Rendite der Menschlichkeit, 2005

Die rohe Gewalt vieler Millionen Volt lässt den Himmel erglühen und taucht das geblendete Auge in eine zäh schwarze, Ehrfurcht gebietende Dunkelheit. Die Welt scheint den Atem anzuhalten, bevor ein Donnerschlag das tiefschwarze Firmament in einem Trommelwirbel der Kräfte zerreißt, der nicht von dieser Welt zu stammen scheint. Die schwachen Überlandleitungen können diesem Naturgebot nicht standhalten und unser kleines Dorf versinkt in der Dunkelheit. Hier auf dem Gipfel der kleinen Anhöhe steht die Zeit – ob tausend Jahre vor oder nach unserer Zeitrechnung – die Gedanken wären die Gleichen. Jene, der Natur mit Geist und Ausdauer abgerungenen Fortschritte der menschlichen Zivilisation verschwinden im Widerschein dieses unterwerfenden Schauspiels der Naturkräfte. Nur an den sicheren Feuern unserer Gestade scheint unser Wähnen und Wollen so aussichtsreich und unsere Spur in der Zeit so bedeutungsvoll. Gerade die Fortschritte der letzten Jahrzehnte scheinen in einem unglaublichen Tempo unserem Verstand und unserer Ethik davonzubrausen. Auf Oppenheimers Höhe in einem Spagat zwischen philosophischer Erkenntnis und wissenschaftlicher Möglichkeit begriffen, trat ein letzter Funken von Mitmenschlichkeit an die Stelle der berechnenden Rationalität und warf die Frage auf, ob die Feuer der Erkenntnis uns nicht zu verschlingen drohten. Das berühmte Zitat Einsteins, er würde nicht die Waffen des dritten Weltkriegs kennen, sich jedoch der Steinkeule im darauf folgenden Konflikt sicher sein, erweckte in vielen technikgläubigen Adepten der pränuklearen Periode den letzten Funken Überlebensinstinkt. Im Leuchten der tausend Sonnen Hiroshimas und Nagasakis, sah man die Welt bereits dahin schmelzen, doch bereits eine Generation später sind die weltumspannenden Weltkriege für die menschliche Erinnerungsfähigkeit zu Druckerschwärze in trockenen Geschichtsbüchern geronnen, dessen Papier ja bekanntlich sehr geduldig ist. An Stelle der Mitmenschlichkeit ist ein finsterer Zug eingekehrt, der den Egoismus zentriert und die Raffgier zu einer erstrebenswerten Insignie der globalen Machtschöpfung erkoren hat. Zur Führungselite herangereift, sind die Kinder jener yuppie-esken Jugendbewegung längst in ein technikgläubiges Profit- und Gewinnwesen transformiert, das die Moral der Aufklärung verlacht und die Zukunft in einer Monopolystrategie begreift. Soziologisch fantastisch pragmatisch und rückständig, denn einerseits nur in kleinen Strukturen den Gewinn an das eigene Rudel verteilend, auf der anderen Seite in globalen Strukturen jedermann und jede Sache ausbeutend, verhält sich diese Spezies weit unvernünftiger als ihr tierisches Vorbild, das reißende Raubtier, das zumindest seinem Opfer immer einen schmalen Lebenskorridor überlässt. In ethischen Dilemmas ungeschult, Religion als Ballast begriffen und in fast nihilistischer Abkehr von geistigen Disziplinen das Kapital zur Ikone gekrönt, ist die Ausbeutung ihren letzten Siegeszug angetreten und schämt sich nicht einmal dafür. Noch nie konnte man so offen boshaft und selbstsüchtig sein, darin seinen Lebenszweck begreifen und dann prahlerisch mit den Statussymbolen auf den virtuellen Schaubühnen der Welt demonstrieren. Wohin sind die Ideen des gesellschaftlichen Aufbruchs, der die Fähigkeiten des einzelnen im Sinne einer friedlichen und geistvollen Entwicklung zum Wohle der Welt und dem Individuum einsetzten sollte? Zu gerne den schmutzigbraunen Rändern der radikalisierten Gesellschaft überantwortet um im nationalen Sudel ertränkt zu werden, dient die soziale Idee nur noch als lächerliches Mahnmal eines gescheiterten Sozialismus. Marx ist das Gespenst einer verhöhnten Kulturrevolution, gedemütigt und gegeißelt ans Kreuz geschlagen, allenfalls in Trinität der Erfolglosen neben Che Guevara und Sophie Scholl als T-Shirtmotiv dienend. Doch was ist kapitalistische Demokratie oder wohlfeil formulierte Marktwirtschaft wert, wenn sie nicht mehr der Freiheit des Geistes und der Aufklärung des Menschen dient, anstatt dessen den Arbeitnehmer versklavt und die Ketten um den Verstand schmiedet? Die moderne sozialdarwinistische Komponente ist längst salonfähig, der einzelne kämpft auf der sozialen