Replik auf Stefan Herwigs Kommentar in der Musikwoche


http://www.mediabiz.de/musik/news/ein-acta-video-und-die-folgen-desinformation-mit-mitteln-der-propaganda/315840

Seit über 20 Jahren bewegen sich Stefan Herwig und ich in der gleichen musikalischen Nische und erarbeiten dort auch unseren Lebensunterhalt. Herwig als reiner Verwerter und ich als Urheber und Verwerter. Beide sind wir typische Vertreter einer kleinteiligen alternativen Musikszene. Inhaltlich unterscheiden sich unsere Sichtweisen auf Kultur, Medien und deren Vermittlung meilenweit. Und das nicht erst seit Herwigs polemischer Antwort auf meine Synchronisation des brisanten ACTA-Videos, zu dem er mir weniger eloquent bereits auf Twitter beleidigende Kurznachrichten geschickt hatte. Und so beginnt die Einleitung von Herwigs Artikel auch gewohnt reißerisch mit dem Vergleich zwischen dem Paradigmenwechsel in der Urheberrechtsdebatte und 9/11.

Wer auf meinem YouTube-Kanal surft, findet zu dem vielfach zitierten Video einen Text, der die Hintergründe dokumentiert, auch klärt die Texttafel am Anfang des Clips auf. Hier wird verdeutlicht, dass dieses Video auf den Wikileaks zu ACTA im Jahre 2008/2009 beruht. Als Freund der Meinungsfreiheit und des freien Zugangs zu Informationen habe ich nach mehrfacher Nachfrage aus Kreisen, denen ich politisch nahestehe, diesen Clip übersetzt. Auch wenn ich nicht alle Positionen des Clips teile und weiß, dass vieles überspitzt beziehungsweise aus heutiger Sicht auf das Original-ACTA-Dokument sogar falsch anmuten mag, stehe ich zu der wichtigen Kernaussage: Transparenz, gerade in Verhandlungen, die so wesentliche bürgerliche Rechte betreffen. Das ist auch das grundsätzliche Problem von ACTA. Es wurde ebenso wie die vielen anderen undemokratisch ausgehandelten Handelsabkommen der WTO (World Trade Organization) unter Ausschluss der Öffentlichkeit von großen Handelsverbänden formuliert. Die Kritik an der WTO und ihren vielen Versuchen, Märkte protektionistisch zu schützen, ist nicht neu. Wer sich an das Multilaterale Abkommen über Investitionen (MAI) erinnern kann, das Ende 1998 scheiterte, der weiß, welche Begehrlichkeiten die Konzerne gegenüber demokratischen Gesellschaften in Handelsabkommen völkerrechtlich festschreiben möchten. Im Falle von MAI war es die vollkommen absurde Haftung von Regierungen für wirtschaftliche Ausfälle, die aufgrund von Demonstrationen oder Streiks entstehen. Auch das GATT-Folgeabkommen TRIPS (Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights), das leider längst unterschrieben ist und verkürzt als „Blueprint“ von ACTA gelten darf, strotzt nur so vor völkerrechtlich bedenklichen Passagen, die leider gerade in den Schwellenländern für deren medizinische Versorgung, aber auch bei Patenten für Saatgut und indigene Pflanzen und deren Wirkstoffe katastrophale Folgen haben. Ich empfehle hier die Schrift „Wissen und Eigentum“ aus der Bundeszentrale für politische Bildung, die ausführlich auf das undemokratische und in Bürgerrechte einschneidende TRIPS-Abkommen eingeht. Im Zuge von TRIPS wurden übrigens auch die Abmahnungen eingeführt – eine Schattenwirtschaft, die jährlich eine halbe Million Abmahnungen produziert und deren unverhältnismäßige Beträge aus Anwaltsgebühr und Schadensregulierung immer zwischen 800 und 2000 Euro taxieren.

Den Beweis, dass diese unrechtmäßig erstandenen Werke unter anderen Verhältnissen legal erworben wären, konnte bisher niemand antreten.
Den Beweis, dass Filesharing gerade kleineren Urhebern zu weltweiter Bekanntheit verholfen hat, kann ich selbst anhand vieler meiner Veröffentlichungen belegen.

