Enjoy The Silence


Weit nach Mitternacht verstauen wir zahlreichen Bühnenteile, diverse tontechnische Gerätschaften und unsere Instrumente im Laderaum des Tourvans.
Als wir zur nächsten Etappe unserer kleinen Hispanien Tournee aufbrechen, hat sich das ferne Echo des schrillen Konzertes bereits unwideruflich in meine akustische Erinnerung gebrannt.
Nach einigem Hin- und Herwälzen, habe ich eine bequeme Position gefunden und falle innerhalb weniger Sekunden in einen tiefen Schlaf. Das leichte Hintergrundsummen in meinen Ohren wird nur unzureichend vom Motor übertönt, erschreckt mich aber angesichts des schlechten und übersteuerten Monitormixes des heutigen Abends kaum und gehört zur Normalität des Musikeralltags, denn „wo gehobelt wird, fallen Späne“. Die fatalistische Haltung eines Bekannten geht sogar noch weiter: Wenn Montags der pfeifende Nachgesang der Sirenen ausbleibt, war es ein schlechtes Diskowochenende. Der Tinnitus als Qualitätskriterium. In einer formlosen Traumsequenz verworrener Gedanken fahre ich erschrocken hoch. Es ist still geworden und diese Stille schmerzt, schreit mich förmlich an, saugt die Gedankenfetzen gleich einem Vakuum in schwindelerregendem Tempo von meiner gedanklichen Bühne. Erschrocken reiße ich die Augen auf und sehe das atemberaubende, nie zuvor so deutlich und scharf gezeichnete Panorama der Milchstrasse über mir, das in majestätischer Stille die Welt in Stille taucht. Hier, Irgendwo im Nirgendwo der spanischen Steppe nimmt mich die stumme, Milliarden Jahre alte Illumination auf die gleiche Art und Weise gefangen, wie den das Geräusch fürchtenden Menschen der grauen Vorzeit. Nein, angesichts dieser Pracht können wir kein bedeutungsloser Sternenstaub, eine auf mathematische Mutationen und selektive Evolution reduzierte Spezies sein. Unsere Kraft zu Staunen ist so mächtig wie der Wille dieses Universum zu begreifen. Was wäre diese Schönheit ohne Gegenwart eines der ästhetischen Bewunderung fähigen Betrachters ? Die Stille schmerzt in meinem Kopf, denn die kaum wahrnehmbaren Geräusche des Windes und das leise Klappern der Türe der kleinen Tankstelle, an der unser Fahrer angehalten hat, sind die einzigen Zeugen der akustischen Untermalung dieses atemberaubenden Schauspiels.
Ich gedenke eines historisch nicht verbrieften Dialoges zwischen Pythagoras und Aristoteles. Pythagoras, auf der Suche nach dem universellen Klang der Planeten und Gestirne, vermutete eine unglaubliche Geräuschkulisse, die durch die Bewegung der großen Massen hervorgerufen werden müsste, während Aristoteles zu bedenken gab, das wir durch die immerwährende Konstanz der Geräuschkulisse seit unserer Geburt nicht fähig wären, diese Klänge wahrzunehmen.
Unabhängig von dem naiv wirkenden Ausschluss des Vakuums, gibt mir diese Passage zu denken.
Stille ist heute ein kostbares Gut. Am Anfang war der Ton, dann der Klang, dann der Laut,
dann das Wort und seine sinnstiftende Syntax ganzer Sätze, die den Menschen in verbaler Macht befähigte, große Zusammenhänge logisch zu differenzieren oder gar zu phantasieren.
