Anti ACTA Rede Münchener Demo 11.2.12


Liebe Freundinnen und Freunde,

Vor fast hundert Jahren schrieb Franz Kafka seinen berühmtesten Roman, der Prozess.
Sein Hauptdarsteller Herr K. wird in einer endlosen Spirale der Überwachung und Vorverurteilung in einen Abgrund getrieben, aus dem es kein Entrinnen gibt.

ACTA, TRIPS und all die anderen heimlichen und undemokratischen Abkommen um sogenannte geistige Schutzrechte sind nichts anderes als Kafkas Alptraum der Informationsgesellschaft. Sie würgen die Freiheit und die Privatsphäre des Einzelnen im Netz ab.

Nach Protesten der Netzbürger Europas wurde in Polen, der Slowakei, in Tschechien und in Lettland ACTA die Unterschrift versagt.
Und auch Deutschland setzt die Unterschrift seit Gestern erst einmal aus. Das stimmt uns froh, weil wir bereits mit unserer Ankündigung auf die Strasse zu gehen sehr viel erreicht haben. Aber das darf nur das erste Signal gegen die ständige Begünstigung von Verwerterinteressen vor den elementaren Bürgerrechten sein.

Aus ACTA schreit die Ungerechtigkeit für die Schwellenländer und die ärmsten Menschen der Welt. Das Sanktionieren von Generika, Saatgut und anderen überlebenswichtigen Patenten ist eine der vielen menschenverachtenden Facetten ACTAs.

Die restriktive Anwendung von Urheberrechten der Unterhaltungsbranche im Internet bedroht unsere Privatsphäre und Freiheit elementar.
Wenn bereits die Beihilfe zu zweifelhaften Urheberrechtsverletzungen strafbar wird, wenn Provider aus immer trivialeren Gründen Internetadressen herausgeben müssen, breitet sich ein Klima der Angst und Kontrolle aus.
Statt das Internet als Instrument der freien Meinungsäusserung und Teilhabe zu begreifen, das der Menschheit den Weg in die Zukunft einer freien Wissensgesellschaft ebnet, wird ein fast 200 Jahre altes Urheberrecht in Beton gegossen um die alten Erlösstrukturen zu sichern.
Ein Urheberrecht, das weder Schallplatte, Fernsehen oder Internet kannte wird uns heute als das Mass der Immateriellen Dinge im Netz verkauft.

Seit letztem Jahrhundert wurde der Geschmack des Konsumenten durch eine kleine Elite von Repertoiremanagern in ein enges Korsett gezwängt, denn sie bestimmten was veröffentlicht wird. Sie beherrschten das Monopol des Marktes und machten Kunst und Kultur zum Sklaven der Marktwirtschaft.

Erst das Netz hat uns die kulturelle Revolution geschenkt – zu entdecken was es alles an Vielfalt rund um den Globus gibt. Uns Urhebern schenkte es endlich die Freiheit des schöpferischen Geistes, die Möglichkeit sich endlich selbst zu produzieren, zu promoten und zu vermarkten.

Eine Freiheit die die Verwerterindustrie noch weiter einschränken möchte, damit sie ihr altes und überkommenes Monopol der Massenberieselung weiterführen kann. Dabei versucht diese Industrie immer wieder Urheberinteressen zu heucheln, meint dabei aber die eigenen Profite.

Doch das Informationszeitalter braucht nicht nur ein neues Urheberrecht, sondern die Allianz von Urhebern und Konsumenten. Ein Bündnis der weltweiten Netzcommunity gegen die bisher übermächtige Contentmafia. Gemeinsam bauen wir die Zukunft unserer Informationsgesellschaft auf Wissen und Kultur. Zu lange hat die gierige Contentmafia die Produktionsmittel, die Vertriebswege und die Medien kontrolliert und zensiert.
Doch heute ist die Befreiung der Kreativität da, Kreativität als Ausdruck des menschlichen Grundbedürfnisses nach Teilhabe und unmittelbarer Kommunikation ohne Kontrolle und Zensur.

Wenn es eine universelle Freiheit gibt, dann ist es die Freiheit der Gedanken und ihrer geistigen Schöpfungen. Das von den Verwertern als Privileg eingeforderte Recht, davon leben zu können ist kein Grundrecht. Die Freiheit hingegen ist ein Menschenrecht.