Nun sind es gerade viele Vertreter meiner Branche, die sogar eine Verschärfung fordern und mit dem französischen Hadopi-Modell der Three Strikes liebäugeln. Die gerade im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft erstellte Studie bereitet das politisch vor.
Internet Service Provider in die Pflicht zu nehmen und bei Verstößen die persönlichen Daten der Nutzer herauszugeben, ist meiner Meinung nach eine Art der privatwirtschaftlichen Vorratsdatenspeicherung und kategorisch abzulehnen.
ACTA ist eine weitere Wegmarke hin zu einer Gesellschaft, die das Durchsetzen geistiger Eigentumsrechte über die Privatsphäre und die Bürgerrechte stellt. Es ist mittlerweile von verschiedenen gesellschaftlichen Instanzen geprüft, dass gerade die wolkige Formulierung von ACTA einen breiten Spielraum für Verhandlungen und Interpretationen eröffnet. Passagen, die die Strafbarkeit von Vermittlern erwägen, welche indirekt wirtschaftlichen Vorteil aus der Unterstützung oder Begünstigung von Urheberrechtsverstößen ziehen, zielen klar auf Internetprovider und ihren neuen Auftrag der Kontrolle des Nutzers und seiner Inhalte ab.
Diese langfristigen Strategien in ACTA sind gerade die große Gefahr für die Freiheit in der Informationsgesellschaft, denn unbemerkt höhlen so neue Bestimmungen Bürgerrechte aus.

Doch die geplanten Restriktionen der Informationsgesellschaft sind nur ein Bruchteil dessen, was ACTA in den Schwellenländern anrichtet. Dass ACTA sowie TRIPS in den Schwellenländern bezüglich Generika, Saatgut und anderen Patenten unglaubliches Leid anrichtet, kann man bei Amnesty International, Mediziner ohne Grenzen, Brot für die Welt, Bündnis gegen AIDS, Attac – je nach sozialem Engagement – nachlesen.
Was die Verwerterbranche und ihre großen Verbände jetzt so hysterisch reagieren lässt, ist jedoch gerade die Transparenz, die dank des Internets die Art des Aushandelns ohne Beteiligung der Bevölkerung offenlegt. Von gefährlicher Mainstreamisierung zu sprechen, ist fast schon erheiternd. Gerade unsere Unterhaltungsindustrie war es jahrzehntelang gewöhnt, mit Marketingstrategien und Propagandainstrumenten den öffentlichen Geschmack zu steuern und so auch Meinungen zu erzeugen.

Es waren gerade die großen Medienkonzerne wie Time Warner oder Springer, die gezielt Meinungen manipuliert haben, um die Gesellschaft in ihrem konservativ-kapitalistischen Tiefschlaf des reinen wirtschaftlichen Normativs, des Konsums zu halten.
Und was die Propaganda der Urheberrechtswahrer betrifft, war man nie zimperlich, wenn man schockierende Gefängnisvideos zur Abschreckung von illegalen Kopien auf legal erhältliche DVDs brannte. Ich erinnere nur an den Kindergeburtstag „Wo ist Papa? Nur noch vier Mal singen.“
Kein Wunder, wenn die großen Konzerne und Verbände jetzt ohnmächtig bemerken, dass ihre Meinungshoheit und Macht durch das Internet relativiert wurde und die Bürger ihr Recht auf Teilhabe und Mitbestimmung gegenüber undemokratischen Abkommen auf die Straße tragen.

Die Schlussfolgerung, dass durch dieses Video nur Politikverdrossenheit erzeugt würde, ist eine schallende Ohrfeige für all jene, die gemeinsam demonstriert haben und einen friedlichen Prozess des Wandels anstreben.

Den Journalisten und Politikern mangelndes Urteilsvermögen vorzuwerfen und den sich anbahnenden Paradigmenwechsel öffentlicher Güter in der Informationsgesellschaft als eine gefährliche Schwarz-Weiß-Malerei abzutun, zeigt sowohl Instinktlosigkeit als auch mangelnde kulturelle Auffassungsgabe und Missachtung demokratischer Willensbildung.

Der Informationsgesellschaft Selbstreferenzierung vorzuwerfen, ist lächerlich, besonders in Anbetracht des jahrzehntelang demonstrativ präsentierten Meinungsmonopols der Unterhaltungsindustrie und ihrer Verbände. Hier wurde der digitale Wandel verschlafen, an alten Vermarktungsmodellen festgehalten und dadurch das eigentliche Problem erst erzeugt.

Der Satz „Es wird Zeit für eine medienkritische Auseinandersetzung mit dem Internet“ hätte auch von dem Netz-Don-Quichotte Ansgar Heveling stammen können. Er demonstriert, wie wenig Herwig das Netz begriffen hat.

