetsmühlenartiger Permanenz das Paradigma von Gestern in drei Stufen: Die Predigt vom Untergang der kulturellen Schöpfung, die Entmündigung und Begrenzung der individuellen Nutzung durch DRM und zuletzt die Kriminalisierung eines medienkompetenten Nutzers, natürlich unter Beistand willfähriger Politiker.
Die Industrie hat nie den Beweis erbringen können, dass Werke die über Filesharing gratis bezogen wurden, gekauft worden wären, wenn es das Filesharing-Angebot nicht gegeben hätte. Ich wage sogar zu behaupten: In vielen Fällen hätte er sie auch gar nicht gefunden.

Dem gegenüber steht eine große Zahl von Medienbegeisterten, die das Prinzip Wertschätzung zum Kriterium ihrer finanziellen Kompensation gemacht haben und dafür sorgen, dass trotz Filesharing die Umsätze der digitalen Sales steigen. Die Piratenpartei fordert nicht die Abschaffung jeglicher Verwerterstrukturen, sondern eine umfassende Aufwertung der Rechte von Urhebern gegenüber den Verwertern, denn die restriktive, rein wirtschaftliche Wahrnehmung von Rechten hat den Fokus von der kontemplativen und sinnstiftenden Funktion der kulturellen Schöpfungen zur krampfhaft restriktiven Wahrnehmung von Auswertungen verlagert und damit die unverhältnismäßige Kriminalisierung vorangetrieben, die den meisten Urhebern selbst ein Dorn im Auge ist.
Das betrifft auch den letzten Punkt Deiner Argumentationslinie: Die Finanzierung kultureller Schöpfungen, für die der klassische Urheber bis heute oft Vertragsverhältnisse eingeht, die ihm nur eine kleine prozentuale Umsatzbeteiligung sichern, aber langfristig seiner Auswertungsrechte berauben und oft noch an zusätzliche optionale Veröffentlichungen gekoppelt sind. Dem gegenüber steht die steigende Popularität von Crowdfunding und Crowdinvestment, die dem Urheber die Finanzierung sichern ohne langfristige Rechte abzutreten. Darüber hinaus kann der Urheber bereits anhand der Zustimmung und Beteiligung seine Erfolgsaussichten abwägen.
Und was die langfristige Sicherung von Urhebern betrifft, kann sicher die Sozialabteilung der GEMA oder der KSK ein trauriges Lied singen: Wenn die Popularität ein Ende findet und die letzten Rechte verwertet wurden, lässt das Verwertersystem diese Urheber ins Bodenlose fallen. Ein lange überfälliges Urhebervertragsrecht haben weder Grüne, noch Sozialdemokraten in Zeiten der Regierungsbeteiligung etabliert.

Wenn Du dann Shakespeares Zeit zitierst, unterschlägst Du, das gerade das Copyright in England zu einer gesellschaftlichen Schieflage von Entwicklung und Fortschritt geführt hatte, während in Deutschland in Ermangelung eines Urheberrechtes das Innovationspotential sprunghaft in die Höhe schoss. Was dann auch wieder dem einzelnen Urheber zugute kam. Er war gefragt für Vorträge und Erklärungen, die über das im Werk Veröffentlichte hinaus gingen. Im England des Copyrights hingegen wurde – so wie heute – der Großteil der Urheber übervorteilt und mit minimalsten Buyouts abgespeist.
Nein, Agnes, Du und deine Partei, ihr schafft bis heute leider nicht den Spagat zwischen konservativer Kulturpolitik auf der einen und progressiver Netzpolitik auf der anderen Seite, denn ihr seid Euch fremd. Nur so erklärt sich die Schizophrenie in der grünen Partei. Du verteufelst die Übersetzung des ACTA Videos, während euer netzpolitischer Sprecher sich per Email dafür persönlich bedankt hat und alle grünen Anti ACTA Aktivisten auf den Demos dafür gesammelt Applaus spendeten. Und natürlich wissen wir heute alle, dass dieses Video überspitzt war. Es ist ein übersetztes Zeitdokument. Doch sollte es der bereits seit Jahren einseitig geführten Debatte und inhaltlich an Radikalität kaum zu überbietenden Zuspitzung durch Verwerterkampfbegriffe wie Raubkopie, der unbegründeten Umzäunung und Materialisierung von geistigen, öffentlichen Gütern und der Kriminalisierung breiter Gesellschaftsschichten entgegenwirken. Nicht dieses Video hat zu den Protesten geführt – Es begann mit der europaweiten Solidarisierung von medienkompetenten Netzbürgern, die sich das immer weiter in die digitale Privatsphäre einbrechende, restriktive Verwerterrecht nicht mehr gefallen lassen wollte.

