Tatort Sharing is Caring

breiner
Was der Filmautor Fred Breinersdorfer als Vertreter der ehemals Säbel klirrenden fünfzig Tatort-Autoren in der aktuellen Ausgabe der Süddeutschen fordert, lässt nur zwei mögliche Schlüsse zu: Herr Breinersdorfer hat mit alten Filmfreunden ordentlich gezecht und ist im Rausch der Offenherzigkeit kurzzeitig zum Botschafter der freien Kultur mutiert, widerruft seinen Beitrag aber in Kürze. Oder aber es hat ein wirklicher Wandel vom Saulus zum Paulus statt gefunden, ein Umdenken und Verstehen des digitalen Wandels.

Ich habe Fred Breinersdorfer bereits auf einer Podiumsdiskussion kennenlernen dürfen – bin mir nicht mehr sicher, ob es sich um den Twittwoch, eine Runde bei der Filmakademie oder im Rahmen einer NDR Diskussion gehandelt hatte.- Zu diesem Zeitpunkt kamen wir uns inhaltlich kaum näher und umso beeindruckter bin ich von seinem Beitrag. Ich sehe seinen Vorstoß als einen wichtigen und konstruktiven Schritt, in der festgefahrenen Urheberrechtsdebatte endlich weiter zu kommen und habe ihn bereits per Mail zu einem offenen Dialog eingeladen.

Eines ist klar – das Fass, welches er aufgemacht hat, ist größer als die Diskussion um das Urheberrecht. Denn eigentlich ging es ja vor allem um eine Stellvertreterdiskussion. Das Urheberrecht war immer nur das Feigenblatt für betonierte Auswertungsmonopole, die ohne Rücksicht auf Verluste im Internetzeitalter durchgesetzt werden sollen.
So ist die von Herrn Breinersdorfer ins Felde geführte Coverversion bereits in der Abgrenzung zur Bearbeitung und zum Sampling ein Minenfeld. Wer covert, darf das, führt dafür eine Lizenz an den Urheber ab. Wer bearbeitet, also verändert, verliert im Verhandlungen mit Verlagen manchmal beides: Urheber- und Erlöslizenz. Wer Sampling betreibt, verwirkt durch das Urteil “Metal auf Metall II” alles. So wird schnell klar, die höchste Bewertung findet nicht der Urheber, sondern das Leistungsschutz- und Auswertungsrecht der Produzenten.

Und die werden laut schreien, wenn Herr Breinersdorfer mit dem Recht und Selbstverständnis eines Urhebers eine neue Schranke für die private und die gewerbliche Kopie und das Zweiverwertungsrecht von Autoren im Netz fordert. Nicht anderes bedeutet es, wenn Originalwerke frei im Netz zirkulieren dürfen. Und dass die Autoren und Schöpfer der Werke honoriert werden sollten, ist vollkommen unstrittig – auch in der Piratenpartei.

Fred Breinersdorfer hat mit seinem Vorstoß die Verwerterindustrie entwaffnet, ihnen das Weihwasser im Kampf gegen den freien Zugang zu Kultur genommen, denn er fordert Urheberrechte für die Urheber und nimmt dabei den Verwertern das Kernargument ihres Kreuzzuges gegen die Piraterie: Das Urheberrecht. Ihnen bleiben nur noch verlorene Investitionen und Renditeverluste. Werte, für die es in der Öffentlichkeit wenig Mitleid gibt, wenn Urheber wie Fred Breinersdorfer fordern: Schafft Angebote im Netz!

Dass er dabei vor allem die Stärkung von Urhebern und Schöpfern kleiner Nischenfilme im Auge hat, würdigt ihn umso mehr, denn diese sind letzten Endes die bisherigen Verlierer der neu geschaffenen und Stromlinigen Angebote im Netz.

