Clowns und Helden (2007)

Der wie aus einer Kehle gellende Jubel der über 6000 Mexikaner ist schmerzhaft laut, während die Luftfeuchtigkeit und Temperatur Saunaniveau erreicht hat. Das Licht der stählernen Traversen am Bühnenhimmel blendet uns und unterstreicht die gespenstische Unwirklichkeit der Szenerie.
„Kramm“, der unerbittliche, fast bellende Ruf meines Physiklehrers weckt mich aus dem Dämmerschlaf der fünften Stunde. “Wie war das mit dem Hitzekoeffizienten“. Stotternd entfährt mir „Ganz schön heiß wars“ und bemerke endgültig, das der Bühnentraum dem muffigen Klassenzimmer gewichen ist, während mich der zwischen Mitleid und Abscheu pendelnde Blick des Lehrkörpers straft. Die Müdigkeit des durchgefeierten Wochenendes steckt noch in meinen Knochen und die Nachwirkungen des „großen Pause Joints“ mit meinem Kumpel Heinrich haben meinen Adrenalinspiegel nahe der Nullgrenze gesenkt. Der fast schon obligate Wochenantrittsbesuch beim Direktor meiner so genannten höheren Schule wegen dauerhafter Absenz inklusive dem Hinweis auf eine zerstörte Zukunft und das Absacken ins soziale Abseits können mich eigentlich nicht mehr beeindrucken, denn meine Gedanken sind auf der billigen Ikea Couch des Schulleiters längst zu meiner eigentlichen Obsession abgewandert, welche schon längst Überhand über das Ideal des bürgerlichen Abiturs gewonnen hat. Allein die Anzeige des Hausmeisters wegen Konsum von Haschisch im Fahrradkeller gibt mir zu denken. Neben dem schulischen Glanz läuft alles zur vollsten „Zufriedenheit“: Mein neu erstandener, während den Sommerferien bei Mac Donalds mit Kloputzen finanzierter Juno 106 Synthesizer hat den Geist aufgegeben, die dritte unpersönliche Labelabsage – diesmal von Mute Records – hat uns vor dem Wochenende die motivierende Makulatur für ein Konzert zuteil werden lassen, das unseren Ruf als Spinner von Bayreuth festigen sollte. „The Dying Moments“, das sind mein Kollege Stefan, die zwei verstrittenen Meierbrüder am Drumcomputer und ich. Zusammen sind wir die erste und anscheinend einzige Waveband Frankens, sofern dieser Begriff schon existent ist. Unser Auftritt im versifften Industrieviertel zwischen Knast und Sozialgetto wurde von knapp 30 Gästen verfolgt, die sich in erster Linie aus lokaler Stadtpresse, hämeschmiedender Klassenkameraden meines Gymnasiums und einem Dutzend Alkipunks zusammensetzten. Die Punks nannten sich „Prohls“ und waren so was Ähnliches wie unser Fanclub, das heißt nur wenn wir einen Kasten Bier und Korn bereitstehen hatten.
Rein technisch gesehen war der Auftritt auf hohem Niveau, denn das aus der Uni gestohlene Trockeneis im Kochtopf mit Tauchsieder hätte noch einer ZDF Hitparade zur Ehre gereicht, die Tonanlage war für den damaligen Stand der Technik äußerst klanggewaltig, hatten wir doch die einzelnen, aus verschiedenen Musikläden gemieteten PA Komponenten zu einer großen, einzigartigen und noch nie in Bayreuth gehörten Surroundanlage zusammengeschlossen und eine eigens für diese Show inszenierte Bühnenshow zwischen Blutbad und archaischen Mönchschören inklusive Bühnenfeuerwerk abgebrannt. Leider war unsere Kenntnis über Livesound beschränkt und die Feedbacks schossen erbarmungslos aus allen vier Boxen und brannten zu allem Ungemach ein paar der Lautsprecher durch.. Leider hatten wir zwecks Bewerbung und grenzenlosen Nacht- und Nebel Plakatierung der Stadt Bayreuth zu wenig Zeit für Proben eingeplant und unsere Texte und Einsätze größtenteils vergessen. Das Konzert wurde dann eine der kurzweiligsten Veranstaltungen, die Bayreuth je sah: zumindest für uns. Die Presse überschlug sich Tags darauf mit empörten Darstellungen unseres als satanistisch eingestuften Spektakels und dem Hinweis auf die textlichen Lücken und den musikalischen Dilettantismus der Show. Ganz anderer Natur war der Spiesrutenlauf in den Leistungs- und Grundkursen meiner Kollegstufe. Schweigendes Kopfschütteln war die freundliche Variante, während andere in sinnlosen Übertreibungen meinen geistigen Krankheitsgrad stilisierten und meine Karriere als Kommastelle in der kommenden Jahresstatistik der Drogentoten prognostizierten. Einziger positiver Nebeneffekt war das schlagartige Ende der ehemals endlosen Fragen nach meinen seltsamen Hobbies, Neigungen und Erscheinungsbild, denn die Erklärung war ja perfekt: Satanismus… „Kramm“, reißt mich ein stöhnender Aufschrei des Direktors aus der geistigen Revue meiner letzten Tage. „Sämtliche Sportnoten des letzten Semesters müssen sie heute nachtragen, da sie noch kein einziges Mal anwesend waren“.. – Kein Wunder, die musikalischen Nachmittage konnte ich auf keinen Fall den Reckübungen opfern.-
„Was man über Sie und ihre seltsamen Freunde in der Zeitung liest, erhärtet sämtliche Vermutungen meines Lehrerkollegiums. Sie sollten im gegenseitigen Interesse die Schule verlassen.“ – Nicht schon wieder…hatte ich doch erst letztes Jahr in die Kollegstufe eines neuen Gymnasiums gewechselt.
Konsterniert und ein wenig bedröhnt wanke ich nach Hause und schlafe mich erst mal von den Strapazen des selten in Anspruch genommenen Schulalltags aus.
Jahre später – wir hatten bereits einige Scheiben veröffentlicht -, traf ich ein paar meiner ehemaligen Klassenkameraden, die mich neidvoll und wissbegierig nach unseren Tourneen in USA und Mexiko befragten. Plötzlich waren die alten Geschichten Kult und mein Aufbegehren in der Schulzeit revolutionäre Anekdote, selbstredend wusste ja schon damals jeder über den positiven Verlauf meiner Karriere Bescheid. Ironie des Schicksals: Selbst an der Banklehre und viel zu früher Familiengründung gescheitert, gelten wir plötzlich als die Gewinner im Spiel des Lebens.
Fragen mich heute Nachwuchsbands nach der Absicherung und dem Einstieg kann ich nur antworten:
Die Grenze zwischen Clowns und Helden ist sehr schmal…

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