Das Universum in der Nußschale (2002)

An einem Mittwoch, kurz vor Mitternacht klingelt die Mailbox und speit knapp ein Duzend Hiobsbotschaften und Erinnerungen blechern und verzerrt in meinen lädierten Gehörgang, der von den vielen Überstunden lauter Studioarbeit bereits arg in Mitleidenschaft gezogen wurde. „Wo ist das Master ? Warum ist das Demo noch nicht fertig ? Wann kommt der Vertrag ? Wie weit ist die Kolumne ?“ Es brennt schon wieder an allen Fronten. Gleichzeitig versammeln sich die dank ISDN nur langsam eintrudelnden Emails auf dem Bildschirm zu einer endlos langen Reihe von bösartigen und aufmerksamkeitsfressenden Erinnerungen und Aufforderungen. Eine Armee finsterer Vorahnungen und verdrängter Aktivitäten. Rastlos im Laufrad zwischen Mischpult und Schreibtisch gefangen, ist der Winter bereits fast vorbei. -Ein nur durch die Scheibe wahrgenommenes Schauspiel, dessen idyllische Beschaulichkeit nur noch in der verblassenden Kindheitserinnerung existiert. „Wie lange ist es her, seit du deine letzte Schnellballschlacht geschlagen, den letzten Rodel auf einer Buckelpiste in den Abgrund gejagt und dann die tauben Zehen im heissen Wasser wiederbelebt hast ?“ Ein Donnergrollen verzerrter Schlagzeugwirbel und Mikrofonfeedbacks aus dem Aufnahmeraum reißt mich schrill ins Jetzt zurück. Der Zeitplan drängt, denn das CD Master muß rechtzeitig ins Presswerk, um dann direkt in den Undergroundschlund, das scheinbare „Faß ohne Boden“ geworfen zu werden. Die Szenemaschinerie mit ihren Triebwerken Promotion, Werbung, Presse und Vertrieb verbrennt unaufhörlich Treibstoff, während der brennwertige Nachwuchs ungeduldig in den Startlöchern scharrend, auf die versprochene Studiozeit wartet und sein sehnlichst erwartetes Debut bereits auf dem Weg an die Spitze der Szenecharts sieht.
Der Monat ist schon wieder vorbeim die eigenen, neuen Songideen schlummern schon wieder im Demovorruhestand. DJs und Musikerkollegen drängen auf Remixe und den Startschuß zu in lichten Stunden gemeinsam erdachten Konstrukten und Projekten, die im scheinbar so grenzenlosen Zeit und Raumkontinuum, nur auf die richtige Muse und Gelegenheit zu hoffen glaubten.
Doch der physikalische Vektor meiner Existenz, in seiner relativisitischen Zeitblase gefangen, scheint die Grenze der Lichtgeschwindigkeit gerade im „Einstein“-Jahr zu durchbrechen. Seit Wochen und Monaten rastt die Zeit förmlich dahin. Ohne je Luft zu schnappen, eile ich von Termin zu Termin um dann im Doppelschichtbetrieb durch die Produktionen zu hetzen: Tag und Nacht mit rot geränderten Augen. Je älter man wird, heisst es, umso schneller vergeht das scheinbare Empfinden von Zeitabschnitten, also die Zeit, da jene Erfahrungswerte für große Zeitintervalle stetig wachsen und im Rückblick oft unbedeutend und kurz erscheinen. Über die Gestalt des verinnenden Etwas und seine Wahrnehmung in der Gegenwart verrät mir das jedoch nichts, denn das ist nicht die Art der Zeit…. Die vielen Vorsätze, noch zur Jahreswende fokkusierte Langzeitziele sind bereits drei Monate später in unerfüllbare Weite gerückt, einem filmischen Seitenplot entliehene Aufmerksamkeiten und Zugeständnisse des Unterbewussseins an ein erfüllt erwünschtes Leben. Mir ist übel und ich habe ein schlechtes Gewissen wegen der knappen Zeit für Familie und Haustiere. Mein sonst grenzenloser Optimismus scheint die Lage nur ungenügend zu kaschieren. Ein kleiner Dämpfer noch und meine Laune ist für Tage dahin. Ein kurzes, lamorjantes Quäken weckt mich aus den zermürbenden Gedanken. Die kleine, quirlige, bisweilen hysterische Hundedame Ronja schaut mit einem nachdenklichen Augenaufschlag und einem schrägen Kopfnicken zu mir, fordert mich sogleich mit heftigem Schwanzwedeln zu einem Spaziergang