Metaphysis, 2005


Der menschliche Kampf ist ein lebenslanges Pendeln zwischen Hoffnung und Gewissheit. Das göttliche Prinzip, das Wähnen im Humanismus, Solidarität und Mitmenschlichkeit, im Höheren die Suche nach Unsterblichkeit und dem Sinn im Dahinter findet immer den Gegenpol in der trostlosen aber umso rationaleren Sicherheit eines immerwährenden Existenzkampfs um die biologische Stärke. Ein jeder von uns ist nur einer der unzähligen Versuche der Natur sich zu behaupten und sich verbessern. Doch der Schnitt kommt alsbald und vertilgt die Erinnerung des Einzelnen wie der Jahreswechsel die Pracht der Sommerblüte. Die Schönheit liegt nur im Auge eines erinnerungsfähigen Betrachters, welche einzig in der Entfaltungskraft der Natur ewig wirken kann. So sind die Hoffnungen in der Wiederkehr nur gering, denn der vermeintliche Zyklus ist nur eine neue Rezeptur der amnesischen Weltesche. Jedoch: Wir leben Information. Jedes Teilchen das uns umgibt ist eigentlich bedeutungslos. Es hat und wird immer als dieses Teilchen existieren oder zumindest in kleinere Teilchen zerfallen, zerstrahlen oder sich auflösen unter Verlust seiner marginalen Information, jedoch immer als kleinstes Teilchen, als Bit oder kleinste Informationseinheit existieren. Diese kleinsten Teilchen und Wellen existieren ohne zu sein, denn Sein im menschlichen Maßstab ist Bewusstsein, ist Gedanke, ist die Gestalt und darin gebettet die Information. Sein ist die höchste Form der Wahrheit, denn sie beweist sich selbst. Bewusstsein existiert nur durch die Fähigkeit, neue Erfahrungen mit bereits Erlebten und Gewertetem zu verflechten. Trotzdem existieren wir nur für den Bruchteil eines Momentes im kosmischen Maßstab, als höchst spezialisierte und konzentrierte Informationsdichte, soviel reicher als all die leeren Plätze unseres Universums, die scheinbar nur in konzentrierten Knoten, gleich einem Nervengeflecht Informationen verdichtet haben. – Getragen von einer Wellenfront aus Teilchen, die selbst nur austauschbarer Träger unserer Existenzinformation ist? Doch das ist nur eine zu menschliche Interpretation des Ganzen, denn die Teilchen und Wellen die unser Sein repräsentieren, fluktuieren und tauschen sich mit anderen aus, tragen jedoch immer unsere Gestalt, unser Sein in der Summe aller Möglichkeiten der versammelten Teilchen. Oder kann die Anschauung nur in der menschlichern Wahrnehmung funktionieren, die allein dazu fähig ist dieses quantenmechanische Schauspiel zu begreifen? Ist das der Sinn, die Findung einer erkenntnisfähigen Konzentration von Materie und Energie, das selbst erfahrende und sich selbst bewusste Universum als eigentliches Ziel? Die Möglichkeit mehr oder weniger zu sein, entsteht nur in unserem Denken, dem Ertasten der uns umgebenden Wirklichkeit mit unseren Sinnen, die doch nur organisierte Strukturen der Materie und Energie wahrnehmen, welche wiederum Informationen und Gestalten verkörpern, die Sinneseindrücken entsprechen, die gespeichert als assoziierendes Muster eine Mengenlehre und den Vergleich zu scheinbar gefühlter Realität gerinnen lassen. Unsere Existenz, unser Wähnen und unsere Wünsche sind nur der Schaum auf dem Meer der fassbaren, begreifbaren Wellen im Ozean der Möglichkeiten, denn Dinge die wir nicht mit dem Verstand und unserer Sinnesorganen ertasten können sind in unserer Welt nicht real. Alles Stoffliche reduziert sich auf unsere Wahrnehmung. Die Realität und das Greifbare sind somit eine Erfindung unserer Sinne. Im ersten Teil der Geschichte der menschlichen Erkenntnis gab es nur das objektive Beobachten von physikalischen Prozessen und das Erkennen von Aktionen und Gegenaktionen. Jede Ursache resultierte in einer Wirkung über eine vermittelnde Kraft. Sehr viel später wurde man dann der weitreichenden Erkenntnisse der Relativität und Unschärfe gewahr. Es wurde die