Leiter um sein Einkommen und vergisst die Ideale und Pläne seines Lebens um dann am Lebensabend nach einer langen und ausgebeuteten Schaffensperiode angekommen auf das kleine Stückchen Schrebergartenglück zu blicken. Konditioniert vom Wahn nach dem einzigen Schatz sind jene Träume von den Grenzbereichen der eigenen Vorstellung schleichend am Wegesrand des Lebens verloren gegangen und der Angst vor Armut im letzten Lebensabschnitt, dem kleinbürgerlichen Albtraum schlechthin, gewichen. Anstelle die zunehmende Automatisierung durch Maschinen und Roboter als Aufbruch in eine neue Zeit der geistigen Erweiterung eines jeden Individuums zu begreifen, werden die persönlichen Talente im Strudel der formatierten kapitalistischen Bildungskasten nicht gefördert, zurecht gestutzt und zuletzt am Fliesband vergeudet. Ein jeder zahlt seinen Tribut an den Kapitalismus und erhält dafür scheinbar erfolgsabhängig die Ressourcen verzehrenden Resultate einer primitiven Gier: Die neuesten Handys können mittlerweile das Tagebuch als Internet Blog verwalten und die Urlaubsvideos aus den Billigflug-Tourismushochburgen aufzeichnen, während wir die bedrohlichen Anzeichen einer waidwunden Natur als Wetterkapriolen abtun, denn wenn die Wirtschaft schon lahmt, – so sagt man uns zu gerne in Zeigefingermanier – sollte man nicht jenen grünen Umweltträumereien des letzten Jahrhunderts nachhängen, die ach so giftig für unsere Wirtschaft sind. Die Kernkraft ist wieder auf der Tagesordnung und so manche Partei unseres Landes liebäugelt bereits lautstark mit der rettenden Alternative aus dem Energiedilemma – der strahlende Müllbeutel unserer Zivilisation wird Schulter zuckend der nächsten Generation überreicht. Neuerdings sind die Probleme der dritten Welt hausgemacht und nicht das Resultat unserer Kolonialpolitik, während die egoistische Abschottung unserer Wohlstandsinsel als konservatives Kredo gegen die Auflösungserscheinungen an den Rändern unserer Welt wirkt, ganz nach dem Motto: Abschottung gegen alles was weniger in der Geldbörse hat. Die Kontrahenten der zukünftigen marktwirtschaftlichen Schlachtfelder bereits im fernen Osten ausgemacht, rüstet man sich für den nächsten Schaukampf um Marktanteile. Obszön und ketzerisch werden all jene an den Pranger gestellt, die den nächsten Schritt der Menschheit in eine Solidargesellschaft jenseits des Geldes fordern. Die Wahl der weltweiten Parlamente, längst inszenierte Farce der globalen Industriedespoten wird durch die gezielte Manipulation der Meinung in den konzerneigenen Massenmedien postuliert autosuggeriert so bis in den letzten Winkel des Diesseits: Wählt den Wohlstand und wirtschaftlichen Fortschritt. Der Egoismus ist aufgebrochen, auch alle Winkel dieser Welt einzureißen und mit seiner schaurig zuckersüßen Weltsicht zu beglücken. Sollte sich das Wachstum nicht einstellen, so wird der nächste weltweite Konflikt neue Märkte eröffnen. So hat sogar die Armut ihre zweifelhafte Macht anerkannt und kämpft im Schatten eines Korans und anderen Opiaten einen schmutzigen Krieg, der weiteren Hass in die Abwärtsspirale gießt aber auch Traumgewinne und hohe Renditeerwartungen in die Kassen der Rüstungsindustrie spült. Ein weiterer Donnerschlag erdrückt die innere Stimme. Ein Blitz schlägt krachend in eine Baumgruppe gegenüber meiner Anhöhe. Im Widerschein der lodernden Flammen sehe ich Rehe aus dem Unterholz flüchten. Zuhause angelangt ziehe ich im Kerzenschein ein verstaubtes Buch über Marx aus einer lange nicht angetasteten Ecke meiner kleinen Bibliothek. „Die frevelhafte Wirtschaftspolitik spielt nationale Vorurteile aus und vergeudet in Raubkriegen Gut und Blut aller Völker. Die einfachen Gesetze von Moral und Recht müssen hier eingeklagt werden. Da die ökonomische Unterwerfung des Einzelnen unter den Eigner der Arbeitsmittel, der Lebensquellen und der geistigen Knechtschaft die Gesellschaft beherrscht , ist die ökonomische Emanzipation jenes Einzelnen der wichtigste Schritt, denn die freie Entwicklung eines jeden ist die wichtigste Bedingung für die freie Entwicklung Aller.” Die über hundert Jahre alten Sätze sind aktuell wie nie zuvor. Morgen ist Wahltag in Deutschland.

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