in die hereingebrochene Nacht auf. Die Tür öffnet sich und ein schneidend bissiger Wind pfeifft herein, drückt die Tür bis zum Anschlag auf und bläst Flocken von den Schneeverwehung der nahegelegenen Anhöhen ins Treppenhaus. Die unwirtlichen Umwelt läßt mich instinktiv noch tiefer in meine Winterjacke kriechen, während die Hündin freudig und verwegen in die Kälte stapft. Ein paar Schritte vom Haus entfernt, an der Waldlinie entlang und den Hügel hinauf haben sich die Augen auf die Dunkelheit eingestellt und lassen die eben noch so tonnenschweren Sorgen auf einen Schlag verblassen. Ich tauche in ein atemberaubendes, fast unwirkliches Naturgemälde aus blauschwarz strahlenendem Himmel und bläulichweisser, dicht glitzernder Schneedecke ein. Der Pulverschnee scheint durch die kurze Tagessonne an der obersten Schicht geschmolzen zu sein, um dann in der bitterkalten Nacht zu einer dünnen und fast reflektierenden Spiegelschicht zu erstarren. Die Wälder heben sich in einer gespenstischen Pracht ab und werfen einen langen Schatten im fahlen Halbmondlicht. Alles scheint zu leben und doch für einen endlichen Moment innezuhalten. Und dann der Blick nach oben. Die gleissend klare Pracht der Milchstrasse läßt mich atemringend erschauern. Wie in einem Rausch lassen die Sternbilder klar und leuchtend die Zeit gefrieren. Das Abbild dessen ich teilwerde ist Millionen Jahre gereist , ein Blick in die Vergangenheit, Denkmal einer einzigartigen Kreation: Die Sternbilder, die ich erkenne, wiesen bereits den ersten Seefahrern vor tausenden von Jahren den Weg zu heimischen Gestaden und liessen das heliozentrische Weltbild der frühen Gelehrten schwanken. Das Sonnensystem ist nur ein Brotkrumen in Atlas´ Provianttasche der Galaxien, denn er trägt schwer am Universum, dank schwarzer Materie neuerdings auch noch eine unsichtbare, dunkle Materie huckepack.
Staunend rufe ich mir die Theorie einiger Quantenphysikers ins Gedächtnis: Das Universum inklusive uns und anderen angenommenen Spezies könnte eine Simulation in einem Quantencomputers sein, in dem wir nicht mehr als die flackernden Impulse der virtuellen Leiterbahnen sind. Stillschweigend vorausgesetzt, es gibt eine höhere Entität, die dazu fähig wäre und auch den Zweck einer simulierten Nemesis sehen würde. In einem ebenso angenommenen Paralleluniversum der vielen Multiversen könnten wiederum ein simuliertes Universum unserer Schöpfung entspringen und so weiter und so fort.
Der Millionen Jahre alte Blick ins Gestern einer vormenschlichen Zeitrechnung läßt mich erschauern und die physikalischen Phantasien verblassen. Wir sind aus Sternenstaub zu einer kurzen Momentaufnahme am Rande unserer Milchstrasse zu einem hochkomplexen System aus organisierter Energie und Materie geformt und werden wie ein kaum wahrnehmbares Flackern der Sterne mit samt unserer Sorgen und Nöte, Kunstfertigkeiten und Wissenschaften als Teil des ewigen Kreislaufes weiterfliessen. Das Licht der Gegenwart eines jeden dieser Fixsterne wird weder unser Antlitz, noch das unserer Urahnen beleuchten, denn wir leben im ewigen Gestern unserers Universums gefangen und rauschen dennoch in Hast und Unrast durch dieses so unendlich kurze Dasein. Eine Sternschnuppe leuchtet kurz und erhaben über dem Firmament auf und erlischt wieder, als ich bereits meinen geheimen und ach so irdischen Wunsch gedacht habe.
Zurück zu Hause legt sich Ronja vor den flackernden Kamin, streckt alle Viere von sich und rollt mit einem genüsslichen, tieffrequenten Raunen im Schlummerposition. In Gedanken bin ich bei dem hunderttausende Kilometer entfernten Kometen, der im Vorüberziehen vielleicht bereits in einer anderen Welt Glück verspricht.

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