Guten Tag und herzlich Willkommen!

Ich bin Bruno Kramm, Jahrgang 67, geboren in München und arbeite als Musiker, Produzent und Labelmacher. Ich bin aktives Mitglied in der Piratenpartei.

Der Großteil meiner beruflichen Aktivitäten wird weitestgehend auf den Internetseiten Das Ich (dasich.de), Danse Macabre (dansemacabre.de) und NEGAtief (negatief.de) dargestellt.

Kolumnentexte und Essays, die ich bisher auf meiner Myspace Seite oder in diversen Magazinen veröffentlicht habe, fasse ich nun auf diesem persönlichen Blog zusammen. Ebenso werde ich hier in regelmäßigen Anständen politische Aufsätze und Essays veröffentlichen .

Wer sich für meine Arbeit interessiert, ist herzlich eingeladen öfters vorbeizuschauen. Ich freue mich über kritische Anregungen und eine offene Diskussion.

Mit musikalischen Grüßen,

Bruno Kramm

Kontakt: kontakt {at} dansemacabre {dot} de

Die Angst vor dem kreativen Nutzer

Nein, Sie sind nicht die Urheber, allenfalls ein Promille aller schöpferisch Tätigen in Deutschland: Die 100 Unterzeichner der Erklärung „Wir sind die Urheber“. Denn bereits bei der GEMA werden 60.000 Urheber vertreten, ganz zu schweigen von der Vielzahl der nicht registrierten und oft im Prekariat lebenden Schöpfern und jenen, die bereits den Gang allen Irdischen hinter sich brachten und deren Rechte weiterhin bis 70 Jahre nach ihrem Tod ausgewertet werden.
Die fehlerhafte, zumindest fragwürdige Analogie vom physischem Eigentum und dem metaphorischen geistigen Eigentum, aber auch die höchst verführerische und dennoch falsche Gleichstellung von Kopiervorgang und Diebstahl wurde bereits hinreichend beleuchtet – doch die 100 Unterzeichner haben sie sicher ebenso wenig gelesen wie das Parteiprogramm der Piratenpartei, welches nicht danach trachtet das Urheberrecht abzuschaffen, sondern sinnvoll zu reformieren.
So aber bleibt von Ihrer Kampagne nur der schale Beigeschmack einer polemischen Kampagne, für die sich die Zeit ebensowenig zu Schade war wie das Handelsblatt vor einigen Wochen mit ihren hundert Köpfen.