Die Google-Chartnotierung des Videos als gefährliches Werkzeug der Vorformatierung von Meinungen zu bezeichnen, ist aberwitzig. Wer, wenn nicht die Unterhaltungsindustrie hat jahrelang auf Chartnotierungen und Standardwerke, auf Meinungsbilder und Propaganda gesetzt und kritisiert nun diese Listung als Instrument einer Meinungssteuerung?

Herwigs Haltung zeigt nicht nur, wie sehr die egoistische Wahrung von instrumentalisierten Urheberinteressen vorangetrieben wird, egal zu welchem Preis, sondern demonstriert erschreckend, wie das Gros der Unterhaltungsindustrie in den offenen Abgrund strebt.

Und am Ende ruft er sogar die Politik, die er zuvor als kollektiv inkompetent abgetan hatte, zur gesetzlichen Regulierung von Meinungen im Netz auf.
Als Vertreter jener Urheber, die sich selbst vermarkten, kann ich nur dringend eine Schulung und geistige Klausur für Dinosaurier wie Herwig empfehlen.

Und glücklicherweise gibt es sie. Mannigfaltig im Netz und in kleinen Kollektiven. Denen gehört die Zukunft.
Kleinteiligkeit statt Monopolisierung fördert die kulturell benötigte Diversifikation. Dabei wird das unmittelbare Interesse des Urhebers gegenüber der kulturellen Monopolisierung von Urheberrechten des letzten Jahrhunderts gewahrt.

In einem Zeitalter, das häufig den klanglichen Charakter eines Audiomems zum eigentlichen Merkmal einer kreativen Schöpfung stilisiert, vermischen sich die Begriffe Urheberrecht und Leistungsschutzrecht in einem Maße, das keine eindeutige Unterscheidung zulässt und den Begriff der Werkhöhe ins Absurde steigert. Eine elementare Unterscheidung zwischen physischer und virtueller Welt muss maßgeblich die Ausgestaltung eines modernen Urheberrechtes begleiten. Neue Schrankenregelungen für das legale Kopieren von Inhalten aus dem Netz müssen auch die gleichzeitige direkte Wertschöpfung für Urheber ermöglichen. Darunter fallen Premiumangebote und Streamingdienste ebenso wie dezente Erhöhungen von Lehrmedienabgaben bei gleichzeitiger Sicherstellung eines angemessenen, transparenten und demokratischen Verteilungsschlüssels dieser Erlöse. Unmittelbare Urheberlizenzen aus virtuellen Diensten und die Erweiterung transformationeller Rechte wie Bearbeitungen müssen grundlegend von den Forderungen der Verlagsbranche getrennt werden. Schutzfristen sollten auf die Lebensspanne beschränkt werden und der branchenüblichen Kopplung von Schutzfristen und Auswertungsdauer die legale Grundlage entzogen werden.Der Fokus muss von der kurzfristigen, einseitigen und profitorientierten Werkförderung hin zur nachhaltigen Förderung von schöpferischer Leistung verschoben werden. Im gleichen Maße wie Handwerks-, Industrie- und Handelskammern ihren Mitgliedern Seminare und Maßnahmen zur wirtschaftlichen Sicherung anbieten, müssen Urheber Hilfe und Unterstützung für die kleinteilige und direkte Vermarktung erhalten. Das umfasst neben der finanziellen Absicherung auch die Sozial- und Altersicherung.

Eine Gesellschaft, die sich so sehr auf ihre Stärke im Bereich der „geistigen Güter“ beruft, muss gerade für die Schöpfer Alternativen und Lebenskonzepte eröffnen, die sowohl den Bedürfnissen einer freien Informationsgesellschaft gerecht werden als auch dem Urheber einen kreativen und geschützten Freiraum für seine Schöpfungen und dessen direkte Vermarktung eröffnen.

Bruno Kramm


Antwort auf Stefan Herwigs Petition gegen das ACTA Video:

Liebe Kollegen,

Stefan Herwig (Dependent) und ich sind in seit über zwanzig Jahren der gleichen musikalischen Nische zuhause und erarbeiten dort auch unseren Lebensunterhalt. Herwig als reiner Verwerter und ich als Urheber und Labelmacher. Beide sind wir typische Vertreter einer kleinteiligen alternativen Musikszene. Inhaltlich unterscheiden sich unsere Sichtweisen auf Kultur, Medien und deren Vermittlung meilenweit, was auch daran liegen mag, das ich als Urheber und Labelmacher beide Seiten der Medaille kenne.

Da Stefan Herwig zu einer unreflektierten Petition gegen mich und das ACTA-Video aufruft, möchte ich zu den Vorwürfen Stellung nehmen.

