Dark Side of the Earth (2005)


Irgendwo in der dritten Welt der schwarzen Szene, auf dem Kontinent des indianischen Gothic – eine Welt die man in europäischer Überspanntheit allenfalls auf Fußball und folkloristischen Tanz reduziert. Und in der Tat: Hier im äquatorialen Süden entspricht oberflächlich vieles dem Klischee einer streng unterteilten Klassengesellschaft. Die bettelarme, immer am Existenzminimum kauernde Unterschicht, die sich und ihre Träume längst vergessen hat, vegetiert kaum wahrgenommen am Rand und in kleinen Biotopen isoliert. In unmittelbarer Nachbarschaft daneben jene sich selbst ausbeutende Mittelschicht, die im Kampf gegen den Abstieg und um das bisschen Wohlstand ihre Gesundheit und Lebenszeit riskiert. Über allem, die aus dem Trüben heraus waltende Macht der kriminellen Oberschicht, deren unsichtbare Klauen bis in den letzten Winkel der übervölkerten Metropolen zu reichen scheinen. Mitten in der schwülheißen, kaum abgekühlten Sommernacht bewegt sich eine schwarze Masse gespenstisch virtuos im dröhnenden Schalltrichter einer kurzfristig umdekorierten Tiefgarage. Das matt flackernde Licht weniger, fast erblindeter Scheinwerfer taucht das Szenario in ein filmisches Ensemble hingebungsvoller Gesichter auf deren Konturen die huschenden Schatten ein filigranes Minenspiel inszenieren. Es ist Sonntag und die Gothics dieser Welt feiern ihre wöchentliche Auferstehung aus dem Alltag des Versteckens. Die Maske des pflichtschuldigen und sklavischen Dienstleistens an einer gnadenlosen Gesellschaft abgestreift, fordert das ausgehungerte Selbst seinen Aufsehen erregenden Tribut. Die Musik klingt verzerrt und findet ihren Widerhall in den dunklen Katakomben der Tiefgarage, währen der Hochtöner den eigenen Kontrapunkt zur düsteren Kadenz aus verzerrten Mollakkorden und monoton treibenden Hämmerschlägen intoniert. Die quälenden Gesänge einer ungreifbar fernen Welt durchweben den Raum mit sinnstiftender Tiefe, deren ergreifende Wahrhaftigkeit mich erschaudern lässt. Da ist sie, die Sonnen abgekehrte Seite der Gesellschaft, das Fest der Endlichkeit im Angesicht des schwarzen Nichts. Ich schmunzle als ich an die illegal angebotenen Kopien unserer CDs denke. Diese „Dritte Welt“ Street Promotion hat keinen einzigen Cent gekostet und ermöglicht es uns jetzt in dieser fernen Welt zu gastieren. Ein kleiner Gothic mit dunkler Sonnenbrille stolpert im Schummerlicht auf mich zu. Sein radebrechendes Englisch lässt mich schmunzeln, zumal mein eigener Wortschatz wegen der vielen hochprozentigen Drinks auch keine qualifizierten Konversationen zulässt. „Want listen my music ? I make band and record my studio“ Mein Dolmetscher, selber Gothic teilt mir Weiteres mit: Es handelt sich um den bekanntesten Gothic Produzenten der Millionenmetropole und er möchte mich gerne in sein Studio einladen um mir ein bis zwei Demos vorzuspielen. Neugierig und angetrunken freue ich mich auf die klangliche Abwechslung eines Tonstudios, auch wenn mir der Diskobesuch mit hundertprozentiger Sicherheit schon jetzt ein morgendliches Nachläuten der Hochtöner garantiert. Allen Warnhinweisen der einschlägigen Reiseliteratur zum Trotz kann uns der etwa einstündige Fußmarsch an zwei unbeleuchteten und Seelen verlorenen Elendsvierteln vorbei kaum erschrecken, denn unsere Tarnung könnte nicht besser sein, erwartet man hinter einem schwarz gekleideten Gothic in diesen Breiten kaum mehr als Aidsinfektion, Homosexualität und Arbeitslosigkeit – im schlimmsten Fall einen gewaltbereiten Drogendealer, dem man besser aus dem Weg geht. Als wir den dunklen und leergefegten Gängekomplex erreichen, verrät sich schnell das örtliche Tagesgeschäft. Den beißenden Geruch verrottender Essensreste in der Nase und über zerbrochene Gemüsekisten stolpernd, verheißt uns unser nächtlicher Führer gestenvoll, vor einer mit vielen Vorhängeschlössern verbarrikadierten Türe innezuhalten. Im spärlichen Licht eines Feuerzeugs findet er die passenden Schlüssel nur unter Flüchen und so dauert es mindestens zehn Minuten bis das