Relativität aller Bezugssysteme erkannt, die es uns ermöglicht verschiedene Standpunkte und ihre daraus hergeleiteten unterschiedlichen Wahrnehmungen zu erklären. Der letzte große Erkenntnissprung geschah in der revolutionären Einsicht, dass die Beobachtung immer das Ergebnis beeinflusst und verändert. Dinge und Informationen sind nicht isoliert sondern verknüpft und schwingen in einem gemeinsamen Ergebnishorizont, den Möglichkeiten die durch das Ertasten, also durch das Wahrnehmen zu Realitäten werden. Das bedeutet nicht, dass Dinge nur durch unser konstantes Beobachten und Wahrnehmen existieren. Wir sind durch unser bewusstes Beobachten Teil des Geflechts der Möglichkeiten. Unter der Spitze des Eisberges unserer Wahrnehmung existiert das quantenphysikalische Universum unserer eigenen Möglichkeiten. Wenn Informationen der äußeren und inneren Realität auf die gleiche Weise wahrgenommen werden, so stellt sich die Frage nach dem Unterschied von Realität und Phantasie. Gedanken als Manifestationen der Informationen sind realer als jedes Elektron. Es verschwindet und verschmiert zu verschiedenen Zeitpunkten, taucht dann vielleicht wieder auf, je nach Beobachtungssituation und ist nur real wenn wir es im Experiment zwingen, sich zu manifestieren. Wenn wir nicht ins Kleinste hineinblicken verhält es sich wie eine Welle von Möglichkeiten, sobald wir hineinblicken, verhält es sich wie ein Teilchen und eine erfahrene Realität. Anstelle unserer fundamental angenommenen Wahrheit, Dinge als feste Definitionen von Raum und Materie, ohne jeden eigenen Einfluss zu sehen, ist die Wahrheit der Realität nur eine Möglichkeit, eine Annahme unseres Bewusstseins, die erst durch unsere Erfahrung zur Manifestation der Realität wird. Würden wir es zulassen, so könnte wir eine andere Welt um uns entstehen lassen. Doch wir taumeln durch Raum und Zeit, welche als Werte nur Visionen unserer Vorstellungen sind, welche aus Erfahrungen unserer Wahrnehmung entstanden sind. Doch Raum und Zeit sind gleichen Ursprungs und erfahren durch ihre Relativität die eigentliche Beschneidung ihrer scheinbar absoluten Dimension, denn unüberbrückbarer Raum und unerlebbare Zeit sind nur relative Wertschöpfungen der Wahrnehmung, ja sogar im Maßstab der Physik. Die Fähigkeiten unseres Bewusstseins sind durch unsere kulturellen und soziologischen, über Generationen erlernten Einschränkung und Realitätsmodellen reduziert, obwohl die von uns als real stofflich betrachtete Welt nur aus Tendenzen und Möglichkeiten besteht. So sind wir im Kern unserer Existenz mit dem ganzen Universum verknüpft und erleben unsere eigene Göttlichkeit und Kreationsfähigkeit im begreifen der kosmischen Mechanik. Der Monotheismus hat ausgedient. Nie wieder darf der Klerus die Macht über unser Bewusstsein, die Allmacht und Deutungshoheit spiritueller Werte zurückerlangen. Die neue Stufe der Erkenntnis, ohne den Pesthauch und Knebel vergangener Jahrhunderte, ist der Schlüssel für das Überleben der Menschheit. Das eigene Denken zugunsten einer dogmatischen Sichtweise an einen kosmischen Erziehungsberichtigten abzugeben, kommt einer Selbstverstümmelung gleich. Das Christentum und seine Religionsbrüder bleiben das Sandkastenspiel der Erkenntnisleere eines urzeitlichen Archetyps Mensch, der bis heute die Welt im „Gut”- und „Böse”-Rausch besiegen will und nicht die eigene Volljährigkeit erkennt. Doch diese Verantwortung liegt in uns selbst und die scheinbar ewigen Fragen eröffnen einen neuen Horizont des Seins. Wir müssen nur fragen und uns neu begreifen. Denn das Bewusstsein und Begreifen dieser neuen Welt ist nur der Schaum auf den Wellenkämmen der darunter schlummernden Möglichkeiten. Unsere eigentliche Reise ins Unfassbare hat erst begonnen, denn wir wissen gerade mal, dass wir nichts wissen!

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