Der Wind streicht zart durch die Spitzen des hohen Grases und formt das Patchwork der farbigen Feldblumen zu einer wogenden Decke duftender Weite. Pusteblumen schenken den Samen ihres zartweichen Flaumkokons die Freiheit und senden Sie auf eine kurze Reise in den Horizont ihrer Bestimmung. Der ewig irdische Kreislauf steht kurz vor seinem lebensspendenden Höhepunkt, der Sommer neigt sich dem Ende zu und hat bereits die Botschaft seiner Wiederkehr ausgerufen.. Das Schauspiel der Leichtigkeit des Lebens spendet überirdischen Trost und man mag das allumfassende Elend vergessen machen, das um uns herum tobt. Fast ein Stückchen Religiosität erheischend, das man rational angewidert abstreift, erkennt man: Diese Schönheit ist doch nur soviel Wert wie es das Auge des Betrachters fähig ist, in seiner Vollkommenheit zu begreifen. Schönheit ohne den Sinn und dessen Erfassen ist sinnentleert und ohne Existenz. Ist diese Pracht des natürlichen Prinzips, dieses endlich Gleiche in unendlicher Vielfalt nur für menschliche Augen schön ? Unser ästhetisches Empfinden gar eine Laune der Natur oder die Evolution ihres eigenen Geschmacks und sind damit wir ihr bewusster Teil ? Oder ist Schönheit doch nur einer der vielen Gemeinplätze einer menschlichen Paarungsselektion ? Unser künstlerisch ästhetisches Wähnen nur lallendes Imitieren rationaler Naturprinzipien ? Das Gras raschelt und das halbwüchsige Katzenkind springt forsch und begeistert aus dem Busch. Sein erster Sommer offenbart ihm nach einem langen und bis zuletzt frostigen Winter ein Schauspiel voll von Mysterien und unbändigen Freuden des Abenteuers. Schwänzelnd stürzt er auf mich zu, als wolle er mir von seinen neuesten Erlebnissen berichten. Ob er meinen Gedanken folgen könnte ? Er scheint offensichtlich die Schönheit des Schauspiels wie ich zu genießen. Vielleicht sogar tiefer als ich, der nicht bis an den Grund dieses Meeres aus Grasblumen getaucht ist. Sein erster Sommer soll, so wünsche ich es ihm, der Auftakt eines erfüllten Katzenlebens werden. Ich lehne mich im Gras zurück und folge den Mustern des Formationsfluges der Vögel, die in ihrer Form dem Teppich des wogenden Grases gleichen. Den Lichtblitz der Länge meiner Existenz als einen Windhauch begreifend streichle ich mit einer angstvollen Bewusstheit der Vergänglichkeit das graue silbrige Fell des kleinen zutraulichen Katzenkinds. Die dunklen Vorahnungen eines lauernden Schicksals schnell verwerfend erinnere ich schmunzelnd an eine Begebenheit meiner Schulzeit. “Schwarz ist der Tod, unser Sein ein Gottgeschenk, Dein blasphemisches Auftreten ist boshaft” Zu gerne erinnere ich mich der Worte der Religionslehrerin, die meine Konfessionslosigkeit und mein schwarzes Äußeres zum Anlass nahm, ein düsteres Bild meiner Seelenzustände zu zeichnen ganz im Sinne einer christlich naiven „Gut und Böse” Dualität meinen Wertekanon zu verteufeln. „Der Tod interessiert Euch doch gar nicht, das so genannte Böse ist Euer schlechtes Gewissen” war meine zugegebener maßen auswendig gelernte Antwort, welcher ein langer und lautstarker Disput folgen sollte. „Eure Verdrängung des Todes besteht doch nur aus Angst und einer unterbewussten Ungläubigkeit eurer eigenen Dogmen. Doch der Tod ist immer unter uns.” Der letzte Satz hatte wie immer gesessen, denn nur zu gut kannten die meisten Lehrer