Man beißt eben nicht die Hand, die einen füttert und lässt sich von kulturkonservativen Argumenten einseitig gegen eine vermeintliche Netzgemeinde kriminell-asozialer Schmarotzer in Stellung bringen. Auch sind die kritischen Stimmen erfolgreichen Urheber selten daran interessiert, das eigene Erfolgsmodell zu reformieren. Ein Schelm, wer hier Übles denkt, denn eigentlich bedeutet die Demokratisierung der Produktionsmittel zuerst einmal eine umfassende Öffnung bisher schwer zugänglicher und wirtschaftlich kontrollierter Kanäle zwischen Urhebern und den potentiellen Interessenten seiner Kreationen, den Nutzern. Die ewig junge Kulturtechnik des Kopierens, der Selektion und der Transformation gewinnt darüber hinaus einen neuen Drive und animiert die bisher teilnahmslose Masse der Konsumenten zur Interaktion und sei es vorerst nur der Videomashup auf Youtube, erste musikalische Gehversuche mit gesampelten Loops aus den Charts oder Fotomontagen auf Facebook. Denn eigentlich fürchtet die Kulturindustrie langfristig nichts mehr als die Entfesselung und Aktivierung des lethargischen und passiven Konsumenten, dessen Phlegma für einen konstanten Massenmarkt von entscheidender Bedeutung ist. Denn Kultur ist trotz aller gegenteiligen Beteuerungen leider größtenteils ein rein ökonomisches Produkt, dessen ästhetische Gesichtspunkte weit hinter den Warenwert treten und die in ihrer Summe der Rendite von globalen Auswertungsverträgen verpflichtet sind. Wer dagegen selbst mit schöpferischen Prozessen vertraut ist, lernt schnell Gleiches und Vielfältiges kritisch zu differenzieren und eigene Qualitätskriterien zu entwickeln.
Die Kulturindustrie pauschalisiert hingegen alles zwischen Filesharing und unlizensierter Bearbeitung als illegale Nutzung. Gleichzeit gerät die Kulturindustrie in eine Zwangsabhängigkeit zu defacto Monopolisten wie Apples Itunes und verpasst dabei die einmalige Chance Peer to Peer Filesharing als den demokratischen Distributionsweg der Zukunft zu erkennen. Selektive Statistiken sollen z.B. den der illegalen Downloadpraxis geschuldeten Abwärtstrend der Film- und Musikindustrie belegen und vernachlässigen dabei die fortschreitende mediale Diversifizierung und Marktverschiebung hin zu den neuen Märkten für Software und Hardware, Computerspiele und Handyflatrates. Der Konsumgütermarkt in seiner Gesamtheit wächst nach wie vor, und das auch, weil medienkompetente Nutzer Netzinhalte auf Tauschbörsen bereithalten und tauschen, um der Flut der Veröffentlichungen mit einer eigenen Selektionsstrategie gerecht zu werden. Jene Werke, die individuell begeistern, werden in den meisten Fällen gekauft, oft sogar direkt bei den Urhebern. Als Beleg hierfür mag die direkte Proportionalität von hohen Downloadzahlen und gleichzeitiger Chartnotierung gelten. Auch war die Skala individueller Stilistiken und ihrer Anhänger noch nie so vielfältig wie heute. Viele dieser oft kleinteiligen Schöpfungen hätten ohne das Netz niemals den Weg zu Konsumenten gefunden.
Nur im schamhaften Flüsterton veröffentlichen die Branchen-Publikationen die Wachstumsschübe der neuen digitalen Vertriebswege, die noch vor kurzem vehement bekämpft wurden und gerade im Longtailmarkt der diversifizierten Kultursparten und Gattungen neue Rekorde erzielen.
Dennoch: Künstler und Kulturschaffende litten leider zu allen Zeiten in den Spannungsfeldern Monetarismus versus Utilitarismus, Massenmarkt versus Individualität und Einhegung versus Allgemeingut. Unzählige schwere Sozialfälle in den GEMA und KSK Sozialfonds sind nicht einer hemmungslosen Mediennutzung im Netz, sondern der mangelnden Vertretung von Künstler- und Urheberinteressen gegenüber ihrer Kulturindustrie und dem Stellenwert in der Gesellschaft geschuldet. So spricht die letzte weitgehendere Aktualisierung des Urhebervertragsrechts im Jahre 2002 Bände zur politischen Interessenlage der in Berlin gut vernetzten Industrieverbände, die ausschließlich die eigenen Marktmodelle protegieren.

Vergessen wir einmal, dass das industrielle Normativ rein wirtschaftlicher Überlegung über 90% der weltweit urheberrechtlich geschützten Werke verwaisen oder unveröffentlicht lässt, um eine auf den Massenmarkt zentrierte Auswertung zu bevorzugen.

Und vergessen wir einmal die unsägliche Metaphorik geistiger und materieller Güter, die bereits an den Begriffen Rivalität und Knappheit scheitert und in der Verhältnismäßigkeit des Abmahnwesens ihre zweifelhafte Durchsetzung gefunden hat.

Bereits in den 1960ern kritisierte der Kulturphilosoph Adorno die kulturindustriellen Auswirkungen der Abkehr von einem liberalen und autonomen Kulturbild. Statt kritischem Impetus bezüglich gesellschaftlicher Veränderungen verknüpfte die Industrie ihre eigenen Wünsche mit der Produktion von Kultur bis zur Ununterscheidbarkeit. Sicher übersah Adorno dabei die kulturelle Sprengkraft meist im Untergrund gewachsener rockmusikalischer Subversion und Rebellion, die aber letztendlich oft mit der grenzenlosen Vermarktung ihre eigentliche Intension verlor.
So fördert die Unterhaltungsindustrie hauptsächlich jene Werke, die dem Bekannten ähnlich genug sind, denn nur so ist eine breite Konsumentenantwort sicher, während die bereits erprobten Muster der Vermarktung ein geringes Risiko für Investitionen darstellen. Diese Wechselwirkung von breitem Konsumenteninteresse und dosierter künstlerischer Innovation ist bezeichnend für die chartorientierte Unterhaltungsindustrie, die jahrzehntelang Produktions- und Vertriebswege kontrollierte und gleichzeitig kreative und gesellschaftsfördernde Innovationen hemmte.