Herwig vergiftet gerade durch seinen Aufruf zu einer Petition gegen mich und ein Video, zu dem ich von Anfang an eine distanzierte Haltung hatte, langfristig das Klima zwischen den Urhebern/Künstlern und den Fans/Konsumenten. Gerade deren direkte Kommunikation ist das wichtigste Werkzeug um eine langfristige Partnerschaft zu erzeugen, die sowohl die Honorierung von Leistungen sichert, als auch den direkten Informationsaustausch ohne Verwerter- und Labelstrukturen sichert. Denn Szene braucht Kultur und keine Polizei. Die Sperrung eines Videos durch eine Petition durchsetzen zu wollen, ist schon an und für sich übertrieben. Youtube mit dieser Petition überzeugen zu wollen, ein Video mit einer anderen Interpretation daneben zu stellen, klingt wie eine moderne Art des Don Quichotte.

Darüber hinaus: Wer auf meinem YouTube-Kanal surft, findet zu dem vielfach zitierten Video einen Text mit meiner persönlichen und kritischen Sichtweise des Videos. Die Texttafel am Anfang des Clips klärt ebenso über den Stand und die Aktualität des Videos auf. Hier wird verdeutlicht, dass dieses Video auf den Wikileaks zu ACTA im Jahre 2008/2009 beruht. Als Freund der Meinungsfreiheit und des freien Zugangs zu Informationen habe ich nach mehrfacher Nachfrage, darunter auch durch die politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, Marina Weisband, diesen Clip übersetzt.

Auch wenn ich nicht alle Positionen des Clips teile und weiß, dass vieles überspitzt, beziehungsweise aus heutiger Sicht auf das Original-ACTA-Dokument sogar falsch darstellt, stehe ich zu der wichtigen Kernaussage: Transparenz, gerade in Verhandlungen, die so wesentliche bürgerliche Rechte betreffen. Das ist auch das grundsätzliche Problem von ACTA. Es wurde ebenso wie die vielen anderen undemokratisch ausgehandelten Handelsabkommen der WTO (World Trade Organization) unter Ausschluss der Öffentlichkeit von Handelsverbänden formuliert. Die Kritik an der WTO und ihren vielen Versuchen, Märkte protektionistisch zu schützen, ist nicht neu.

Auch das GATT-Folgeabkommen TRIPS (Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights), das leider längst unterschrieben ist und verkürzt als „Blueprint“ von ACTA gelten darf, strotzt nur so vor völkerrechtlich bedenklichen Passagen, die leider gerade in den Schwellenländern für deren medizinische Versorgung, aber auch bei Patenten für Saatgut und indigene Pflanzen und deren Wirkstoffe katastrophale Folgen haben. Ich empfehle hier die Schrift „Wissen und Eigentum“ aus der Bundeszentrale für politische Bildung, die ausführlich auf das undemokratische und in Bürgerrechte einschneidende TRIPS-Abkommen eingeht.

Nun sind es gerade viele Vertreter der großen Industriefirmen, die sogar eine Verschärfung wünschen und mit dem französischen Hadopi-Modell der “Three Strikes” liebäugeln. Ein Verfahren, das vorsieht, Menschen nach mehreren Verstößen die Internetverbindung komplett zu trennen. In einer Zeit, in der Menschen über Skype mit ihren Verwandten und Freunden kommunizieren, Onlinebanking und digitale Steuererklärungen über das Internet administrieren und das Netz für ihre tägliche Arbeit brauchen, bedeutet eine Abschaltung der Leitung eine unverhältnismäßige Bestrafung, unter Umständen das Zerstören der Existenz.

Und ein ehemaliger Künstler unserer Szene, Zadoc von Tilt, und jetzt als der “elektrische Reporter” und Kollege von Netzvisionär Sascha Lobo bekannt, sagt über ACTA: „Die so genannte Content Allianz versucht lediglich, ihre veraltenden Geschäftsmodelle als Verwerter zu sichern. Im Interesse der Urheber handeln sie dabei nicht – auch wenn sie das permanent behaupten. ACTA versucht, die Verwerter zu stärken, nicht die Kreativen. Musiker, Autoren, Filmer und Journalisten leiden nicht unter Privatkopien ihrer Werke, sie leiden vielmehr unter Total-Buy-Out-Verträgen, die sie zwingen, nahezu sämtliche Rechte an ihren Werken den Verwertern zu überlassen. Es ist schon ein wenig bizarr, wenn die Verwerter einerseits das Urheberrecht zu einer bloßen Hülle degradieren, während sie sich auf der anderen Seite zu Anwälten der Urheber aufspielen. Was wir brauchen ist eine mutige Reform des Urheberrechts im Sinne der Kreativen und der Nutzer und keine Zementierung des Status Quo im Sinne der Verwerter.“

