Selbstbekenntnisse eines Konsumenten

“Von der Droge Leben und dem gepflegten Rausch”

Ich gebe zu, ich habe in meinem Leben viel gekifft. Als junger Mensch während des Zivildienstes sogar täglich. Um die grausame Isolation von Menschen in der Psychiatrie, meinem Arbeitsplatz, zu verdrängen und um nicht in der eigenen Depression abzustürzen. Damals in den 80ern musste man als Zivildienstleistender nach erfolgreicher Gewissensprüfung vor einem Militaristen-Gremium ganze 20 Monate unter den Vorurteilen als Drückeberger und Vaterlandsverräter schuften. Währenddessen wurde man trotzdem bei Wintex/Cimex Übungen der Nato als ziviler Botengänger zwischen gedacht verstrahlten Ruinen eingesetzt. Die Vision des radioaktiven Fallouts war für mich als junger Mensch nur mit gutem Gras zu ertragen, denn das Tschernobyl-Trauma war noch viel zu nah und Ronald Reagans flapsig inszenierter Fehlstart des Erstschlages, der die Welt damals in lähmende Endzeitstimmung versetzte, zu frisch.
Ein paar Jahre später dann, vielleicht ein bisschen weniger intensiv kiffend, schrieb ich gemeinsam mit meinem besten Freund unsere bis heute erfolgreichsten Songs unter dem Einfluss von Cannabis. Ich erlebte in dieser Zeit die fantastischsten Momente, die intensivsten Freundschaften und die spannendsten Diskussionen, die auch heute noch im Rückblick meine Kreativität beflügeln.
Dann, als ich die große Drei überschritt, gab es soviel vordergründig Wichtigeres: Der Aufbau meiner Firma, die erste Ehe und das unentwegte Touren um den Erdball. Aus den kurzen Abständen des Marihuanakonsums wurden Monate und später sogar Jahre. Das häufige, inspirierende und abenteuerliche Kiffen verwandelte sich zum Genussrauchen, dem entspannten Loslassen aus dem Alltagsstress des Tagesgeschäftes.
Wenn ich heute alle paar Jahre an einem Tütchen ziehe, ist es vor allem der Tabak, der mich stört und husten lässt, da ich seit mehr als zehn Jahren das Zigarettenrauchen aufgegeben habe, doch die Erinnerung lässt den Blick nach Innen schweifen, erzeugt einen warmen und wohligen Schauer: Das Leben ist eine wundervolle Droge und Cannabis beweist das immer wieder.
Wenn ich zurückblicke, dann fallen mir jedoch unmittelbar jene Freunde und Bekannte meiner Jugendzeit ein, denen es nicht so gut erging wie mir, deren Leben langsam vom Moloch der Drogen aufgefressen wurde und die dann am Rande der Gesellschaft gestrauchelt, nie wieder Halt im Leben fanden. Vereinzelt durch Heroin oder Synthetika: Zwischen der Beschaffungsrealität und dem Erwartungsdruck der Gesellschaft zerrieben, gab es keinen Ausweg aus dem kriminellen Milieu des Schweigens und Wegschauens.
Der weit größere Teil der zerbrochenen Existenzen meiner Generation hingegen war so fest in die Rituale der legalen Sucht gepresst, sodass Jahrzehnte niemanden etwas auffiel. Der Alkohol zerfrisst wie ein bösartiger, quälend langsam wachsender Tumor zuerst die Familie, dann das restliche soziale Umfeld und zuletzt den Freund selbst. Die zelebrierte Öffentlichkeit legitimierten Saufens macht es auch heute noch leicht, nicht aufzufallen. Alkohol passt wie das sprichwörtliche Puzzleteil zum anderen, der aggressive Duktus und Rhythmus unserer westlichen Ordnung ergänzt sich in der verflachenden und stumpfen Perspektive des Alkoholrausches und reduziert das Individuum in Kadavergehorsam zum starren Teilchen des kapitalistischen Räderwerks. Wer säuft, kann sich dann endlich in enthemmter und vergifteter Emotionalität ergehen – in aggressiver Wut oder in weinerlicher Selbstaufgabe.
