Drei Nachrufe und kein Todesfall (2004)

In einem Hinterhof unterhalb der Gebetsräume einer Moschee und in der unmittelbaren Nachbarschaft zu einem türkischen Gemischwarenhändler, lag das Paradies meiner musikalischen träume und der Zweitwohnsitz eines jeden Musikers der Stadt. Clydes Musikladen war eine einzigartige Begegnungsstätte der Tonkünste: Hier traf der zugekiffte Hippie auf den elitären Jazzer, der geckenhaften Top 50 Musikant auf den Wave und Punk-Musikanten meiner Generation. Hier wurde das neue Demotape zum ersten Mal den staunenden und bisweilen unfreiwilligen Grenzgängern der Kulturen zur konstruktiven Kritik vorgespielt, das nächste Konzert angekündigt, Kaffee getrunken oder auch mal ein Satz Gitarrensaiten gekauft. Meistens jedoch suchte man nach dem ersten Beschnüffeln der „anderen“ Spezies Musiker eine stille Ecke um die neuesten Errungenschaften der Musikinstrumentenindustrie anzutesten und der Hintergrundkakophonie aus „Smoke on the Water“ Akkorden und dem unsagbaren „Jump“ Keyboardsolo von „Van Halen“, welche mit Jazzchordtupfern aus der Akustikgitarrenecke und den holpernden Fillins eines Schlagzeugnovizen aus der Drumkabine konkurrierten, zu entkommen.
Der Besitzer des Ladens, Clyde, seines Zeichens ehemaliger Profigitarrist, Stoiker, manchmal Phlegmatiker – je nach Betrachtungswinkel und Tagesform – war immer für ein Schwätzchen zu haben. Als Katalysator und Informationsdestillerie in Unität konnte man nirgendwo effizienter Informationen über die wirklich relevanten Synthesizerneuheiten oder den lokalen Bandtratsch, inklusive Musikerbörsendaten einholen. Vielleicht deshalb kaufte man hier seine neuesten Schätzchen, zwar ein bisschen teurer als bei diversen Großmärkten, aber mit der Gewissheit, keinem Verkaufstrick aufgesessen zu sein. So wechselte auf Empfehlung von Clyde auch im Jahre 1986 ein äußerlich ganz und gar missglückter Tonerzeuger seinen Besitzer, der „Microwave“. Die Edelschmiede „Waldorf“, die bereits in den späten Siebzigern Furore mit schrankgroßen Sounddinosauriern wie dem „Waveterm“ gemacht hatte, stattete ihren kleinen, aber lauten Spross mit einer quitschend blauen Frontchassis und einem riesigen roten Drehknopf aus, der am „Rednoseday“ jeden Clownnasenträger vor Neid erblassen lässt. Entgegen seiner Optik glänzte der hässliche Bolide durch seine warmen bis metallischen Wechselspektren und wurde dank seines revolutionären Konzeptes ein essentieller Klangbaustein vieler Künstler. Bereits Kraftwerk und Gary Newman hatten mit dem EDV Schrank der Vorzeit Sounds programmiert und die äußerlich geschrumpften Neuentwicklungen von „Waldorf“ sollten noch eine Generation später Bands wie „Depeche Mode“ oder „Nine Inch Nails“ inspirieren. So war es kein Wunder dass auch wir in den späten 80er diesen neuen Klangbaustein begeistert in unsere Kompositionen einfließen ließen. Unser erstes Demotape „Satanische Verse“, natürlich in Clydes Musikladen stolz präsentiert, sollte jede unserer Erwartungen übertreffen und innerhalb kurzer Zeit einem neuen Genre Vorschub leisten. Zum damaligen Zeitpunkt war mein Wissen um das Musikbusiness beschränkt, Vertriebsstrukturen gänzlich unbekannt und die ersten Abfuhren etablierter Labels, die schon damals eher buchhalterisch als kreativ arbeiteten, mehr als niederschmetternd. Umso überraschender kam der Anruf eines Vertriebes Namens „EFA“. Der junge Disponent namens Sascha half mir bei der Labelgeburt und unterstützte das junge Musikkombinat „Danse Macabre“ tatkräftig. Im Laufe der Jahre sollten wir als kleiner Teil in die Geschichte des bereits Ende der Siebziger aus dem sich aufklärenden spirituellen Kommunendampf der „Ton, Steine, Scherben“ Ära hervorgegangen Vertriebes eingehen.
Das Konzept war neu, die Begriffe „Independent“ und „Alternative“ waren noch mit Leben zu füllen und untrennbar mit der Geburt des Mottos „Energie für Alle“ von „EFA“ verbunden. Man wollte die Diktatur des gesteuerten Geschmacks der Großkonzerne aufbrechen, eine befreiende Revolution der Kunst, Politik und Geisteshaltung einleiten und kleinen, sich selbst vermarktenden Künstler-Kollektiven wie auch uns ein Podium bieten. So entstand für Gothic, Darkwave und Industrial Stile über die Jahre ein breites Repertoire auf professionellen Niveau: Labels wie die frühen „Gymnastic“ mit „Deine Lakaien“, „Danse Macabre“ mit „Das Ich“ oder „Placebo Effekt“, später dann „Accession“ mit „Diary Of Dreams“ oder „Trisol“ mit einer Unzahl an Bands wie z.B.„Janus“ und „L´Ame Immortelle“ fanden bei EFA ein warmes Zuhause.
Jetzt im neuen Jahrtausend nach der Einführung des Internets und dem weltweiten Siegeszug der Globalisierung ist alles anders und doch wie lange vor den frühen Aufbruchstagen.
Clydes Musikladen, die Instanz der regionalen Bandszene musste seine Pforten schließen. Die Kunden wurden weniger, testeten bei Clyde höchstens die Instrumente an und bestellten dann bei der preiswerten, unpersönlichen Hotline ohne Support.Auch die Musiker sind andere: Man konstruiert und programmiert virtuelle „Legomusik“ am Bildschirm und scheut den Griff in die realen Tasten. Hardware ist out und auch „Waldorf“ ist die Luft ausgegangen, die schmackhaften Brocken werden bestimmt bei dem folgenden, globalen Leichenschmaus per „Outsourcing“ und „Restructuring“ neu „gelabelt“ und geschmacksneutral als Software höchstbietend „marketed“.
Zuletzt fielh EFA, die Geburtsstätte des „Independent“ Begriffes und mit ihr eine Vielzahl von kleinen, ideell geführten Undergroundlabels.
Vergleichsweise blutleer und erschreckend visionsfrei wirkt neben dem Credo der Anfangstage von EFA das globale Jetzt. Sind das die Früchte der Globalisierung ? Wenn ja, sind sie bitter und schmecke nach Verrat an vielem was heilig schien.
Clyde hat jetzt weder Zeit für ein Schwätzchen noch gibt es den Gratis Kaffee.
Als Angestellter eines großen Medienkaufhauses muss er jetzt den schnellen Umsatz generieren…

Mai 2000

Fotonachweis: C-C Aurelius7_2000

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