Aber die eigentliche Schieflage wird erst anhand der Verhältnismäßigkeit klar. Wer eine CD im Laden klaut und erwischt wird, zahlt eine einmalige Fangprämie. Das Gleiche im Netz wird um ein vielfaches höher bestraft, obwohl der physische Raub im Laden einem wirklichen Verlust beim Ladenbesitzer gleichkommt. Den Beweis, dass diese unrechtmäßig erstandenen Werke unter anderen Verhältnissen legal erworben wären, konnte bisher niemand antreten. Die im Zuge der vielen Verschärfungen von Nutzungsrechten im Internet eingeführten Abmahnungen zeigen die eklatante Unverhältnismäßigkeit. Eine Schattenwirtschaft von Anwälten, die jährlich eine halbe Million Abmahnungen produziert und deren unverhältnismäßige Beträge aus Anwaltsgebühr und Schadensregulierung immer zwischen 800 und 2.000 Euro taxieren, ist im Vergleich zum realen physischen Diebstahl kaum haltbar.

Keiner der Künstler unserer Szene möchte und wird es öffentlich allen Ernstes vertreten, seine werdenden Fans so restriktiv bestrafen zu wollen.

Den Beweis, dass Filesharing gerade kleineren Urhebern zu weltweiter Bekanntheit verholfen hat, kann ich selbst anhand vieler meiner Veröffentlichungen belegen und das werden auch viele Kollegen aus der Alternative-Szene bestätigen.

ACTA hingegen ist eine weitere Wegmarke hin zu einer Gesellschaft, die das Durchsetzen von Nutzungsrechten über die Privatsphäre und die Bürgerrechte stellt. Es ist mittlerweile von verschiedenen gesellschaftlichen Instanzen geprüft, dass gerade die wolkige Formulierung von ACTA einen breiten Spielraum für Verhandlungen und Interpretationen eröffnet. Passagen, die die Strafbarkeit von Vermittlern erwägen, welche indirekt wirtschaftlichen Vorteil aus der Unterstützung oder Begünstigung von Urheberrechtsverstößen ziehen, zielen klar auf Internetprovider und ihren neuen Auftrag der Kontrolle des Nutzers und seiner Inhalte ab.

Diese langfristigen Strategien in ACTA sind gerade die große Gefahr für die Freiheit in der Informationsgesellschaft, denn unbemerkt höhlen so neue Bestimmungen Bürgerrechte aus.

Doch die geplanten Restriktionen der Informationsgesellschaft sind nur ein Bruchteil dessen, was ACTA in den Schwellenländern anrichtet. Dass ACTA sowie TRIPS in den Schwellenländern bezüglich Generika, Saatgut und anderen Patenten unglaubliches Leid anrichtet, kann man bei Amnesty International, Mediziner ohne Grenzen, Brot für die Welt, Bündnis gegen AIDS, Attac – je nach sozialem Engagement – nachlesen.

Was die Verwerterbranche und ihre großen Verbände jetzt so hysterisch reagieren lässt, ist jedoch gerade die Transparenz, die dank des Internets die Art des Aushandelns ohne Beteiligung der Bevölkerung offenlegt. Wenn Herwig von der gefährlicher Mainstreamisierung durch Kanäle wie Youtube und Google spricht, ist das fast schon erheiternd, wenn es nicht so traurig wäre.

Gerade die Unterhaltungsindustrie war es jahrzehntelang gewöhnt, mit Marketingstrategien und Propagandainstrumenten den öffentlichen Geschmack zu steuern und so auch Meinungen zu erzeugen. Es waren gerade die großen Medienkonzerne wie Time Warner oder Springer, die gezielt Meinungen manipuliert haben, um die Gesellschaft in ihrem konservativ-kapitalistischen Tiefschlaf des reinen wirtschaftlichen Normativs, des Konsums zu halten.

Underground-Kultur wurde gerade durch das demokratische Instrument Internet zu einer weltweiten Bewegung. Festivals und Szenetreffen wie das Wave Gotik Treffen mit Besuchern aus der ganzen Welt wären niemals ohne die Informationsverbreitung und Filesharing im Internet möglich. Wer jetzt Urheber gegen Konsumenten aufhetzt, wie es Herwig tut, bringt eine Szene, die so von der freien Partizipation abhängt, ins Ungleichgewicht und vergiftet das Klima zwischen dem Urheber und dem Musikfan. Und darum geht es eigentlich: Herwig ist der Vertreter einer Industrie, die heute in dieser Form nicht mehr gebraucht wird. Aus diesem Grund haben sich ja auch viele der großen Künstler, darunter auch einige von Herwigs ehemaligen Labelkindern endlich in die Freiheit gewagt und vermarkten sich selbst.