Doch erst die gemeinsam vorangetriebene Idee der freien Informationsgesellschaft, der Einfluss utilitaristischer und gemein fördernder Prinzipien statt der rein wirtschaftlichen Betrachtung von kulturellen Schöpfungen kann unserer Gesellschaft die lange erhoffte Befreiung von schöpferischen Leistungen im Dienste aller verschaffen. Lass uns in einem Jahrzehnt gemeinsam Resümee ziehen – Es ist eine spannende Reise ins Web 3.0 und der Wandel hat begonnen.

10 thoughts on “Ein Furz bekommt keinen Shitstorm

  1. Pingback: RFC Music Business News Compilation / April 16th | Reeperbahn Festival CAMPUS Blog

  2. Lieber Bruno, ich bin Thomas Elbel, Juraprofessor und Schriftsteller mit momentan einer Veröffentlichung beim Piper Verlag. Habe Dich heute morgen im MoMa gesehen. Finde Dich sympathisch und die Urheberrechtsideen der Piraten immer noch das Gegenteil. Gibt es irgendeine Möglichkeit mit Dir zur Erbauung aller Interessierten in eine Art öffentlich sichtbare Debatte zu treten, in der wir in übersichtlicher Form Argumente austauschen? Das Diskutieren in den Piratenforen, in denen mach sich wahlweise mit Kommunisten, Neoliberalen und Netzfreiheitsfachidioten verschiedenster intellektueller Fähigkeit rumschlagen muss, ist auf Dauer etwas ermüdend. Beste Grüße, Thomas

  3. Pingback: Linksammlung Urheberrecht

  4. Perfekt….das sollte allen Grünen im Bundestag/Landtagen zugesandt werden…

    Vielen Dank für dieses Statement..
    Gruß Gerold

  5. Bruno, meinst du wirklich, dass die Debatte mit deinen Sticheleien wirklich weitergebracht wird? Was ich bei deinem Text wirklich auffällt ist die Rhetorik und nicht, dass du versuchst, Agnes Krumwiede deine Argumente sachlich zu schildern, damit beide Seiten eine nachhaltige Lösung finden können.

    Ich habe das Gefühl, dass wortgewandtes Belehren und Angreifen dir wichtiger ist, als die “Gegenseite” von der Wichtigkeit der Netzfreiheit usw. zu überzeugen. Mit solch einer Debattenkultur kommen wir echt zu keiner Lösung, sondern beide Seiten entfernen sich nur noch weiter voneinander.

  6. Bruno, meinst du wirklich, dass die Debatte mit deinen Sticheleien wirklich weitergebracht wird? Was mir bei deinem Text wirklich auffällt, ist die Rhetorik, und nicht, dass du versuchst, Agnes Krumwiede deine Argumente sachlich zu schildern, damit beide Seiten eine nachhaltige Lösung finden können.

    Ich habe das Gefühl, dass wortgewandtes Belehren und Angreifen dir wichtiger ist, als die “Gegenseite” von der Wichtigkeit der Netzfreiheit usw. zu überzeugen. Mit solch einer Debattenkultur kommen wir echt zu keiner Lösung, sondern beide Seiten entfernen sich nur noch weiter voneinander.

  7. Pingback: Linksammlung Urheberrecht | Blog HeikeRost.com

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s