letzte Schloss die rostigen Scharniere der Eingangspforte freigibt. In absoluter Dunkelheit tasten wir uns durch einen Vorraum und eine weitere, klapprige Türe bis zu einem Sicherungskasten. Kleine blaue Blitze zucken aus dem Schränkchen während langsam flackernd die ersten Neonröhren erwachen und den Blick auf eine schäbig gestrichene, nicht größer als drei auf drei Meter bemessende Kammer werfen, deren Wände mit vergilbten Postern der Szenegrößen aus Europa in dicken Schichten verklebt sind. Ein einsames Keyboard, eine Basstrommel, ein daran mit Gaffaband notdürftig befestigter Schellenkranz und ein kleiner Gitarrenkofferverstärker dessen abgelöste Bespannung den Blick auf den durchlöcherten Lautsprecher freigibt, sind die wenigen Utensilien, die auf dem verkrusteten Teppich zu einem beispiellosen Stillleben arrangiert wurden. Als eine weitere Röhre aufblitzt, werden wir einer kleinen Luke gewahr, die scheinbar als Einstieg in einen weiteren Raum dient. In der winzigen Kammer drängen sich ein sechskanaliges Kleinmischpult, ein schräg an der Wand befestigter, defekt flackernder Computermonitor und eine vergilbte Tastatur, auf der kaum mehr die Buchstaben zu erkennen sind. Zwei kleine, von den Neonröhren zum Brummen animierte Lautsprecher einer Kompaktanlage zieren die andere Seite des schmalen Korridors, der in eine winzige Toilettenkabine ohne Türe mündet. Stolz präsentiert uns der Studiobesitzer sein Harddiskrecordingsystem auf dem altersschwachen Windows 95 Computer und reißt mit einem lautstarken Boxenknallen den winzigen Masterregler des Mischpultes auf. Da ist er wieder, der Klang dieser anderen Welt, das ängstliche Aufbäumen der in der Endlichkeit begriffenen Seele. Der Sturm und sein Drängen. Andächtig lausche ich der Darbietung bis in die frühen Morgenstunden und vergesse wie nebenbei die klangliche Katastrophe der Aufnahmen.
Viele Monate später sitze ich mit einem verwirrten Künstler aus dem fernen Osten im Backstageraum eines großen Sommerfestivals in Deutschland. Der erste Auftritt im Vorprogramm des Events, die gespielte Coolheit der Promoter und das geschäftige Treiben der geschwätzigen Armeen von Dienstleistern an der schwarzen Sache lässt in zweifeln. Nur wenige Besucher hatten sein Set verfolgt, denn die Auftritte der eigentlichen Headliner sind erst viele Stunden später geplant, viele der Gäste erreichen erst jetzt das Festival Areal. Eigentlich ist alles gut über die Bühne gegangen und die frisch rekrutierten Mitmusiker haben ihren Job mit Bravour bestanden, aber der Funken des ambitionierten Auftritts vermochte es nicht, das verwöhnte Publikum zu entzünden. Eine Band im trendigen Punkgothoutfit fällt am Nebentisch durch zotiges Krakele auf und zieht so die Aufmerksamkeit auf sich. Die Punkattitude als Plattitude einer imagegerechten Ehrlichkeit vorschützend, ist ihnen ihre eigene Basis und Herkunft längst fremd geworden. Die bräsigen Kommentare kulminieren in der mit suffisanten Lächeln vorgetragenen Geringschätzung des Equipments der Vorgruppe. Das „Kinderschlagzeug“ und die „Billiggitarre“ werden belächelt und die Peinlichkeit eines Auftritts mit armseeligen Instrumenten verhöhnt bis der Manager der Truppe zum Auftritt ruft und die Pfauenpunks den Backstage in Richtung Bühnenaufgang verlassen. Als sie die ersten Akkorde aus ihrem geldstarrenden Equipment erklingen lassen, kann die klangliche Brillianz kaum die musikalische Plattheit kaschieren. Der Hochtöner klirrt ein wenig und persifliert die fantasielosen Harmonien mit einem seltsamen Klimpern, das nur zu sehr an den Auswurf des Goldesels erinnert. In meinem geistigen Ohr erklingt jedoch längst der Kontrapunkt der anderen Seite des Äquators.
 

One thought on “Dark Side of the Earth (2005)

  1. Hallo, ich bin mal so frei und poste was auf der Seite. Sieht schnieke aus! Ich nutze seit kurzem auch WordPress steige aber noch nicht durch alle Funktionen durch. Deine Seite ist mir da immer eine gute Inspiration. Weitermachen!

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