Die Alchemie der Moderne

Die Alchemie des frühen Mittelalters war eine Geheimwissenschaft, die nur wenigen Eingeweihten vorbehalten war. Die Erzeugung von Gold aus geringwertigen Metallen ist der größte Mythos dieser Naturphilosophie, aus der sich später die Chemie entwickelte.
Viele Jahrhunderte danach hat uns die Kraft des Geistes aus der mittelalterlichen Finsternis geführt, im Widerschein der Aufklärung die Demokratie und ihre solidarische Gesellschaftshegemonien geprägt und ein scheinbar ewig expandierendes Wirtschaftswachstum, das vermeintliche Füllhorn einer Konsumgesellschaft geschaffen, das gerade nach dem jähen Zusammenbruch der sozialistischen Staaten keinen Gegenentwurf zu fürchten hatte.

Die Begrenztheit der natürlichen Ressourcen, der Raubbau an unserem Ökosystem aber auch die Ohnmacht gegenüber selbst verursachter, irreversibler Katastrophen hat uns nicht erst am Anfang des neuen Jahrtausends schmerzhaft die Grenzen dieses Wachstums vor Augen geführt, doch leider findet nachhaltiger und qualitativer Wachstums viel zu langsam Einzug in den gesellschaftlichen Mainstream der führenden Wirtschaftsnationen. Im Angesicht des Wohlstandshungers der Schwellenländer und der bedingungslosen Abhängigkeit der nationalen Märkte vom globalen Raubtierkapitalismus, der Diktatur der Hochfinanz können sowohl Systemkritiker als auch die Umwelt- und Antiglobalisierungsbewegung kaum Tritt fassen. Die soziale Schieflage und das Aufklaffen von vergessen geglaubten Klassenkonflikten erodiert darüber hinaus den solidarischen Kitt unserer Gesellschaft.

Hinter dieser fatalen Abwärtsbewegung steckt das Normativ des reinen Profits, der sich von den moralischen Grenzen der gesellschaftlichen Hegemonie befreit hat und qualitative Kriterien eines Miteinanders skrupellos der quantitativen und egoistischen Ertragssteigerung geopfert hat.
Die Dialektik der Märkte ist global, nie regional und nur ihrer Gewinnausschüttung verpflichtet. Sie hat die Idee des Geldes längst zum Selbstzweck mutiert. Geld im Dienste der Gesellschaft, zur Entlohnung von Arbeit und Wertschöpfung, als Zahlungsmittel zur Teilhabe und individuellen Entfaltung und Freiheit wurde ins Gegenteil verkehrt. Man wettet gegen das eigene System um den persönlichen Profit zu steigern.
Die Parallelmontage wirkt grotesk: Ein Geschäftsmann gründet mit Hilfe eines Darlehens seiner Hausbank eine fiktive Unternehmung um dann bei einer Versicherung gegen den Erfolg seiner Geschäftsidee zu wetten. Nach dem Konkurs seiner Firma erhält er einen satten Wettgewinn. Der Derivatenhandel bedient genau diesen Markt und spekuliert auf das Aus von Banken, Währungen und Staaten.

Die Überhöhung einer Gewinnerwartung aus Spekulationen über die eigentliche Wertschöpfung, die der Arbeit zu Grunde liegt, expandiert das Finanzsystem bis über alle erdachten Grenzen hinaus. So ist der Finanzmarkt innerhalb der letzten zehn Jahre zu einem Vielfachen der weltweiten Wirtschaftsleistung angewachsen und überragt alle realen Werte. Jeder andere Markt, seien es Immobilien, Arbeit, Rohstoffe ist längst zum kleinteiligen Kaufobjekt geschrumpft, für oder gegen welches spekuliert wird, koste es was es wolle. Weit fataler ist noch die unkontrollierbare Dynamik der vielen spekulativen Finanzpakete, die unzählige und sich wechselseitig beeinflussende Wetten, Beteiligungen und Optionen kombinieren um das Risiko des Anlegers zu minimieren. In Zeiten der Instabilität multiplizieren sie die Gefahr eines Kollapses.

Im Elfenbeinturm dieser Hochfinanz sind Menschen längst nur noch die Spurenelemente der volkswirtschaftlichen Alchemie, ein Bit im ökonomischen Programmcode. Gewappnet mit zynischer Selbstüberschätzung ist die Parallele zur Atomwirtschaft, die den größten anzunehmenden Unfall ins statistische Nichts dekliniert, frappierend. Doch die Gier findet ein jähes Ende, denn der ökonomische Gau gleicht seinem physikalischen Pendant. Wenn das System kollabiert und die Gesellschaft zerbirst, zerschmettert der Malstrom des Chaos auch die Alchemisten der Moderne.

So bedarf es verhältnismäßig wenig, um gegenüber der enthemmten Finanzwelt Souveränität zu gewinnen. Umfassende Transparenz, das Verbot hochspekulativer Derivate und eine Finanztransaktionssteuer könnten den ausser Kontrolle geratenen Reaktor und seine ökonomischen Kettenreaktion stabilisieren. Die Frage einer grundsätzlichen Neubewertung der Marktwirtschaft und ihrem mutierten Selbstzweck ist genauso interessant wie die Vision eines gerechteren Neuanfangs.

Sollte nichts mehr funktionieren, dann teilen wir die Summe von 200 Billionen US Dollar des weltweiten Finanzmarktes gerecht an alle 3 Milliarden Menschen. Das Startkapital jedes Erdenbürgers: 66.666,66 US Dollar.

Bildnachweis: Gemeinfrei,w:en:Image:Alchemical Laboratory – Project Gutenberg

2 thoughts on “Die Alchemie der Moderne

  1. Super auf den Punkt gebracht!!!
    Ist es gewollt, das kapitalistische Wirtschaftssystem mit seiner enthemmten Finanzwelt a la Krebsgeschwür zu reformieren oder darf das Krebsbeschwür weiter wachsen und Metastasen bilden bis zum unausweichlichen Kollaps?
    Sicher ist, für eine erfolgreiche Genesung der globalen Gesellschaft braucht es eine Bewußtseinserweiterung der Bevölkerung, die den friedlichen, gerechten, nachhaltigen Umgang mit der Mitwelt, Umwelt und Nachwelt lebt!!!
    Wird weiterhin nicht sofort mit einer wirksamen Behandlung gegen das Krebsgeschwür “enthemmte Finanzwelt” begonnen, dann wird diese ernsthafte Erkrankung der Gesellschaft ein nicht allzu fernes Zeitfenster mit “The point of no return” regeln.

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