Und ja, ich kratze mich auch immer am rasierten Hinterkopf, wenn mir ein russischer Fan nach einem Konzert in Irkutsk eine gebrannte Version von “Die Propheten” oder “Cabaret” zum Signieren vorlegt. Ich unterschreib sie jedoch trotzdem, weil es mir letztendlich wichtiger ist, meine musikalischen Ideen zu verbreiten, als Menschen dafür zu verurteilen, auf welchem Weg – ob legal oder illegal – sie diese Songs erworben haben. Sollte ihm die Musik eines Tages wirklich soviel bedeuten und er hat das Budget, so wird er sich die Musik kaufen. Fakt ist, er war auf einem Konzert und er hat dort Eintritt bezahlt. Und von der Musik erfuhr er über die Verbreitung aus dem Filesharing.

Nicht die Kultur stirbt aus, allenfalls die herkömmlichen, rückschrittlich orientierten Kulturinstitutionen und Industrien bleiben auf der Strecke, sofern sie es nicht vermögen, den Wandel in neue Geschäftsmodelle zu integrieren. Der digitale Wandel in eine neue Informationsgesellschaft bedeutet die Transformation der Kulturindustrie (Verleger, Studios, Labels). Die Forderungen der Musikindustrie, Internetinhalte mit Exklusivitätsansprüchen aus Urheber-, Leistungsschutzrecht und Copyright der physikalischen Welt zu belegen, ist zum größten Teil Besitzstandssicherung und wird von einem Großteil der progressiv arbeitenden Künstler und Urheber nicht unterstützt.

Im Internet gilt es mannigfaltigen Vertriebswegen Rechnung zu tragen. Der Einbruch der Tonträgerumsätze wird medienwirksam von der Musikindustrie propagiert, doch kreative Musiker haben schnell neue Wege der Vermarktung entdeckt und die träge agierende Industrie in puncto Zukunftstechnologie längst überholt. Täglich entstehen neue Konzepte der Wertschöpfung, wie z.B. Pledge Music, Sell A Band, Mikropayments etc. Viele etablierte und von den Fesseln großer Plattenfirmen befreite Musiker versuchen sich mit den erfolgreichen Konzepten der Web 2.0 Vermarktung. Kleine Einpersonenbetriebe können ihre Produkte gleichwertig gegenüber großen Massenprodukten der Unterhaltungsindustrie positionieren. Der Konsument kann sich frei zwischen einer Skala aus Massengeschmack und Nischenprodukt bedienen. Der „Long Tail“-Markt bekommt eine neue Bedeutung: Die Summe der kleinen, oft in Statistiken und Charts herausgekürzten Produkte macht einen Großteil des Gesamtertrages aus.

Das Internet stellt sich als grundlegend demokratisches Werkzeug zur Verfügung, das zur Massenverbreitung weder große Konzerne noch überproportionale Budgets benötigt.

Die Daseinsberechtigung einer im Massenmarkt des letzten Jahrhunderts legitimierten Musikindustrie wird dabei natürlich grundlegend in Frage gestellt. Die eigentliche Wertschöpfung bleibt erstmals in der Hand der Urheber, die früher gewohnt hochprozentige Beteiligung der Konzerne und Verlage bleibt aus. Erfolgreiche Beispiele wie Radiohead, U2, Nine Inch Nails, Madonna belegen den Erfolg der Versuchsanordnung im Internet. Das noch so junge Medium experimentiert und bietet eine Interaktion zwischen Musiker, Musikhörer und dem Medium Internet als Kunstplattform an und für sich.

Es ist nicht verwunderlich, das gerade die Industrie in Partnerschaft mit der GEMA das Internet als „Dammbrecher des Urheberrechtes“ stigmatisiert. Obwohl auf Leermedien jeder Art Abgaben erhoben werden, verurteilt man in Exempel statuierender Weise Filesharer, die bei illegaler Downloadaktivität ins Netz gehen und die bereits vergüteten Medien mit Inhalten bespielt haben. Je länger Filesharing als krimineller Akt verfolgt wird, umso erfolgreicher werden sich neue, verschlüsselte Verfahren etablieren, die sich dem Zugriff der Onlinefahnder entziehen werden. Das ein Großteil der Urheber an einer freien Verfügbarkeit seiner Werke im Internet interessiert ist, wird von der Industrie zu gerne verschmiegen. Künstlern ist längst der multiplikatorische Werbeaspekt der Downloads klar geworden. Die eigentliche Wertschöpfung geschieht auf den Konzerten, dem Merchandiseverkauf und Auftritten im Rahmen großer Medienevents.

