Damit aus den 99% Einhundert werden

Im Rückblick ist das vergangene Jahr eine Zeit der schier grenzenlosen Umbrüche. Weltweite Krisenherde und Revolutionen, die umfassende Weltwirtschaftskrise und die Antwort der Menschen darauf, die globale Occupy und Protest Welle sind Zeichen eines nahenden Systemwechsels. Es ist nicht nur das Ende des Wachstums erreicht, sondern auch die blinde Gläubigkeit an den Monetarismus und seine Ikone, das Geld.

Die Weltwirtschaftssysteme wurden mit finanzspekulativer Medikation zu einem kranken Ungetüm aufgebläht. Hilflos den Scharlatanen des Kapitalismus ausgeliefert, vergiften deren profitable Therapiemaßnahmen das soziale Immunsystem durch Angst, Missgunst und Hass. Während die eigene Grundlage vernichtet, Ressourcen verschwendet und die Umwelt zerstört wird, wächst gleichzeitig die Armut und der Hunger, denn der einseitigen egoistischen Bereicherung steht ein bisher unbekannter Drift breiter Bevölkerungsschichten in die Bedürftigkeit trotz Arbeit gegenüber.

Das Raubtier Kapitalismus und seine samtäugige Schwester, die soziale Marktwirtschaft sind im Rausch der monetären Unfehlbarkeit und Selbstüberschätzung am eigenen Zenith gescheitert und lassen eine ausgeblutete und sich mehr und mehr desozialisierende Gesellschaft zurück. Anstatt dem Mensch zu dienen, ist das Geldsystem zu einer Singularität, einem schwarzen Loch der monetären Gravitation angewachsen, das materielle Werte verschlingt, moralische Werte ins Gegenteil verkehrt und Menschen in den Untergang stürzt.

Freiheit, Bildung, Solidarität, Teilhabe, Gesundheitsversorgung, Recht auf Arbeit und Wohnung, Recht auf Meinungsfreiheit und Entfaltung, Recht auf intakte Natur und Umwelt – all diese Werte treten gegenüber dem Finanzdiktat in den Hintergrund und potenzieren im gleichen Zug gebetsmühlenartig die Verpflichtung des Einzelnen, für die Rettung der alten Normen geradezustehen.

An den Rändern der Gesellschaften nagt schon längst der Zweifel am solidarischen Wertesystem und die Angst des sozialen Abstuzes ins Bodenlose. Ängste, die von sozialdarwinistischen Reflexen und rechts-sozialistischen Strömungen angefacht auch schnell in einen Strudel rassistischer und nationalistischer Verblendung führen können. Vorerst wetzen die rechten Volksverhetzer ihre Messer noch im Abseits der untersten Einkommensschichten, bei jenen Verlierern der Globalisierung, die von nationalen Minderwertigkeitskomplexen geplagt, den bildungsfernsten Gesellschaftsschichten angehören. Doch man kann ihren Schleifstein bereits hören, der die Gegensätze, die Vielfalt und Vielstimmigkeit mit gleichgeschalteten Phrasen übertönt und zurechtstutzt um im unmenschlichen nationalen Sozialismus das vermeintliche Heil von Gestern zu suchen.

Dabei wird das eigentliche Problem, die gescheiterte Verantwortung des Marktes für das soziale Wesen und den Humanismus verdrängt: Anstatt dem Mensch zu dienen, ist das Geldsystem in seiner Selbstzentrierung längst gescheitert. Eine Korrektur oder ein Richtungswechsel scheint den wenigsten Verantwortungsträgern in den Sinn zu kommen. Zu sehr hält man an den alten Wertesystemen Protektionismus, Stabilität, Rendite und Vertragspflicht fest. Eine neu gedachte Demokratie zu wagen, eine gerechte und basisorientierte, horizontale und transparente Teilhabe Aller zu ermöglichen, macht den Systemikern der alten Ordnung Angst vor Macht- und Kontrollverlust. Die reflexartige und kategorische Negation verbindet bei diesem Thema oft sogar über die Fraktionsgrenzen hinweg.

Und in der Tat standen die Chancen noch nie so gut wie heute, fundamental geglaubte Gesetzmäßigkeiten zu hinterfragen und zu transformieren. Der Ausstieg aus der Atomkraft, der jahrzehntelang als grüne Utopie und in wertekonservativen Kreisen als Anschlag auf die Energieversorgung, die Marktwirtschaft und die öffentliche Ordnung gedeutet wurde, wird jetzt Meiler um Meiler vollzogen und durch regenerative Energien ersetzt.

Das Internet als geistige Allmende und universeller Kommunikationskanal verbindet Ideen und Menschen über Systemgrenzen hinweg und formt ein virtuelles Abbild der globalen Wirklichkeit. Noch nie konnten Proteste weltweit so synchron etabliert und vermittelt werden. Der arabische Frühling, die Wahlproteste in Russland oder regionale Aufstände in China – je stärker der Einzelne begreift, das er als Teil der 99% eine Stimme hat, umso klarer werden die Konturen des großen Paradigmenwechsel.

Die Proteste 2011 waren erst der Anfang.

Fotonachweis Creative Commons – Occupy by cadillacdeville2000

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