Die technologische Revolution des Netzes in den letzten beiden Jahrzehnten hingegen eröffnete mit immer günstiger verfügbaren Produktionsmitteln wie Kameras, Schnitt- und Musikprogrammen ein breites Feld der wachsenden kreativen Partizipation und Abkehr von passiver Kulturrezeption. Gleichzeitig wuchs jedoch das Konfliktpotential mit dem klassischen Urheberrecht proportional, das bisher nicht von einer bidirektionalen Nutzung und unmittelbaren Interaktion mit urheberrechtlich geschützten Werken ausging, sondern alleine die Rechtsbeziehung zwischen Urheber und Verwerter behandelte.
Doch gerade im Zuge der neuen Nutzungsarten entstehen nicht nur neue Werke und ein Koordinatensystem der Verschränkungen und ihrer Vererbung, sondern ein fließender und kommunikativer Austausch und damit die Voraussetzung für die Evolution kultureller Potentiale. Ein Widerspruch der nur mittels einer grundlegenden Anpassung des restriktiven Urheberrechtes der Vergangenheit aufzulösen ist.

Wer den Begriff der Allmende in der Urheberrechtsdiskussion fallen lässt, macht sich schnell des modernen Marxismus verdächtig, denn der staatenlose Philosoph definierte den Tauschwert von Waren als ein zentrales Paradigma, welches in der digitalen Welt des verlustfreien Kopierens eine besondere Bedeutung erfährt.
Dem gegenüber steht jedoch die Willkür restriktiver Einhegung, denn Eigentumsbegriffe waren immer flexibel und nie so strikt definiert wie heute. Diese ständige, durch neue globale Handelsabkommen flankierte nutzungsrechtliche Verengung betrifft bei weitem nicht nur Immaterialgüterrechte, wie kulturelle und wissenschaftliche Schöpfungen, sondern ist die Spitze des Eisberges der Konflikte um elementare Ressourcen und territoriale Ansprüche. Bereits im Code Napoleon war Privateigentum mit einer gleichzeitigen Verpflichtung der Nutzung verbunden, die heute längst einer Sicherheitsverwahrung gleichkommt und im Falle der unlizensierten Nutzung unweigerlich horrende Abmahnungen und Schadenersatzansprüche nach sich zieht.

Die Folgen dieser Einhegung von Urheber- und Leistungsschutzrechten sowie Patenten lassen sich besonders gut im Telekommunikationsbereich beobachten. Auf einem existenzbedrohenden Niveau kämpfen die Giganten der Branche zum Leidwesen kleiner Anbieter in unverhältnismäßigen, millionenschweren Patentverfahren.

Es ist unzweifelhaft, dass Schöpfer geistiger Güter nicht nur angemessen honoriert werden müssen, sondern auch eine bessere Absicherung für ihre häufig unwägbaren Lebensumstände benötigen.
Die Einzelverrechnung von Werknutzungen ist bereits in der Vergangenheit als nicht zu handhabendes Verfahren gescheitert, ihre Wirkungslosigkeit ist im Internet offensichtlich. „Trittbrettfahrereffekte” betreffen nicht nur Passanten von Konzerten, unlizensierte Aufführungen, legale Privatkopien und sonstige Schranken des Urheberrechtes, sondern sind Teil der Idee eines freien Netzes der Teilhabe aller. Eine Teilhabe die bei den Segnungen von freiem HTML, Email, Protokollen und Infrastruktur für Individuen und Konzernen bis zur Verfügung von Wissensdatenbanken, Kulturgütern und Ideen reicht.

Pauschalabgaben haben sich in der Vergangenheit bewährt, während moderne Finanzierungsmodelle wie Crowdinvesting, Crowdfunding und Micropayments in den Vereinigten Staaten ihren Siegeszug angetreten sind. Erst ein breiter gesellschaftlicher Diskurs kann die Debatte entzerren und vom Urheberrechts-Alibi zum eigentlichen Thema lenken: Was ist der Gesellschaft Kunst und Kultur wert?