Gegen den Sturm der Entrüstung der großen Verbände mag das Problem der Vergütung über Verwertungsgesellschaften noch relativ klein erscheinen. Sowohl die anteilig gerechte Vergütung als auch der Datenschutz in Zeiten des Dammbruchs von Überwachung sind ungelöste Fragestellungen im Internetzeitalter. Nicht umsonst fanden weder Kulturwertmark noch Kulturflatrate breite Zustimmung.

Kleinen Onlineradios und Nischensendern werden von Verwertungsgesellschaften wie der GEMA nur Pauschalmodelle angeboten. Diese Gebühren werden dann vor allem den Inhabern großer Werkrepertoires ausgeschüttet. Das würde wahrscheinlich auch den von Breinersdorfer vorgeschlagenen Nischenshops zwischen Fim Noir und Dokumentarfilm blühen.
Gegen die Reform der Verteilung pauschalisierter Vergütungen stemmen sich trotz eindeutiger Urteile auf EU Ebene die Verwertungsgesellschaften mit aller Kraft. Zuletzt mit dem Argument, dass es technologisch nicht machbar sein, jeden Play einzeln zu vergüten.
Die Frage des Datenschutzes, der Anonymität von Nutzern und der Überwachung von transferierten Inhalten stellt dabei noch größere Hürden für Klick-basierte Honorierung dar.

Aber darüber werden wir einfach mal reden.

Foto:Foto von 1Holsteiner2, CC-BY-SA-3.0

9 thoughts on “Tatort Sharing is Caring

  1. “Kleinen Onlineradios und Nischensendern werden von Verwertungsgesellschaften wie der GEMA nur Pauschalmodelle angeboten. Diese Gebühren werden dann vor allem den Inhabern großer Werkrepertoires ausgeschüttet.”

    Den Wahrheitsgehalt des zweiten Satzes kann ich zwar nicht überprüfen, bin aber geneigt, der Aussage zuzustimmen.

    Was die Pauschalmodelle für z.B. freie Radios angeht, so kann ich nur feststellen, dass alles andere einen so großen Mehraufwand bedeuten würde, dass es den freien Radios (momentan) unmöglich wäre, ihren Sendebetrieb aufrecht zu erhalten. Sollte es also keine “technische” Verbesserung” (shazam?) geben, halte ich Pauschalmodelle für einen guten Kompromiss.

    Gruß Fidel (Coloradio in Dresden)

    • Aber genau das braucht man…Shazam hats vorgemacht. Und ein Onlineradio hat sowieso eine Songliste im Protokoll seines Players. Was Clubs und Ä. betrifft sollte ein System wie Shazam hilfreich sein.

      • Coloradio ist aber – wie viele andere “kleine” freie Radios – kein reines Onlineradio. Wir senden (noch) mit analoger Studiotechnik und haben eben keine Möglichkeit “einfach” die Songliste des Players zu exportieren. Viele der ca. 100 Sendungsmachenden legen auch Platten auf. Aus unserer ™ Sicht ist die Sache eben nicht so einfach. Zwar gibt es von der SLM (Sächsische Landesmedienanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien) ein Angebot, uns Förderung für digitale Studiotechnik zukommen zu lassen. Dies ist aber verbunden mit der Bedingung, in “absehbaeer” Zeit (bis 2016?) auf unsere UKW-Sendelizenz zu verzichten. Da es leider aber noch keine Verbreitung digitaler Empfangsgeräte gibt, stehen wir vor einem Dilemma.

        Vielleicht halten wir mal ‘nen Schnack über freie Radios und deren Bedürfnisse?!
        Gerne auch in einem Interview für’s Radio. ;-)

        Gruß Fidel

  2. Pingback: Fred Breinersdorfer: Vom Tatort-Autor zum Piratenversteher | 11k2

  3. Die Verwertungsgesellschaft als Datenkrake und alles wird gut?

    Richtig, dass Breinersdorfer hier völlig vom Wege abgekommen ist. Falsch, dass dies nun der richtige Weg sei.

  4. Pingback: Es wird eng für die GEMA | Bruno Kramm

  5. Pingback: Es wird eng für die GEMA | Carta

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