Die neu geschöpfte Vermittlungsfähigkeit ist vielleicht der Faktor, der uns zum Diktator der Schöpfung gemacht hat. Die einst zu überwindende Stille des Universum wich schnell dem gesellschaftsstiftenden Credo: „Wo man singt da lass Dich nieder…“
Doch heute ertrinken wir in dieser Kulisse aus nicht vernehmbaren Einzelstimmen bar der anschwellenden und ohrenbetäubenden Kakophonie. Im Wettstreit um die Wahrnehmung steigt die individuelle Lautstärke zum hysterischen Wahn und findet ihren Höhepunkt im überkomprimierten Dauermaximum von MTV, Viva und Onyx. Neben der unersättlichen Bilderflut fällt die dummdreist werbende Komponente des einlullenden Dauerklangs kaum auf. Rastlos und unsicher jeder Grundlage zum Innehalten beraubt, gebären wir in der selbstverschuldeten auralen Kloake ein psychosomatisches Leiden nach dem anderen. Ich blicke nach oben und merke: Stille ist ein labendes Gut und nur allzu teuer erkauft. Wer sich ausklinkt, wird übergangen, denn – so scheinen wir uns gegenseitig zu suggerieren – wir müssen immer informiert, aktualisiert und online sein.
Die Qualität des Signals scheint inhaltlich wie klanglich sekundär, denn dem Gehöhr und Gemüt ist eine Hornhaut gewachsen. Im alltäglichen Sperrfeuer der Klangkanonen nivelliert das Empfinden zur erschreckender Nieveaulosigkeit.
Ein Realaudiostream aus quäkenden Multimediaboxen wird als ästhetisches Hochgenuss empfunden und einzig die Lautstärke einer Aufnahme scheint ein Qualitätskriterium zu sein. Dynamik wird mit Lautheit gleichgesetzt.. Selbst häufig mit dem Mastering, dem Feinschliff vor der Produktion diverser CDs beauftragt, wundere ich mich schon gar nicht mehr über den Standardzusatz: Vor allem lauter als alles andere soll es sein. Der Pegel soll am Aussteuerungslimit „kleben“, die Höhen und Bässe klirren und niemals eines der sechzehn Bits verschenkt werden. Vergleichsweise wirklichkeitstreue Abbildungen musikalischer Kreativität der 80er scheinen gegen dieses Frequenzmassaker substanzlos leise und dumpf. Meine Standardfrage „Blutet es aus den Ohren ?“ wird mit einer glücklichen Geste bedankt, denn eine taube Gesellschaft dreht einfach lauter.
Aber auch inhaltlich reduziert sich Vieles auf die Bandbreite unserer Handys. Nicht umsonst warten die meisten Melodien der Charts, mit hektischen Piepstönen angereichert auf ihren Download als Handyklingelton. Polyphon ist das neue Modewort und demnächst auch mit Subwoofer in der Hosentasche. Wir betäuben uns, nehmen uns die Kraft zu differenzieren. Der probate Steuerknüppel einer Gesellschaft aus Laborratten im Selbstversuch ist längst außer Kontrolle geraten. Die Bilderflut nimmt jede Fähigkeit zu abstrahieren und wir stürzen uns panisch und süchtig in den Rausch der Dauerberieselung, kreieren so unseren Teil zur klanglichen Umweltverschmutzung.
Der Himmel thront über mir und eine Sternschnuppe am Firmament scheint meine Bedenken lautlos zu unterstreichen während der Wind das unergründlich leise Lied der Ewigkeit singt.
Neueste kosmologische Erkenntnisse sprechen von der Harmonik des Urknalls, die wie ein ewiges Echo unser Universum in Schwingung versetzen und vermittelnder Teil der Schöpfung zu sein scheinen. Jäh zerreißt der anspringende Motor die Idylle und die aufschlagende Bustüre ruft zum geräuschvollen Abmarsch in die Zivilisation.
Als wir am nächsten Veranstaltungsort angekommen sind, geht der Aufbau schnell von der Hand. Der provisorische Soundcheck beraubt uns mit einem ohrenbetäubenden, durch Mark und Bein fahrenden Feedback der Fähigkeit, die Unzulänglichkeiten der Monitoranlage zu erhören.
Am Abend während des Konzert dresche ich in die Tasten und schreie mir die Seele aus dem Leib. In Hintergedanken das Zitat aus einer anderen Welt. Eine Biographie des berühmten Konzertpianisten und Kunstliedbegleiters Moore, titelte in den 70ern: “Bin ich zu laut ?” – Ach könnte ich nur die Sterne hören….

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