Globale Probleme der Überproduktion, externalisierter Kosten, Umweltschäden und irreparabler sozialer Imbalance haben eine gemeinsame Wurzel und eine ähnliche Ausgangslage. Die Allmende ist kein protoromantischer postkommunistischer Garten Eden. Sie muss als Gegengewicht zur ausnahmslos kapitalistischen Ausrichtung dem allgemeinen Interesse einen wegweisenden Akzent verschaffen. Studien wie “Sharing – Culture and Economy in the Internet Age” von Philip Aigrain errechnen mit Hilfe empirischer Daten und mathematischer Modelle des Filesharings einen moderaten Pauschalbetrag zur Honorierung der Leistung von Urhebern. Bevor jedoch die Diskussion um eine Pauschalabgabe für Filesharing beginnen kann, müssen grundlegende Weichenstellungen erfolgen. Neben der öffentlichen Debatte um Höhe und Funktionsweise kommt gerade der Erhebung und Verteilung von Pauschalen besondere Bedeutung zu. Im Sinne eines grundsätzlichen Datenschutzes verspricht der Vorschlag der Kulturwertmark des Chaos Computer Clubs höhere Praktikabilität gegenüber den bisher favorisierten Flatratemodellen, verlangt vom Nutzer aber auch mehr Medienkompetenz. Allem voran müssen jedoch die Verteilungsschlüssel der bisherigen und zukünftigen Pauschalen einer grundlegenden Überprüfung unterzogen werden. Eine der größten Verwertungsgesellschaften, die GEMA, bedient nur angeschlossene GEMA Mitglieder und weigert sich bis heute, ein gerechtes Verteilungsmodell zu installieren und Werkteile unter der Creative Commons Lizenz zu veröffentlichen. Hierdurch werden jene Urheber in eklatanter Weise benachteiligt, der kleinteilige Werkrepertoires vertreten, jedoch in der Summe den größten Teil des Marktes ausmachen.
Der Diskurs um die freie Weitergabe nichtkommerziellen Ausmaßes, die freie lizenzfreie Vermittlung von Wissen, die Befreiung von Künstlern und verwaisten Werken aus Schutzfristen und anderen Begrenzungen mag Modellcharakter für andere Bereiche der gesellschaftlichen Debatte haben und sie beginnt – wie sollte es anders sein – in der Kunst, der Kultur und bei ihren Protagonisten und beginnt mit einem Eingeständnis: Das Netz macht alle zu Kreativen.

Ein Furz bekommt keinen Shitstorm

Replik auf Agnes Krumwiedes Kommentar zur Urheberrechtsdebatte in der TAZ
Agnes, als grüne Kulturpolitikerin und begeisterte Verfechterin des Gleichnisses „Panem et digital“ prangerst Du die aufgeladene Debatte um Urheberrechte an und eröffnest unvermittelt mit der typisch verkürzten Darstellung der von der Piratenpartei geforderten Urheberreform. Dabei beweist Du, wie sehr Dir das Medium Internet und die Befreiung der Kreativen von dem Verwerternadelöhr fremd geblieben ist, auch verkennst Du das Inspirationsfeedback, welches durch das Netz eine nie gekannte kulturelle Breitenwirkung entwickelt hat. Mehr noch irritiert mich, dass eine geschulte Pianistin, Musikpädagogin und Kulturpolitikerin kein bisschen von Adornos Kritik an der Kulturindustrie und dem Joch der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Urheber verinnerlicht hat. Stattdessen reihst Du Dich unkritisch bei den 100 Handels-Plattköpfen pro „geistiges Eigentum“ Metapher ein und beschädigst so die Netzpolitiker Deiner eigenen Fraktion. Die Unterscheidung von öffentlichen Gütern und Club- und Mautgütern in Relation zum Netz scheint Dir genauso fremd wie Selektionsmechanismen und die klare Unterscheidung von Urheber- und Leistungsschutzrechten.

Dann singst Du noch die Litanei auf Dein jahrelanges Studium des klassischen Klaviers, welches Dich viel Geld, Mühe und Zeit gekostet hat. Da frage ich mich doch, wo da eigentlich der Spaß am Musizieren geblieben ist. Als klassische Klavierlehrerin und Konzertpianistin schöpfst Du größtenteils aus dem Repertoire verstorbener Urheber, kopierst die auf Papier gedruckten Visualisierungen und Aufführungsanweisungen eines musikalischen Werkes in die klingende Sphäre Deiner Konzertbesucher. Im Sinne des so viel zitierten Urheberrechts handelt es sich hierbei um verwandte Schutzrechte und keine Neuschöpfung, um eine Interpretation eines urheberrechtlich geschützten Werkes. Und wenn wir neben Deinem Auftrittshonorar – das nach Deiner Bundestagszeit sicher nicht gering sein wird – die Tantiemen für den ursprünglichen Schöpfer hinterfragen, entfallen allenfalls kleinteilige Beträge über den Verlag und die Verwertungsgesellschaft. Diese Tantiemen werden dann nach einer langen Kette der Abzüge an die Nachfahren des Komponisten ausgeschüttet, sofern er nicht schon länger als 70 Jahre tot ist und auch ordentliches Mitglied einer Verwertungsgesellschaft war oder einen weitreichenden Verlagsvertrag abgeschlossen hatte, der auch noch postum jede noch so kleine Veränderung im Notenbild als urheberrechtliche Bearbeitung rechtfertigt. Fällt Dir eigentlich auf, wie selektiv diese veraltete Kette ist? Und Du glaubst, das braucht keine grundlegende Reform von Urheberrechten, Urheberrechtewahrnehmungsgesetz und ein anständiges Urhebervertragsrecht?
Nein, nicht der Erlös von Kreativen gegenüber seinen Hörern braucht Schutz, sondern der kreative Erlös muss vor übermäßigem Zugriff jener Verwerter beschützt werden, die so sehr darauf hoffen, Auswertungsrechte bis in die Ewigkeit geltend machen zu können.

