Der feine Unterschied: Megaupload und Rapidshare

…oder: „Wenn SOPA kommt sind wir alle Mr. Kimble“


Es erscheint schon fast nicht mehr wie ein Zufall: Einen Tag nach dem weltweiten Seitenblackout und SOPA/PIPA Protest wird der „Great Gatsby“ der Netzwelt, Kim Schmitz aka Mr. Dotkom aka Kim Vestor samt seinem weitverzweigten Firmenimperium in einer konzertierten Interpol und FBI Aktion hoch genommen und dann aus dem Netz getilgt. Sicher, das Schwergewicht der New „Pirate“ Economy ist kein Beichtbruder. Zu viele Anklagen und Verurteilungen wegen obskurer Geschäfte und ein offen zur Schau getragener, lasziv dekadenter Lebensstil machen den Kosmopoliten hedonistischer Prägung nicht zum Sympathieträger.

Die Vorwürfe der amerikanischen Verwerterverbände, wohl wissentlich millionenfach Urheberrechte verletzt zu haben wiegt nicht so schwer, wie sie klingt. Denn Filehosting mag ja durch SOPA/PIPA zum Straftatsbestand mit unmittelbarer digitaler Ächtung – sprich Löschung – gereichen, ist aber noch längst nicht Kraft des Gesetzes, auch wenn wir in Europa stillschweigend mit ACTA ähnliche Reichweiten und Befugnisse für die Verwerterindustrie zulassen werden. Der öffentlich geleakte Vorwurf, auf Anweisung urheberrechtlich geschützte Werke mannigfaltig auf die eigenen Server geschaufelt zu haben, klingt schon bedrohlicher. Zumindest, wenn man nicht weiter forscht und die Intention der Uploads hinterfragt. Man fragt sich dann jedoch im gleichen Zug, warum Rapidshare noch immer läuft.
Der “kleine” Unterschied zwischen Megaupload und den anderen Filehostern und Cyberlockers liegt in der Nähe von Mr.Dotcom zur Premiumleague der Hiphop und R&B Szene.
Noch vor kurzem versuchte die Verwerterindustrie mit großem Promotionaufwand die Youtube Megaupload Hymne auf Schmitz´ s Imperium aus dem Netz zu tilgen. Die Häme war groß, als sich herausstellte, daß der Song keinerlei Rechte der Verwerter verletzte und der Song wieder auf Youtube erschien.
Was die Industrie nicht wusste: Die Vokalparts der beteiligten Künstler von Sean „Diddy“ Combs, Kanye West, Jamie Foxx bis Alicia Keys waren alle freiwillige Leistungen. Natürlich nicht ganz selbstlos, – so lässt sich spekulieren – , haben viele Urheber aus der Unterhaltungselite wohl private Deals mit der Megaupload Plattform abgeschlossen, die sie wiederum mit Pauschalen aus den exklusiven und kostenpflichtigen Download Verträgen der Megaupload User bedienten. Diverse Zitate von bekannten Hiphop Künstlern weisen darauf hin.

Nur zu verständlich, fühlen sich viele Urheber von den fadenscheinigen Deals zwischen den Verwertern und der Streamingdienste von Spotify, über Simfy und Icloud Match nachteilig behandelt. Der Großteil der Kleinstbeträge aus diesen Verträgen landet nicht bei den Urhebern sondern bei Verlagen und Verwertern.

Sicher wären Verwertungsrechte verletzt, jedoch wäre der Straftatsbestand nur noch bezüglich der verletzten Rechte bei den Verlagen ein Vergehen, der in erster Linie die Vertragsbeziehung zwischen Urheber und Verlag betrifft.
Auch hätte Megaupload die exklusiven Auswertungsrechte gegenüber den Verwertern verletzt, aber eben auch unter Duldung der Urheber.
Zumindest die astronomische Schadenssumme, die stillschweigend unter der Annahme subsummiert wurde, die Megaupload Community hätte die Werke ohne das Angebot des Filesharers auch legal erworben, verliert ein paar Ziffern. Ob das nun für die 50 Jahre Zuchthaus ausreicht, wie von den RIAA Anwälten hysterisch gefordert, kann man getrost bezweifeln.

