Neues aus der Trollzone: Faschismus der guten Laune oder was Post Privacy auch bedeuten kann.

Es ist ja nicht so, das nur die digitale Avantgarde und ihre intellektuelle Speerspitze zur Post Privacy rufen. Schlimm wird es erst, wenn jeder mit macht, sich keiner mehr für die eigene Blödheit schämt, von allen Konventionen befreit sogar mit der eigenen Dummheit kokettiert. Genau damit droht Post Privacy auch – die Allmende der Dummheit die sich selbstverständlich jedem, überall, grenzenlos und immerzu aufdrängt.
Wie komme ich dazu, so etwas zu proklamieren? Mein Feldversuch, das Fernsehprogramm zur Faschingszeit kann übrigens auch zur Beweisführung für eine Abschaffung der GEZ verwendet werden.

Kennt ihr die Addams Family? Zweiter Teil? Als Wednesday in einer kitschig dekorierten Holzhütte eine Nacht lang Disney Berieselungsterror ertragen musste, um endlich der „Guten Laune“ Maschinerie des Feriencamps zu entsprechen. Nach einer Nacht wird sie entlassen, fortan mit einem zur Fratze deformierten Grienen.
Die Realität ist schlimmer, denn Tag für Tag auf allen Kanälen findet das kalkulierte Reanalphabetisierungsprogramm statt. Die einzig wirksame Gegenwehr ist die selbstauferlegte Isolationshaft im Wandschrank, um dem gesteuerten Irrsinn zu entgehen, denn die Schergen der Medienkonzerne winken auf sämtlichen Informationswegen zwischen TV Kanal, Social Network und Printmedium zum Kollektivfrohsinn. Beispiele gefällig? Egal ob Güllebad und Almdudeln in „Die Alm“, Social Drama Striptease in „Frauentausch“, demonstratives Gemeinweisen in „Handwerker-Realities“, Görenbashing in “Supernanny”, Geistlose Proletenmillionäre in “Die Geissens” oder Hungerhaken Jobbörse „Next Topmodel“: Die Einfältigkeit ist nur noch vom erbarmungslosen Sendungsbewusstsein der penetranten Protagonisten zu überbieten. Beispiele gefällig:
Brigitte Nielsen und Jazzy Tic Tac Toe im Casting Sumpf -leider hat die Malaria noch nicht zugeschlagen-. Der muskulöse Bachelorblondie auf Hühnchensuche für das gentrifizierte Plastikleben. Davor nachmittägliche Horror DDR Nostalgieshow mit Spieleinlage für Wehrsportbegeisterte im Ruhestand: Wer trifft in der Todeszone? Erster Preis: Ein Topf Spreewaldgurken. Deutschland sucht den Volltrottel: Playback mit unser aller Dieter, der wegen der allgemeinen Geschmacksdemenz jahrzehntelang ungestraft urheberisch neutral plagiiert um mit dem Recyclingprodukt Millionen zu verdienen, nebenbei seinen „talentierten“ Genpool ans Teppichluder im Baumarkt weitergibt und auch schon mal seine Politikfähigkeit mit Wahlwerbespots für Süßmilcherzeugnisse probt.

So ist der eindeutige Höhepunkt des Jahres der Fasching auf sämtlichen über- und unterregionalen Sendeplätzen der öffentlich-rechtlichen Anstalten, wenn die GEZ für Rucki Zucki, Alaaf und Helau kassiert. Das Kulturprogramm für die Masse, die brav weiterzahlt und einmal im Leben live im Saal mitschunkeln möchte. Den klatschenden Vollidioten mit geistlosem Blick in der ersten Reihe der Gala wurde an der Garderobe die Hirnschale geöffnet und der Inhalt gegen eine Marke eingetauscht. Die Schminkmelone der Zombies mit dem festgezurrten Grinsen dann kameragerecht auf den Platz getackert, Lachsack daneben. Büttenreden, Titten, Ärsche und Muschiguckhöschen von beinschwingenenden Funkenmariechen, ja da freut sich das Volk und Oma kann auch im Demanzipations-Chor mitsingen. Sogar Gottlieb Wendehals findet mit dem tanzenden Gyros, pardon Costa wieder einen Platz auf der Bühne, denn Anita, die mittlerweile zahnlose Liebessklavin des bankrotten Griechen lebt ewig. Die Unterhaltungsbranche hat längst das Rezept für die Rentenmisere gefunden: Blödeln bis der Tod auf der Bühne eintritt. Da würde ich schon lieber die geplante, aber leider von der FSK abgesetzte Raucherbein Amputations-Realityshow sehen. Und nicht zuletzt: wie hat es uns gefehlt, eine neue Staffel Big Brother. Kollektives dumm Bumsen vor laufender Kamera und keiner schämt sich dafür, solange die Bräune stimmt und die Zellulitis nicht sichtbar wird.