mein Lied vom Tod, war doch erst vor kurzem mein Vater gestorben. Zur simplen Antipode des Lebens reduziert, fristet die personifizierte Ausgeburt unseres Endes schon sehr lange ein seltsames Nischendasein und gesellt sich als Thema gerade noch in das philosophische Unterfutter einer schwarzen Szene. Die betriebswirtschaftlichen Erörterungen der Krankenkassen, die ihm, dem einzigen Wächter ihrer Rentenkasse huldigen, fest mit seiner stetigen Wiederkehr rechnend, um auch die nächste Generation zu speisen, scheint einer der größten Konstanten zu sein. Der Tod als verdrängtes Ziel macht eine Gesellschaft und ihre Wechsel erst möglich aber auch nur allzu unpopulär, denn die Kurzweil gilt es dann in Anbetracht einer kurzen Lebensspanne schnell mit Sinnvollem zu bestücken. Als Thema heute tabuisiert und an den Rand gedrängt, gab es auch schon sinn stiftenderen Umgang mit unserem „Finale grande”. Das barocke Motto eines sinnstiftenden Menetekels und des Todesengels als Rufer der Vergänglichkeit stiftete auch immer die sinnenfrohe und enthemmte Leichtigkeit des Seins. Das kurze Gastspiel auf Erden, das es trotz all des Elends und schwarzen Todes zu einer großen Dramaturgie voller Höhepunkte zu illuminieren galt, war als barockes Thema allgegenwärtig und im Tod begriffen freudig und ausgelassen statt trübselig und zerknirscht. Die entsetzliche Dunkelheit des Todes war nur im Diesseits, von jeher religiös tradiert, der Übergang zum ewigen Jenseits und jüngsten Gericht versprach zwar ein strenges Urteil aber auch die Läuterung und ewige Glückseeligkeit. Die Authenzität dieser Erwartungshaltung heute kaum annähernd nachvollziehbar, erschrecken uns erst recht die christlichen Schlachtenrufe jener finsteren Zeit: „Tötet sie alle, denn Gott erkennt die Seinen”. Dem Tod als Fixpunkt war nichts gegen zusetzen, denn weder medizinisch-wissenschaftliche Kenntnisse, noch internationale Konventionen und Gerichtshöfe, noch eine ewige Jugend versprechende Konsumindustrie waren geboren, der Tod lauerte überall weit offensichtlicher. Ganz im Gegensatz zur heutigen Gesellschaft, die in Distanz zum Tod begriffen seine Macht zu isolieren sucht: Fortschritte in sozialen Belangen, Medizin und Wissenschaft aber auch das Vergesellschaften der menschlichen Probleme in Justiz und Moral drängen den Tod ins private Abseits, in das Versagen des menschlichen Allmachtsanspruchs. Ganz im Masse des Wandels der Systeme vom Befehlsgeber und Knechtenden zum strikten Diener des Einzelnen wurde der Tod ins Private verschoben. Das krampfhafte Festhalten an lebensverlängernden Maßnahmen der Medizin, die auch über Jahre hinweg verfallende Körperhüllen am Leben hält, um ihrem eigenen Allmachtsanspruch als Herrscher über den Tod Rechnung tragen zu wollen ist das krasseste Indiz einer gestörten Beziehung zum Tod, aber auch unserem Leben. Der auf Gewinn fixierte Teil der Welt, im Reichtum badend schließt noch immer erschrocken die Augen vor dem unabwendbaren Schicksal: Das Sterben das sie mit den Toten aller Zeiten und Welten besitz- und namenlos gleichstellt. So ist in diesen Gesellschaftsschichten die Nachfrage nach kryogenem postmortem Winterschlaf besonders hoch. In diesem Vakuum ist die Todessehnsucht populärer denn je, oder wie sonst lässt sich das hochvirulente Interesse für scheinbar katharsische Grenzerfahrungen