Warum die Contentindustrie wie von der Tarantel gestochen auf Megaupload losging, wäre wohl klar: Würde sich das Modell der exklusiven Urheber und Megaupload als neues Geschäftsmodell für alle großen wie kleinen Rechteinhaber durchsetzen, so hätte die Verwerterindustrie nicht nur ihre Macht über Repertoires und Urheber verloren, sondern schnell das gesamte Geschäftsfeld Internet. Und hier liegt auch der Unterschied zu Rapidshare und dem verhältnismäßig moderaten Interesse der Industrie an den anderen Filesharern: Rapidshare bleibt in seiner Nische und erfüllt das Klische des klassischen Filehosters. Bedauerlich, das Kim Schmitz sein Erlösmodell exklusiv hielt, denn es hätte auch für viele kleinere Urheber ein attraktives Angebot dargestellt. Megaupload hätte mit der ersten realen Flatrate mächtig Wirbel in der Musikbranche erzeugt.

Somit ist der Satz „Wenn SOPA kommt sind wir alle Kim Schmitz“ sogar nur die halbe Wahrheit. Mit SOPA und ACTA wird die Verwerterindustrie die Urheber noch weiter strangulieren, die eigenen Erträge erhöhen, Kultur nivellieren und die Informationsgesellschaft zu einem abgeschlossenen Karteikasten der Verwertungsrechte verwandeln.

5 thoughts on “Der feine Unterschied: Megaupload und Rapidshare

  1. Kleine Berichtigung: Verlage und Label haben auch nichts vom Simfy und Co. Kleine Verlage und Label müssen schon rein aus Kapazitätsgründen mit Digitalen Vertrieben arbeiten, diese wiederum haben Deals mit Simfy und Napster und Co. Statt einer Verwertung gibt es dort dann Streamings und Flatrates. Davon sehen weder Künstler noch Verlag/ Label irgendwas. Ich will da auch auf Folgendes hinaus: In der ganzen Diskussion über derlei Veränderungen isoliert der Neid und die Verzweiflung die Geprellten, statt dass man sich zusammenrottet und neue Synergien schafft…. He Künstler… wir sind die Neuen, wir sind die Freien, wir sind die Guten…

    • He Tom, kleine Berichtigung again. Ich bin selbst Labelbetreier und habe einen Deal mit einem Contentaggregator (Believe Digital) Und da werden all die Streamingdienste Punktgenau abgerechnet auch wenn das nicht wirklich beeindruckend aussieht. So a la 0,0003 ct per stream,aber was solls…Aber ich versteh Deinen Tenor. wir müssen Künstler oft auch erst informieren…die Defizite sind unermesslich ;-)

      • 0,0003 Cent – das kannst Du mit jedem beliebigen Faktor multiplizieren, davon wirst Du Dir NIE im Leben etwas Reales kaufen können!

        Bei Faktoren unter 1 000 000 ( 1 Million ) nicht mal ein Glas Bier, so ab 100 000 000 also einhundert Millionen Plays ( hat es in der Geschichte des Netzes meines Wissens nach aber noch nicht gegeben ) läge für Dich ein preiswertes Essen ( ca 20 Euro nach Abzug der EK-Steuer ) drin. Das musst Du Dir natürlich noch mit denen teilen, die bei dem Song mit von der Partie waren…

        All das ist nicht die Luft wert, überhaupt darüber zu reden.

        Hier werden Künstler, die hoffentlich besser Musik machen als rechnen können, einfach nur aufs Übelste vorgeführt, und man reibt sich die Hände, weil die ganze Kritik im Moment gegen so vergleichsweise großzügig zahlende Organisationen wie die Gema gerichtet ist, während dieser ganze Bereich an Komplettverarschung von Leuten wie Dir noch als großartige Befreiungstat bejubelt wird.

  2. Pingback: Aufgeschnappt 23.1.2012 | diowlix

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