Gralsritter und Rattenfänger (2003)

Neonazis in der GothicSzene

Elisabeths Welt ist scheinbar in Ordnung. Sie hat seit letztem Jahr ihr Abitur in der Tasche, ein dickes Taschengeldkonto und ein hübsches Appartement. Die Eltern, beide Geschäftsleute, haben wenig vom kostbaren Gut Zeit, dafür umso mehr der materiellen Güter. Wenn das Gewissen schmerzt, überschütten sie Elisabeth mit vielerlei Geschenken und unnötigem Zierrat. Das geht so seit dem sich Elisabeth erinnern kann und gefällt ihr auch ganz gut, denn ihre Interessen sind kostspielig, vielfältig und es gibt noch viele Wünsche zu erfüllen. Elisabeth sammelt Leni Riefenstahl Erstdrucke, Faksimiles der Thule Gesellschaft und alles was sich mit der augenscheinlichen Mythenwelt der Germanen befasst. Verzerrrte Zeitgeschichte ist ihr Steckenpferd, vorrangig natürlich Publikationen über die erste Hälfte des 20.Jahrhunderts, vorzugsweise jene, welche in keiner Bibliothek zu finden sind. Die eigene Ahnenforschung empfindet sie als Sozialhygiene, ihr Selbstbildnis des Standes lässt sich kaum noch mit dem durchschnittlichen Typus des niederen Alberich, der Faktoten der gemeinsamen schwarz-gotischen Wochenendclique vereinen.
Seit der letzten großen Diskussion zu später Stunde, nach einer durchtanzten Nacht, ist bei Elisabeth die Ahnung zu einer bohrenden Gewissheit geworden. Elisabeth ist zu Höherem geboren und muss deshalb ihren Bekanntenkreis hinter sich lassen. Hat doch dieser aufgeblasene Landgrufti mit oberpfälzer Akzent ihre geistigen Ikonen und Führer beschmutzt und auch noch ihre ideologische Gesinnung provokant hinterfragt.
Geistige Entjungferung und Befreiung feierte Elisabeth auf der Wewelsburg. Das göttlich verklärte Kämpfertum der Germanen, der ferne Odem der Heldensagen und die schicksalsgleiche Runenkunde ließen die eigenen Minderwertigkeitskomplexe schwinden und die direkte Ahnenlinie zum Herrenmenschentum erahnen. Ihr unreflektierter Hass, Zeuge ihrer Unsicherheit vor der rastlosen Achterbahnfahrt des multimedialen Jetzt, findet in der archaischen Dualität von Ehre und Rache ein asketisches Geistesmal. Im Gegensatz zur schwer vermittelbaren Friedens- und Nächstenliebe ist der nicht zum ersten Mal falsch ausgelegte Nietzsche verblüffend einfach.
Wenn es mal phantastischer sein soll oder profane Verschwörungen einen Blick hinter das braune Pappmasche gewähren sollen, hält auch gerne Jan van Helsing, der Däniken der rechten Szene ein utopisches Thema zur kurzweiligen Unterhaltung bereit: „Der SS Gralsritter im Ufo auf der Flucht vor dem Grossfinanzjudentum ins arische verherrlichte Atlantis, dem Neuschwabenland“
Manchmal wenn Papa Zeit hat, fährt er Elisabeth auch mal zu einer viele hundert Kilometer entfernten Veranstaltung, denn Elisabeths musikalischer Geschmack findet nicht überall Erfüllung: Elisabeth ist Anhängerin des Neofolk und Martial Industrial. Nein, weder der DAC-gestylte Schnittmengengeschmack, noch die Naturfreunde des schwarzen Fähnlein Fieselschweifs mit Grill- und Lagerfeuer-Romantik stehen Pate, sondern die gesinnungsbildende, stammesbindende und an den heroischen Geist gemahnende selbst ernannte Aufbruchselite. Das Repertoire wächst stetig und mitunter trägt auch manches im Grossmarkt feilgebotenes Klangkonstrukt die Insignien dieses „nordischen Aufbruchs“, garniert mit dem ein oder anderen straffen Führersample. So wächst der CD Schrank von Elisabeth der guten Sache Willen wegen, auch strengstens original.
Brauner Kitsch, Aktfotos aus dem 3.Reich, oder Originaldrucke der Eröffnungsfeier der deutschen Olympiade sind neben den Urausgaben von Nietzsche Elisabeths ganzer Stolz. Ihre Gegenwelt zum multikulturellen und globalen Deutschland, das im Malstrom der globalen Weltwirtschaft ungesteuert schwankt ist verblüffend naiv. Sie lebt das mythologisch verherrlichte und walhallagleiche Gestern. Als die Kultur des Aufbruchs rein und ohne jeden Makel der Zweideutigkeit schien. Als die Grenzen noch eindeutig und das junge Jahrhundert einer idealisierten Skizze glich. Als die Welt noch einfach schien.
Demnächst steht wieder ein patriotisches Treffen auf dem Plan, denn der große Rattenfänger Verleger geschichtsklitternder Devotionalien ruft zum Zapfenstreich ins „heilige Österreich“, welches nicht erst seit Haider als perfektes Versteck für so manch braunes Freundestreffen traurige Berühmtheit erlangte. Neben der eindimensionalen Untermalung mit „Martial Neofolk“, „Military Pop“ und „Sacral Industrial“ lockt der ein oder andere Merchandisestand mit Verbotenem und dem zynischen Etikett „entartete Musik“. Aber Vater wird sie schon wieder eskortieren, denn insgeheim erfreut sich der alte Wehrmachtsfreund und Spätaussiedler an den züchtig gestylten und vertraut erscheinenden Jugendlichen, die augenscheinlich keine Drogen nehmen und eine stramme Zukunft anstelle „No Future“ Parolen proklamieren.
Elisabeth ist sich noch nicht sicher wo sie studieren soll. USA oder Schweiz liegen in der näheren Auswahl, Geld spielt keine Rolle. Nur leider ist das ideologische Angebot nirgendwo so verlockend wie hier. Für sie steht jedoch fest: Benebelt von den Geistern, die sie rief und der Heilslehre aus der braunen Flasche möchte Elisabeth eines Tages Teil des Sturms sein, endlich eins werden mit der Flamme der gleichgesinnten und uniformen Masse – das Land zurück an die Spitze führen.
Neben Verstand und Hoffnung ist ein weiteres Opfer zu beklagen.
Ygdrassill weint – Elisabeth hält es für Blut.

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