Freiheit von Wissen und Kultur

Warum das Netzzeitalter ein neues Urheberrecht braucht.

Als der Buchdruck den Grundstein der Wissensgesellschaft legte, wurde der Begriff Copyright zum ersten Mal rechtlich festgeschrieben. Ein Werk, das zum Weiterverkauf reproduziert wurde, mußte nun auch für den Urheber und Autoren eine angemessene Vergütung erbringen. Interessanterweise behinderte das frühe Urheberrecht im vereinigten Königreich die technisch-kulturelle Revolution, während in Deutschland in Abwesenheit eines umfassend etablierten Urheberschutzes die kostengünstige und urheberrechtsfreie Reproduktion von Anleitungen, technischen Verfahren und wissenschaftlichen Schriften schnell einen industriellen und kulturellen Vorsprung erarbeiten konnte. Mit der Einführung des Phonographen erfuhr die mechanische Vervielfältigung von Musik eine ungeahnte Blüte. Frühe Hits und Gassenhauer, sowie klassische Konzerte konnten vom betuchten Hörerkreis in das heimische Wohnzimmer getragen werden.
Das Radio als denkwürdiges Propagandainstrument Zeit seiner Einführung verlangte auch nach einer neuen Form der Urhebervergütung. Die Geburtsstunde des GEMA-Vorläufers STAGMA hatte geschlagen und bereitete dem Urheberrecht den Weg durch die von technischen Entwicklungen gesäumte zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Betrachtet man diesen technologischen Fortschritt, so fällt vor allem der ständige Wandel der Anwendung des Urheberrechts auf. Die stetige Adaption an das Medium, den Träger des geistigen Gutes ist die wichtigste Voraussetzung einer gerechten Honorierung des Urhebers und sollte primäre Adresse eines Urheberwahrnehmungsgesetzes sein.
Im Zeitalter des Internets angekommen, gilt es, mannigfaltigen Vertriebswegen Rechnung zu tragen. Der Einbruch der Tonträger und Filmumsätze wurde medienwirksam von der Unterhaltungsindustrie den Raubkopierern in die Schuhe geschoben, doch kreative Künstler haben längst neue Wege der Vermarktung entdeckt, nutzen das Internet als demokratische Pormotionplatform und haben sich Vorübergehen von der träge agierenden Verwerterindustrie unabhängig gemacht.
Täglich entstehen neue Konzepte der Wertschöpfung im Netz. Viele etablierte und von den Fesseln großer Konzerne befreite Künstler versuchen sich mit den erfolgreichen Konzepten der Web-2.0-Vermarktung.
Kleine Einzelbetriebe können ihre Produkte gleichwertig gegenüber großen Massenprodukten der Unterhaltungsindustrie positionieren. Der Konsument kann sich frei zwischen einer Skala aus Massengeschmack und Nischenprodukt bedienen. Das Internet steht als grundlegend demokratisches Werkzeug zur Verfügung, das zur Massenverbreitung weder große Konzerne noch überproportionale Budgets benötigt.
Die Daseinsberechtigung einer im Massenmarkt des letzten Jahrhunderts legitimierten Industrie wird grundlegend in Frage gestellt. Die Gegenwehr der Industrie durch Abmahnwellen und eine blockierte Reform von Verwertungs-, Leistungs- und Urheberrechten macht nicht nur den Nutzern, sondern vor allem den Urhebern zu schaffen. Daß ein Großteil der Urheber an einer freien Verfügbarkeit seiner Werke im Internet interessiert ist, wird von der Industrie zu gern verschwiegen. Künstlern ist längst der multiplikatorische Werbeaspekt der Downloads klar geworden. Die eigentliche Wertschöpfung geschieht auf neuen Wegen. Sei es auf Konzerten durch Merchandise-Verkäufe oder auch durch Verkäufe von CD-Sonderauflagen, limitierten Sammlereditionen oder Werkausgaben. Trotz Internet hat sich die Jäger- und Sammler-Mentalität des Menschen nicht geändert. Musik, Filme, Bücher und andere Kulturgüter, zu denen der Konsument eine Beziehung aufbaut, sind immer noch begehrte Objekte von Sammelleidenschaft und unterstreichen das Bedürfnis, seinen Lebenslauf mit Memorabilia im heimischen Regal zu dokumentieren.
Besonders diskussionswürdig sind jedoch die in der Praxis weitverbreiteten 360-Grad-Verträge der Industrie, die dem Kreativen oft jegliche Lebensgrundlage entziehen. Diese Vertragsmodelle, aber auch zu lange Schutzfristen behindern die Entwicklung neuer, an die Marktsituation und den Urhebern angepasster Wertschöpfungsmodelle. Öffentliche Verlautbarungen der übermächtigen Verwertungslobby sind genauso kritisch zu betrachten, wie das Interesse der Giganten unter den Medienkonzernen, Google, Amazon und Youtube.
Diese wiederum bevorzugen die hohe Zahl vom Urheber entkoppelter Werke, um sie gratis anbieten zu können und die eigenen Geschäftsmodelle (Werbebanner, Links) besonders ertragreich zu gestalten. Deshalb müssen wir uns in besonderem Maße für den gerechten Ausgleich von Urheber- und Nutzerinteressen einsetzen. Wir begreifen die Informationsgesellschaft als Brücke zu einer Kultur der demokratischeren Mitgestaltung, der Freiheit von Wissen und Information. Wir verstehen digital speicherbare Immaterialgüter im Internet als Eigentum einer der Teilhabe verpflichteten Gesellschaft, deren Zenith noch lange nicht erreicht ist.

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