Der Konsument ist trotz des Internetzeitalters ein Jäger und Sammler. Kulturgut wird in der heimischen Bibliothek als Ausdruck der eigenen Biographie nach wie vor gesammelt. Die Werke, die gefallen, werden meistens auch gekauft um das haptische Bedürfnis zu erfüllen, während die weniger interessanten Downloads auch wieder im digitalen Mülleimer landen. Das „Vorhören“ aus dem Plattenladen von Gestern geschieht heute im privaten Raum am PC. Die Weitergabe von Freund zu Freund in digitaler Weise als Tonträger oder File löste das analoge Tape ab. Wenn auch in größerem Umfang, so hat der normale Konsument sogar ein geringeres Pensum Zeit als noch im letzten Jahrhundert, um sich mit Musik eingehend zu beschäftigen, denn die Anzahl der unterhaltungstechnischen Medien hat sich mehr als verdoppelt: Internet, SMS, Videogames, Videofilme, Kabelfernsehen, Social Media etc. haben sich in den Wettbewerb der Freizeitaktivitäten eingereiht und die Zeit für den ausschließlichen Musikkonsum radikal verkürzt. Der volkswirtschaftliche Schaden, der den Filesharern von Musik gerne vorgeworfen wird, liegt jedoch an der Diversifizierung der gesamten Freizeitaktivitäten, die dennoch keinen größeren Raum im gesellschaftlichen Leben einnehmen.

Und was die Propaganda der Urheberrechtswahrer betrifft, war man nie zimperlich, wenn man schockierende Gefängnisvideos zur Abschreckung von illegalen Kopien auf legal erhältliche DVDs brannte. Ich erinnere nur an den Kindergeburtstag „Wo ist Papa? Nur noch vier Mal singen.“ Genau diese Leute beschweren sich jetzt über die synchronisierte Fassung des ACTA-Videos.

Kein Wunder, wenn die großen Konzerne und Verbände jetzt ohnmächtig bemerken, dass ihre Meinungshoheit und Macht durch das Internet relativiert wurde und die Bürger ihr Recht auf Teilhabe und Mitbestimmung gegenüber undemokratischen Abkommen auf die Straße tragen.

Die Schlussfolgerung, dass durch dieses Video nur Politikverdrossenheit erzeugt würde, ist eine schallende Ohrfeige für all jene, die gemeinsam demonstriert haben und einen friedlichen Prozess des Wandels anstreben.

Den Journalisten und Politikern mangelndes Urteilsvermögen vorzuwerfen und den sich anbahnenden Paradigmenwechsel öffentlicher Güter in der Informationsgesellschaft als eine gefährliche Schwarz-Weiß-Malerei abzutun, zeigt sowohl Instinktlosigkeit als auch mangelnde kulturelle Auffassungsgabe und Missachtung demokratischer Willensbildung.

Der Informationsgesellschaft Selbstreferenzierung vorzuwerfen ist lächerlich, besonders in Anbetracht des jahrzehntelang demonstrativ präsentierten Meinungsmonopols der Unterhaltungsindustrie und ihrer Verbände. Hier wurde der digitale Wandel verschlafen, an alten Vermarktungsmodellen festgehalten und dadurch das eigentliche Problem erst erzeugt.

Die Google-Chartnotierung des Videos als gefährliches Werkzeug der Vorformatierung von Meinungen zu bezeichnen, ist aberwitzig. Wer, wenn nicht die Unterhaltungsindustrie hat jahrelang auf Chartnotierungen und Standardwerke, auf Meinungsbilder und Propaganda gesetzt und kritisiert nun diese Listung als Instrument einer Meinungssteuerung?

Herwigs Haltung zeigt nicht nur, wie sehr die egoistische Wahrung von Nutzungsrechten unter dem Mäntelchen instrumentalisierter Urheberinteressen vorangetrieben wird, egal zu welchem Preis, sondern demonstriert erschreckend, wie das Gros der Unterhaltungsindustrie in den offenen Abgrund strebt.

Und am Ende ruft er sogar die Politik, die er zuvor als kollektiv inkompetent abgetan hatte, zur gesetzlichen Regulierung von Meinungen im Netz auf.