Wir wollen die Freiheit im Netz, miteinander Musik und Filme auszutauschen und sie zu bewerten um dann selbst zu entscheiden,was uns einen Kauf wert ist oder nicht. Und das gelingt am Besten auf dem direkten Weg zwischen Urheber und Konsument.

Im Informationszeitalter ist die Contentmafia längst überflüssig geworden, doch sie knebelt und reglementiert nicht nur die Nutzer sondern sogar die Urheber mit dem veralteten Urheberrecht. Hier offenbart sich die Gier der Verwerter die weit vor der Wahrung von Urheberinteressen steht.
Es geht ihnen nicht um die Wertschätzung von Schöpferischer Kraft, sondern nur um einzelne vermarktbare Werke.

Doch eine Informationsgesellschaft erkennt in den nie knapp werdenden Kopien der digitalen Welt eine Verlagerung hin zur Wertschätzung von Schöpferkraft – Schöpferische Kraft, die auch in der digitalen Welt ein knappes Gut darstellt. Diese Wertschätzung kann nur alleine durch die unmittelbare Verbindung von Urheber und Konsument entstehen. Sie braucht Vertrauen in gemeinsame Werte.

Doch heute werden jährlich eine halbe Million Menschen ungerechtfertigt abgemahnt, zahlen aus Angst vor zusätzlichen Prozesskosten zwischen 800 und 2000 Euro an eine Schattenwirtschaft krimineller Anwaltskanzleien und Verwerter. Das muss endlich ein Ende finden.

Die Verwerter behaupten in monotoner Wiederholung, das all jene Downloads ohne das Internet im Laden gekauft worden wären und rechtfertigen damit horrenden Strafzahlungen. Eine verlogene Behauptung die jeder Grundlage entbehrt.
Genauso lächerlich wie die Behauptung, das eine digitale Kopie einem Raub in der realen Welt gleichkommen würde.
Darüber hinaus unterschlagen die Verwerter, das sie aus lauter Gier auf die Zweit, Dritt und Viertverwertung Musik an alles und an jedes Medium koppeln. Mit dieser inflationären Dauerpräsenz entwerten sie nicht nur Musik sondern sie tragen zu einer erschreckenden Verflachung von Kultur bei.

Wir müssen ebenso über Schutzfristen nachdenken, die durch ACTA weiter zementiert werden. Schutzfristen bis 50 Jahre nach dem Tod des Urhebers sind wohl kaum im Interesse des Schöpfers, der dann schon zu Staub zerfallen ist. Sie sind das Interesse von globalen Rechteverwertern, die damit ihre Kataloge mit einer sicheren Rendite auf Jahrhunderte hinaus ausstatten wollen.

ACTA ist das neue Horrorkabinett der Kontrolle und Überwachung denn es eröffnet den Verwertern für zukünftige Verhandlungen ein dehnbares Handelsabkommen mit weitreichenden Sanktionsmöglichkeiten. Restriktive Forderungen wie das bereits in Frankreich angewandte 3 Strikes Modell werden dann auch nach Deutschland kommen. Das Abschalten eines Netzzugangs in Zeiten des Onlinebankings und der digitalen Steuererklärung sind dann wirklich Kafkas Alptraumvision.

Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel. Wir kämpfen für die Freiheit im Netz.
Wir wollen die Teilhabe ohne Kontrolle, die Privatsphäre ohne Voratsdatenspeicherung und das gegenseitige Vertrauen von Schöpfern und ihren Zuhörern.

So wenig Einigkeit es in unserem Europa oft gibt, so überwältigend einstimmig ist der Chor der Netzbürger Europas: Stoppt ACTA, stoppt die Überwachung und Kontrolle.

Legt Acta ad Acta. Sagt Nein zu ACTA und zeigt der Verwertermafia den digitalen Stinkefinger.

München:

5 thoughts on “Anti ACTA Rede Münchener Demo 11.2.12

  1. Pingback: KOW-Reflexionen

    • Würde diesen Text gerne in einer Behindertenwerkstatt veröffentlichen. Als Video eignet sich es daher nicht. Mit Ihrer Erlaubnis würde ich die Textversion dann als Plakat aufhängen. Eine schnelle Antwort wäre nett, Gruß Tim

  2. mittlerweile bin ich echt sauer auf mich selbst, daß ich wegen einer Erkältung nicht zur Acta Demo gegangen bin. Mittlerweile bin ich froh, diesen Blog gefunden zu haben. Bin quasi mit Das Ich und Danse Macabre durch meine Jugend gekommen🙂

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