Das Tier – Geschichte eines Verrats

Die Unterscheidung ist unangenehm und besonders Kinder, deren Werte noch nicht den alltäglichen Umdeutungen der Erwachsenen anheimgefallen sind, fällt es schwer, das geliebte Haustier vom Nutztier zu unterscheiden. Umdeutungen, die nur den vielen Kompromissen geschuldet sind und uns immer dann die Augen schließen lassen, wenn es wichtig wäre, einen neuen Anfang zu nehmen, einen neuen Weg zu gehen. Der Bruch des Versprechens, dem Schwächeren gegenüber mitfühlend zu sein, Verantwortung zu übernehmen und des Verzichts für einen wahrhaften Neuanfang. Die leise Idee, uns vom Totalitären unserer Menschheitsgeschichte freizumachen und den Speziesismus als das anzuerkennen, was er ist: Die Wurzel aller boshaften Alleinstellungsmerkmale wie Rassismus, Nationalismus, Apartheid, Sippenhaft, Diskriminierung, Chauvinismus und Ausgrenzung. Die Unterscheidung zwischen Mensch und Tier ist nur eine kleine Schwelle, der Schritt darüber ist ein großer für die gesamte Gesellschaft, hin zu dem, was Albert Einstein meinte, als er sagte: „Wir müssen die Sphäre der Mitmenschlichkeit auf alle Lebewesen erweitern.“ Diese Sphäre nehmen Kinder wahr, weshalb wir ihnen den Fleischkonsum besonders zynisch schmackhaft machen. Glückliche Tiergesichter in der Wurstreklame und in Form von gegossenem Fleischmus der Kindermortadella sind nur der Anfang unseres Gruselkabinetts zur Desensibilisierung. Denn Kinder sehen die Gemeinsamkeiten: Wir alle fühlen Schmerzen, wollen Leben und verlangen von unserem Gegenüber Toleranz, Mitgefühl und Gerechtigkeit. Mit dem Argument, die Natur sei grausam und lehrt uns „Fressen und Gefressen werden” wurde auch schon in den dunklen Tagen unserer Geschichte gedroht. Die Essenz des Menschseins ist jedoch nicht seine biologische Veranlagung, sondern das, was er im Laufe seiner Entwicklung hervorbringt: Kultur, Philosophie und Religion sind die Früchte der Erweckung des Geistes und der menschlichen Reife. Menschen- wie Tierrechte stammen nicht aus der Biologie, sie sind Teil der geistigen Entwicklung. Je klarer Menschenrechte als Selbstverständlichkeit definiert werden, umso seltsamer erscheint die Verleugnung der Rechte von Tieren. Aus der Berechtigung des Stärkeren den Schwächeren zu unterwerfen, muss die Verpflichtung erwachsen, den Schwächeren, das Tier, zu schützen. Aus der „Ausgrenzung von der Sphäre”, wie Einstein formulierte, muss die „Eingrenzung” aller fühlenden Kreaturen erwachsen. Wer im Laufe seines Lebens bereits Tierhalter war, weiß die Charaktereigenschaften und die Gefühlswelt seines tierischen Begleiters zu schätzen. Das Wohl dieses Wesens wird Teil der eigenen Lebenswirklichkeit. Wärme, Mitgefühl und Gemeinsamkeiten sind wesentliches Merkmal dieser Beziehung und keine Projektion. Die Eingrenzung ist längst einer gefühlten Gleichstellung gewichen, denn jedes Tier ist ein einzigartiges, fühlendes Individuum. Menschen, die Tiere schlachten, distanzieren sich bewusst vom Objekt Tier, verleugnen die Individualität und verrohen im Laufe der Zeit. Nicht anders kann man sich die aneinandergereihten Grausamkeiten eines Schlachttierlebens erklären, das mit der brutalen und schmerzensreichen Mast auf kleinstem Raum beginnend ein nimmer endendes Jammertal der Grausamkeiten bis zur traumatischen Schlachtung darstellt. Keine Passion gebärt mehr Schmerz als dieser Leidensweg. Keine vorstellbare Qual, die hier nicht bereits geschah. Die Tötungsfabriken sind wohlweislich hermetisch abgeriegelte Komplexe, die das Leid durch das maschinelle Protokoll verdrängen und die Abstumpfung offen zu Tage tragen. Tönnies, eine der größten Schlachtindustriebetriebe Deutschlands – mit täglich 30.000 getöteten Schweinen – wirbt auf seiner Webseite innerhalb des gleichen Menüs für „Kinderträume” und „Zerteilmeisterschaften” und beweist die branchenübliche Abstumpfung. Das Leiden verliert sich beinah in der Statistik. In Deutschland werden jährlich 500.000 Schweine lebendig gebrüht, da der Tötungsvorgang nicht erfolgreich war. 200.000 Rinder überleben den Bolzenschuss und werden lebendig zerteilt. Frisch geschlüpfte männliche Küken werden im Häcksler (Fachjargon: Homogenisator) direkt zu Tiermehl verarbeitet, denn sie sind für den Legebetrieb nicht zu gebrauchen. EU-weit sind das 280 Millionen. Im Sinne des Tierschutzgesetzes dürfen diese Dinge zwar nicht geschehen, tun es aber doch, da die Positivkontrollen der Schlachtbetriebe selten zu Verurteilungen führen. Veterinäre, Kontrolleure und Schlachthofbetreiber stehen auf der gleichen Seite und betrachten das täglich tausendfache zusätzliche Quälen als unvermeidlichen statistischen Kunstfehler. Kritische Prüfer werden als Nestbeschmutzer gemobbt. Abstumpfung ist eine natürliche Reaktion, genauso wie das Wegschauen und Verdrängen. Weltweit sterben jährlich für den Fleischkonsum mehr als 50 Milliarden Tiere. Nicht mitgerechnet sind Abermillionen Tiere, die in der medizinischen Forschung, für die Kosmetik, die Pelzzucht, die Belustigung und als Dünger ihr Leben grausam verlieren. Vegetarismus ist der Anfang vom Ende des Leidens der Tiere. „Um eines kleinen Bissens Fleisches willen berauben wir eine Seele des Lichtes und der Spanne von Zeit, in die sie hineingeboren wurde, sich daran zu erfreuen.” Plutarch (griechischer Philosoph)

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