Aber dann kommt der Abstieg, das rektale, letzte Aufbegehren. Am After des den Menschen verschlingenden „5 Minuten Star“ Multimedia Mollochs, der Medienmaschinerie fällt der Klärschlamm der kollektiven Zivilisationsbetäubung. Die ehemaligen Stars und Sternchen. Ohne Ideen, „Know How“ und Vorbereitung auf ihr Schicksal, finden die einst so perfekt Ausgeleuchteten keine Bleibe in der so verheißungsvollen Branche, denn plötzlich sind alle Türen zugefallen, ihre Gesichter verbraucht, kaum recyclingfähig. Im Supermarkt dürfen sie auch nicht an die Kasse, könnte ja sein, dass der Betrieb durch Autogrammjäger aufgehalten wird.

Der alltägliche Faschismus der guten Laune trifft jeden, denn wer nicht mitmacht ist nicht mehr draußen – schön wäre es ja – nein, dann wird solange zum mitmachen gezwungen bis der kollektive Blödsinn übergreift.

Als ein Kind der 68er hab ich die klassenkämpferischen Ideale meiner Eltern geträumt: Eine Welt in der alle auf die gleichen Möglichkeiten zurückgreifen können, die Informationsgesellschaft mit ihrer Wissensallmende. Ein bisschen Sozialismus, ein bisschen weniger Kulturimperialismus, ein bisschen Frieden – Doch geht es nicht erst seit Nicole mit dem Niveau abwärts. Die Dumpfbacken für die der Klassenkampf das Terrain befreit hat, sind auch noch Stolz auf ihre Blödheit und brüsten sich mit ihrem Seelenleben ungeniert vor jeder Kamera und im Netz und drücken das Niveau einer Kulturallmende die nur den kleinsten gemeinsamen Nenner ermittelt. Zwar ist die Lebenszeit gestiegen, dafür aber auch die Zeitverschmutzung, derer wir jeden Tag anheim fallen, denn es gilt diese unsagbar schlechten Informationen auszusortieren, damit das eigentlich Relevante doch noch seinen Weg zu uns findet. Leider gibt es noch keine Antispamsoftware für kulturelle Werte, aber nein, dann würde ich wohl die konstant schwarze Röhre für einen Totalausfall meines Rechners halten.

Nachdem bald jeder CDs, DVDs, Videospiele und Filme, Musik und Bücher dank Hilfssoftware als Download App selbst produziert und vertreibt, das Niveau ins Bodenlose sinkt und die großen Vermarktungs-Konzerne mit Ausverkaufsangeboten geistige Werke zum Nulltarif verschleudern, bricht die Branche endgültig zusammen. Das Urheberrecht gibt auf, denn weder Stilometrie, noch Schiedsgericht können einen marginalen Unterschied der Werke ausdifferenzieren. Endlich sind wir das Urheberrecht los. Danke Spackeria.

3 thoughts on “Neues aus der Trollzone: Faschismus der guten Laune oder was Post Privacy auch bedeuten kann.

  1. Sehr genial und treffen geschrieben. Nicht mal mein Medienvorbild und Medienkritiker Oliver Kalkofe hätte diese Zustandsbeschreibung toppen können. Bitte mehr davon!

  2. Es gibt ja noch Arte, 3sat, und insbesondere ZDFinfo und Phoenix. und meinen Guido Knopp lass ich mir nicht absprechen. Aber für das Privat Fersehen möchte ich keine Empfehlung aussprechen.Das schon oben beschriebene Programm ist unsäglich und benötigt keinen Platz auf meiner Fernbedienung.
    Gruss Matze

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