und Extremsportarten erklären. Auf den höchsten ungesicherten Gipfeln, in der dunklen Kältezone der tiefsten Meeresgründe und im Geschwindigkeitsrausch lässt die Todesnähe den Adrenalinspiegel steigen. Letztendlich häufen sich die Versuche, den so rauen und schwer begreiflichen finalen Endpunkt so aufzubereiten, dass er endlich auch ohne den philosophischen Unterbau der Metaphysik appetitlich und konsumierbar wird. Die Nachfrage nach den Todesarten aller Couleur steigt unaufhörlich, kennt scheinbar keine Grenzen: Mord, Agonie, Völker verzehrende Schlachtengetümmel, großformatige Monsterattacken aus dem All oder der Steinzeit, Erdbeben und planetare Kollisionen biblischen Ausmaßes, aber auch das persönliche biographische Leiden in Cinemascope haben den Turm sadistisch brutaler Gewaltorgien der Unterhaltungsindustrie zu babylonischen Höhen anschwellen lassen. Auch die Trivialliteratur bietet hier für den Grenzgänger eine Vielzahl an haarsträubenden Jenseits und Todeserfahrungen. Doch das eigentliche Sterben bleibt finster und einsam, isoliert im Sterbetrakt der Intensivmedizin hinter dicken Schleusen und Sichtfenstern um die Distanz zu wahren. Das qualvolle individuelle Sterben ist die Randnotiz und das massenhafte Sterben ein Medienereignis. Die moderne Sterbemedizin und Sterbehilfe wird jedoch schnell zum gesellschaftlichen Kainsmal, das stellvertretend für das reale Sterben mit Vorurteilen und moralischen Disputen bedacht wird. Glücklich wer im Kreise seiner Liebsten sterben kann und die Transformation bewusst vollzieht. Wer das Lichtspiel im Wasserfall des Lebens begreifen will, muss ihm den Rücken zukehren und zur Sonne blicken. So auch der Tod, der unserer in der Dualität von Materie-Körper und Energie-Geist schwingenden Existenz ein dunkles Spiegelbild schenkt. Mit Tränen in den Augen und dem angstvollen Unterton, der in mir sämtliche Sinne in unheilvolle und erschrockene Erwartung versetzt, ruft mich in das Jetzt zurück. Ein kleines Stück graues Fell in der Hand, unfassbar und unfähig das Erblickte in Worte zu fassen hat meine Frau die leblosen Überreste des kleinen Katers gefunden, der offenbar in seiner naiven Neugier von einem Fuchs erlegt wurde. Der Tod hat wieder seine Fratze gezeigt. In Tränen aufgelöst begreife ich: Die Schönheit dieser Welt ist Oberfläche über einem unheilvollen, alles verzehrenden Schlund der kalten Wahrscheinlichkeiten, mein Wähnen nur ein Aufbäumen gegen die unumstößliche Wahrheit des verschwenderischen kosmischen Flusses des Vergehens und Werdens. Die Suche nach Erkenntnis scheint umso schmerzhafter. Je weiter sie einen treibt, je mehr Antworten sie liefert und entschlüsselt, umso tiefer scheint der Schlund dieser dunklen Unwissenheit und der eigenen Dummheit. Und doch: Das Erkennen, das Zusammenweben der Relativismen, scheinbar nicht zusammengehörender Zusammenhänge aller Disziplinen zu einer holographischen Konstruktion unseres Verstandes vertieft die Fähigkeit des nonverbalen Verstehens und den Umgang mit der eigenen Erkenntnis, seinen Metaphern und dem was uns geschieht mit einer einfachen Wahrheit: Lebe Dein Leben !
Der Tod hat überlebt, 2005
Posted in Kolumnen
Posted by Bruno Kramm on October 23, 2011
http://brunokramm.wordpress.com/2011/10/23/der-tod-hat-uberlegt-2005/
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