Die Zwei Gesichter der GEMA

Deine Lakaien finanzieren Dieter Bohlen

Zugegeben, eine polemisch zugespitzte These. Hier könnten auch meine Band, Das Ich, und Ralph Siegel oder unzählige weitere ungleiche Kombinationen stehen. Wenn man sich unter Musikern, Veranstaltern, Labelmachern und Magazinherausgebern zur GEMA erkundigt, sind die Reaktionen größtenteils negativ. Dabei sollte die GEMA doch im Sinne der Musikschaffenden aktiv sein …

So zumindest liest sich der hochtrabende, im Urheberwahrnehmungsgesetz seit den 50er-Jahren verbriefte Auftrag des wirtschaftlichen Vereins GEMA. Man vertritt mehr als 50.000 Künstler aus Deutschland sowie weitere angeschlossene Mitglieder aus dem Ausland. Jede öffentliche Aufführung, jeder Tonträger und jede digitale Kopie eines durch die GEMA vertretenen Musikstückes soll dem Urheber Einkünfte sichern, die durch den Hersteller, Veranstalter, Herausgeber oder Internetseitenbetreiber entrichtet werden. Eigentlich klingt das alles vielversprechend, weshalb viele Musiker – wie auch wir vor über 20 Jahren – einen Wahrnehmungsvertrag mit der GEMA abgeschlossen hatten. Solidarisch und vielversprechend glaubt man sich im Schosse einer Familie vieler gleichwertiger Urheber zwischen Klassik, Jazz, Schlager, Volksmusik, Pop, Metal, Electro und Gothic. Doch leider ist die GEMA eine Klassengesellschaft: Musik wird nach einem Wertesystem in U (“Unterhaltung”) und E (“ernste Musik”) und viele weitere Kategorien eingeteilt und die Beträge aus dem Erlös der Urheberwahrnehmung werden äußerst ungerecht verteilt. Ein Umstand, der lange kaum auffiel, denn die Abrechnungsschlüssel sind vertrackt und in kompliziertem Juristenkauderwelsch abgefasst. Im Normalfall kümmert sich auch der Verlag einer Band um die einzusammelnden Tantiemen. Der durchschnittliche Undergroundkünstler, der ja schon genug mit Songschreiben, Touren, Videofilmen und Interviewbeantworten, kurz dem Aufbau seiner Karriere, beschäftigt ist, kommt kaum dazu, genau nachzurechnen. Zum Glück sind die Erlöse aus der Tonträger-Lizenzabgabe allgemein noch halbwegs nachvollziehbar, auch wenn die Ausschüttung erheblich verzögert geschieht.

Ganz im Gegensatz zum Livebereich. Denn gerade kleinere Veranstaltungen, wie die typische Tournee einer durchschnittlichen Gothicband mit einem Schnitt von 200 Gästen je Abend, finden in Clubs statt, die eine Veranstaltungspauschale unterhalb von 700,- € für die Aufführung von GEMA-Songs abführen. Die Band füllt die Programmfolge (eine Liste der aufgeführten Songs, im Regelfall alles selbstkomponierte Lieder) aus und sendet diese an die GEMA – ganz im treuen Glauben, nach Jahren die hierfür eingesammelte Abgabe zu erhalten. Doch mitnichten. Das aus dem Kreise der erzkonservativen bayrischen CSU stammende und in den 90er-Jahren eingeführte Pro-Verteilungsverfahren argumentiert, dass semiprofessionelle Musiker wesentlich häufiger ihr eigenes Repertoire anmelden als Standartwerke – also Schlager, volkstümliche Hits, Pophits und Gassenhauer – auf allen anderen Veranstaltungen freiwillig gemeldet werden würden. Aus dieser scheinheiligen Argumentation heraus gehen unrechtmäßigerweise weit über zwei Drittel der für öffentliche Aufführungen eingesammelten Beträge an Komponisten und Songschreiber dieser Standartwerke. Die GEMA behauptet gerne, dass dieser Schlüssel durch die Mitglieder beschlossen wurde, unterschlägt aber, dass die sog. ordentlichen Mitglieder ein übergewichtetes Stimmrecht haben. Es wundert kaum, dass ordentliche Mitglieder sich aus dem Pool der GEMA-Großverdiener rekrutieren. So bedient man sich nach Gutsherrenart an den Lizenzen anderer.

Die real ausgeschütteten GEMA-Erträge für die durchschnittliche Gothic- und Alternativeband mit eigenem Repertoire gleichen im Verhältnis den Krümeln vom reich gedeckten Tisch. Einstellige Prozentpunkte aus den von den Veranstaltern entrichteten GEMA-Gebühren können schon als Erfolgserlebnis gewertet werden. In der Regel gibt es sogar noch weniger. Dem nicht genug: Diskos und Clubs zahlen für die Musiknutzung Pauschalen an die GEMA, denn kein Clubbesitzer kann seine DJs zu einer lückenlosen Aufstellung der gespielten Songs eines ganzen Jahres nötigen. Doch auch diese Beträge gehen zum Großteil an die Urheber von Standartwerken – Songs, die es übrigens niemals ins Repertoire eines Gothicclubs schaffen würden, höchstens als Rauswerfer. Zwar wird mittlerweile auf massiven Druck vieler kleinerer Firmen aus dem Dancebereich nach einem Diskothekenschlüssel abgerechnet, der anhand von Stichproben durch Blackboxen in ca. hundert Clubs in Deutschland funktioniert, jedoch niemals den breiten Feldern von Alternative bis Underground gerecht werden kann. Die GEMA misst mit zweierlei Maß: Minderheitskultur wird nach unten gedrückt, Massenkultur bezuschusst und aufgewertet. Generell partizipieren nur die wenigsten Bands zwischen Mittelalter, Gothic, Darkwave, EBM und Industrial von den Einkünften aus Radioairplay, Fernsehrechten oder Synchronisationen für Werbetrailer und Computerspiele. Sollte es doch dazu kommen, gibt es genügend Alternativen zur GEMA, ob Direktverrechnungsmodelle oder alternative Verwertungsgesellschaften.