Eine elementare Unterscheidung zwischen physischer und virtueller Welt muss maßgeblich die Ausgestaltung eines modernen Nutzungsrechtes und Urheberrechtes begleiten. Neue Schrankenregelungen für das legale Kopieren von Inhalten aus dem Netz müssen auch die gleichzeitige direkte Wertschöpfung für Urheber ermöglichen. Darunter fallen Premiumangebote und Streamingdienste ebenso wie dezente Erhöhungen von Lehrmedienabgaben bei gleichzeitiger Sicherstellung eines angemessenen, transparenten und demokratischen Verteilungsschlüssels dieser Erlöse. Unmittelbare Urheberlizenzen aus virtuellen Diensten und die Erweiterung transformationeller Rechte wie Bearbeitungen müssen grundlegend von den Forderungen der Verlagsbranche getrennt werden. Schutzfristen sollten auf die Lebensspanne beschränkt werden und der branchenüblichen Kopplung von Schutzfristen und Auswertungsdauer die legale Grundlage entzogen werden.Der Fokus muss von der kurzfristigen, einseitigen und profitorientierten Werkförderung hin zur nachhaltigen Förderung von schöpferischer Leistung verschoben werden. Im gleichen Maße wie Handwerks-, Industrie- und Handelskammern ihren Mitgliedern Seminare und Maßnahmen zur wirtschaftlichen Sicherung anbieten, müssen Urheber Hilfe und Unterstützung für die kleinteilige und direkte Vermarktung erhalten. Das umfasst neben der finanziellen Absicherung auch die Sozial- und Altersabsicherung.

Eine Gesellschaft, die sich so sehr auf ihre Stärke im Bereich der „geistigen Güter“ beruft, muss gerade für die Schöpfer Alternativen und Lebenskonzepte eröffnen, die sowohl den Bedürfnissen einer freien Informationsgesellschaft gerecht werden als auch dem Urheber einen kreativen und geschützten Freiraum für seine Schöpfungen und dessen direkte Vermarktung eröffnen.

Und ganz ehrlich: Wer jetzt so eine Petition unterschreibt, macht sich bei seinen Fans und Käufern lächerlich….

Liebe Grüße

Bruno Kramm

5 thoughts on “Replik auf Stefan Herwigs Kommentar in der Musikwoche

  1. Sehr lesenswerter Text! Eigentlich sollte man ja denken, dass die Musikindustrie (damit meine ich die großen Labels, nicht die kleinen flinken, die die neuen Chancen des furchtbar bösen Internets für sich entdeckt haben) schnell lernt, nachdem Apple mit iTunes vorgemacht hat wie man einigermaßen unkompliziert die mp3 an das zahlende Volk bekommt. Aber nein! Man gibt sich lernresistent und halsstarrisch. Wenn alle Branchen dermaßen merkbefreit agieren würden wie ein Großteil der Musikindustrie – ich schätze wir säßen dann immernoch mit dem Grammophon auf dem Baum.

    Hinzu kommt noch: für fast jede Hardware zahlt man indirekt über den Kaufpreis Urheberabgaben (siehe: http://www.heise.de/resale/meldung/Verwerter-fordern-hoehere-Urheberrechtsabgaben-auf-externe-Festplatten-1384731.html). Wenn ich jetzt keine CD mehr kopieren darf, weil diese einen Kopierschutz hat – wozu dann noch diese Abgabe? Das ist reiner Beschiss am ehrlichen zahlenden Kunden, denn hier wird für etwas kassiert was garnicht getan werden darf, da die meisten CDs einen Kopierschutz haben. CDs kommen bei mir nurnoch als gebrauchte Secondhand-ware ins Haus oder ich weiche auf freie Musik wie z.B. die auf jamendo.com aus.

    Gibt es die Schrift „Wissen und Eigentum“ aus der Bundeszentrale für politische Bildung auch irgendwo als Download zum unterwegs lesen? Wenn ja: ein Link wäre nicht schlecht😉

  2. Beim Verfolgen der angegebenen Quelle sehe ich nur: “Dieses Angebot steht nur Abonnenten von MusikWoche oder mediabiz premium zur Verfügung.”
    Das hat für mich den Beigeschmack, dass sich Herrn Herwigs Kommentar nur an die Menschen gerichtet hat, die ohnehin schon seiner Meinung sind. Und ich werde sicherlich nicht mit meinen privaten Daten dafür bezahlen ein kontroverses Schriftstück lesen zu dürfen.

  3. Pingback: STOP ACTA MÜNSTER: Zweite Demo am Sa. 25. Februar (alle Infos)

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