Auf unseren Tourneen in Südamerika durften wir manches Mal in die Welt des indianischen Gebrauchs von Drogen eintauchen. In ritualisierter Selbstverständlichkeit stellte sich uns der Gebrauch von Drogen als eine Alltagserfahrung zur Kompensation des seelischen Leidensdrucks dar, der den Menschen Kraft gab, sich dem Mühsal des Alltags zu stellen. Ebenso aber auch um in der inneren Entwicklung eigene Barrieren zu überwinden. Etwas, das in unserer westlichen Gesellschaft mit Psychopharmaka, endlosen Therapiegesprächen und Selbsthilfegruppen oft nur symptomatische Behandlung erfährt.
Eins ist aber überall gleich: Dort wo Drogen illegal sind, verdienen zwielichtige Händler an unkontrollierter und mangelhafter, oft sogar gesundheitsschädlicher Qualität der Drogen.
Da das begrenzte Angebot, die immer steigende Nachfrage, aber auch das hohe Risiko des Dealers, im Gefängnis zu landen, durch satte Marktpreise gerechtfertigt wird, entsteht eine Zweiklassenwelt. Jene, die es sich leisten können und die anderen, die entweder selbst anfangen zu dealen oder in andere illegale Geschäftsmodelle abdriften. Der Druck des Schwarzmarktes und die Null-Toleranz-Politik der strafverfolgenden Behörden zwingt Konsument und Dealer in eine Abwärtsspirale gesetzwidrigen Verhaltens.
Auch der Kleinstdealer meines Vertrauens hätte mir sicher jederzeit härtere Drogen beschafft, denn die Netzwerke für das harmlose Gras und Dope befinden sich – ausgenommen vom kleinen Hollandtourismus – in den Händen einer gut organisierten Vertriebsstruktur, die ohne ihre zwielichtige Professionalität kaum gegen die engmaschige polizeiliche Überwachung bestehen könnte.
Das Leben ist ein Rausch der Sinneseindrücke und Erfahrungen. Je mehr wir uns dieses Rausches enthalten und den Blick im strengen Rhythmus der gesellschaftlichen Verpflichtungen nach vorne verengen, umso weniger erkennen wir die Wahrheiten und sinnhafte Schönheit des Lebens. Pflicht, Ordnung und Zukunftsängste lassen uns das kindliche Verweilen im Jetzt als reine Zeitverschwendung verdrängen.
Vor allem die Zivilisationen westlicher Prägung haben die eigenen Rituale verdrängt, die den Konsum von Drogen in den Lebenszyklus einbetten. Depressionen, Burnoutsyndrome, chronische und psychosomatische Erkrankungen sind nicht umsonst die bedrohlich wachsenden Volkskrankheiten unserer Zeit.
Wer sich des Innehaltens und der Bewusstseinserweiterung beraubt, verpasst die Suche nach dem ureigenen inneren Quell der Spiritualität, sei es Totem oder Ikone, Religion oder Wissenschaft. Drogen sind das Hilfsmittel unserer Ahnen, die Metaebene der so fest konstruierten Welt zu ergründen.
Meine Tochter ist jetzt drei Jahre alt. Ich hoffe inständig, dass sich die Gesellschaft ihres Erwachsenwerdens von dem restriktiven und kriminalisierenden Habitus der Gegenwart befreit haben wird und das ungezwungene Ausprobieren der eigenen Spiritualität dann außerhalb einer kriminellen Schattenwelt erlaubt. Ohne Angst vor dem Absturz und in die Normalität eingebettet, würde der gelegentliche Drogenkonsum unserer verkrampften Angstgesellschaft nicht nur gut tun, sondern den Beweis antreten, dass Freiheit nicht vor unserer eigenen Metawelt beschützt werden muss.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s