Natürlich könnte man mir als Labelbetreiber nun unterstellen, ich würde mir nur die Zahlungen für mechanische Rechte sparen wollen und deshalb gegen den Eintritt neuer Bands und für den Austritt bereits registrierter Bands plädieren. Doch gerade in Zeiten eingebrochener Verkaufszahlen sind die Vermarktungsbudgets für kleinere Bands extrem beschränkt. So gilt es hier erst recht jede Werbemöglichkeit zu nutzen. Da die GEMA vor den Gratis-Compilations der Magazine nicht halt macht, die der Vorstellung und Bewerbung der Bands dienen, werden Beiträge GEMA-geschützer Werke auf den Heftsamplern unerträglich teuer – ein Grund für Herausgeber sowie Plattenfirma, auf dieses wertvolle Marketingtool zu verzichten. Genauso verhält es sich mit Online-Radios und Online-Snippets. In hemmungsloser Gier hat die GEMA ihre Spione überall im Netz positioniert und versucht mit jedem Mittel, Repertoire aus ihrer Datenbank mit horrenden Lizenzzahlungen zu belegen. Erniedrigte Pauschalen für Werbezwecke sind da eher Alibi als hilfreiche Unterstützung, da immer noch zu kostspielig.

Es gilt aber auch die Zukunft des Musikhörens zu umreißen, um dem Themenkomplex gerecht zu werden. Kaum jemand mag bezweifeln, dass der eingeschlagene Weg einer komplett vernetzten Zukunft inklusive Wandel des Musikerwerbs unumkehrbar ist. Nicht nur das Rechtsempfinden für die Schöpfung, ihren Wert und das Recht des Urhebers haben sich geändert – auch der Modus des Vertriebs und die allgegenwärtige Verfügbarkeit von Musik verändern ihre Wertschöpfung und Wertigkeit grundlegend und jeden Tag aufs Neue, in erschreckend hoher Geschwindigkeit. Ein Ansatz der Zukunft mag eine Kulturflatrate sein, die besonders von der Piratenpartei und den Linken unterstützt wird. In einem freien Internet, so der Ansatz, sollte jeder einen bereits der Grundgebühr für die Internetnutzung aufgeschlagenen Beitrag entrichten. Dieser wird dann von einer administrativen Instanz anteilig in Direktverrechnung den jeweiligen Urhebern für die protokolliert heruntergeladenen Werke ausgezahlt, was hinsichtlich möglicher Betrugsszenarien kritische Stimmen laut werden lässt. Ein weitere Variante ist die von den Grünen und Sozialdemokraten favorisierte fakultative Flatrate, wobei der Internetprovider Musik oder andere Medieninhalte direkt zum Download anbietet und die Einnahmen anteilig an die Urheber verteilt. Damit wäre natürlich noch lange nicht das Problem mit den illegalen Filesharern gelöst, zumindest solange die Seitenbetreiber nicht verpflichtet sind, die Uploader bekannt zu geben. Alles Zukunftsmusik? Sicher nicht, auf diversen Netzkongressen und bei den progressiv orientierten Netzgremien der Parteien werden diese Varianten schon heiß diskutiert, auch wenn es noch kein abschließendes Modell gibt. Man folgert aus dem Zusammenbrechen der Musikindustrie ein durch das Internet geschuldetes Marktversagen und daraus den Zwang eines regulierenden Eingriffs durch den Gesetzgeber, ähnlich der Einführung von Rundfunkgebühren als Antwort auf die damalige Schallplattenkrise. Und natürlich darf das Urheberrecht nicht ausgehöhlt werden.

Es gilt, in jeder Beziehung wachsam zu sein, denn würde eine bereits etablierte Institution wie die GEMA mit den bisherigen unfairen und untransparenten Verteilungsmodellen diese Administration übernehmen, wäre das der Untergang der neugewonnenen Freiheit im demokratischen Raum Internet und würde dem Verbleib von im Zeitalter der Feudalherrschaft etablierten Kultureliten gleichkommen. Aber natürlich ist die GEMA ein Verein, der nur so gut sein kann wie seine Mitglieder – zukünftige Änderungen der Verteilungsschlüssel, neue Vorstandsmitglieder und eine höhere Transparenz könnten die GEMA zu dem machen, was ihr eigentlicher Auftrag ist: Einem Verein, der die Rechte der Urheber wahrnimmt, die heute mehr als je zuvor unter dem Missbrauch ihres geistigen Eigentums leiden. Womit sich der Kreis zum Anfang des Artikels schließt.

2 thoughts on “Die Zwei Gesichter der GEMA

  1. Hallo Bruno,
    hier ist ein weiterer, wie ich finde interessanter Artikel zum Thema GEMA:
    http://www.musiker-online.de/Newsdetails.newsdetails.0.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=267&tx_ttnews%5BbackPid%5D=10&cHash=226c5da554
    Wirklich interessant ist vor allem das Detail, wie dieses neue PRO-System überhaupt zustande gekommen ist. Denn es ist wohl nicht so, dass die “Elite” der “ordentlichen Mitglieder” das untereinander abgestimmt hätten. Nein, ein noch kleinerer Teil dieser selbsternannten Elite hat dieses Verfahren ohne Abstimmung durch juristische Winkelzüge einfach durchgedrückt. Und derjenige, der dafür Verantwortlich ist, ist nebenbei zufällig auch einer der größten Nutznießer dieser Änderung.

    Gruß
    B.

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