Doch weg von den schönen Künsten höherer Töchter und Söhne, hinein in den schmutzigen Underground der Mitte 80er Jahre und damit in die Niederungen dessen, was der Unterhaltungsindustrie ihren so halbseidenen Ruf angedeihen ließ. Die Verwerterindustrie verteidigte damals noch offen und unbarmherzig ihr Monopol auf Produktion, Herstellung, Vertrieb und Promotion vor der aufkommenden Independentbewegung. Eine Bewegung, die man wenig zimperlich zwischen musikalischer Anarchie und revolutionärem Untergang des Abendlandes brandmarkte. Sven Regener von Element of Crime sollte sich vielleicht mal dieser frühen Tage seiner eigenen kreativen Hochphase besinnen, wenn er jetzt über den „golden shower“ der Netzgeneration ranted und im gleichen Atemzug medizinisch biologische Euphemismen wie den „Verlust der endemischen Musik“ prägt.
Damals, als Veröffentlichungen nur mit einem von IFPI und GVL streng gehüteten Labelcode in das Presswerk, in den Handel oder auf die Radioplaylisten ihren Weg fanden. Damals als Chartspositionen von exklusiven Tippern ausgelost wurden, nachdem sie luxuriöse Urlaubsreisen und andere nützliche Aufwendungen zur besseren Orientierung von willfährigen Labelbossen erhalten hatten. Damals, als die GEMA die höchsten Lizenzsätze für die mechanische Vervielfältigung von Independents forderten.

Im Vergleich sind heutzutage kulturelle Werke und ihre Vermittlung umfassend demokratisiert. Der große Traum – der auch mal grün war – einer befreiten, künstlerisch schöpfenden Menschheit anstelle Verwerter subventionierter Kulturschöpfung scheint greifbar nah. Und in der Tat: Noch nie gab es so viele Kreative in allen Bereichen der Kunst, die sich inhaltlich transformationell, thematisch inspiriert oder motivisch zitierend aus dem Ozean der Kulturen bedienen, neu veröffentlichen und so den Schatz der Zivilisation weiterentwickeln. Das findest Du jetzt idealisierend? Sicher, demographisch betrachtet konsumiert die große stille Masse, hat die sinnstiftende und persönlichkeitsfördernde eigene Kreativität noch nicht entdeckt. Dennoch, allen Menschen muss der Weg zur Teilhabe offen stehen, schon alleine da die Rezeption zur schöpferischen Kommunikation gehört wie das Medium Luft, in dem sich Musik nur ausbreiten kann. Schöpfen ist ein Grundrecht, davon zu Leben war noch nie eines und wird es nie sein.

Und wenn wir jetzt endlich – wirst Du Dir denken – vom ideellen zum wirtschaftlichen Aspekt wechseln: Zu allen Zeiten hing der finanzielle Erfolg kultureller Schöpfungen von dem Multiplikator der konsumierenden und oft fern gesteuerten Masse ab. Früher in der wohl behüteten Hand der Stakeholderindustrie hat sich dieser Multiplikator ebenso diversifiziert und umgekehrt proportional ausgerichtet wie der ihm demgegenüber zunehmende Longtail der Schöpfungen. Es gab noch nie so viele Werke, Stile und Gattungen wie heute. Daneben buhlen DVDs, Videospiele, Bluray, Handy und DSL Flatrate, Social Networks und das Web 2.0 um das Aufmerksamkeitspotential des Konsumenten. Diese kulturelle Vielfalt bedeutet aber im Umkehrschluss sinkende Verkäufe für das einzelne Werk, da eben nicht mehr alle das Gleiche hören. Die breitere geschmackliche Orientierung des modernen Konsumenten verlangt nach einem selektiven Werkzeug, das die Flut der Veröffentlichungen bändigen kann. Die Verwerterwelt hingegen kriminalisiert in gebetsmühlenartiger Permanenz das Paradigma von Gestern in drei Stufen: Die Predigt vom Untergang der kulturellen Schöpfung, die Entmündigung und Begrenzung der individuellen Nutzung durch DRM und zuletzt die Kriminalisierung eines medienkompetenten Nutzers, natürlich unter Beistand willfähriger Politiker.
Die Industrie hat nie den Beweis erbringen können, dass Werke die über Filesharing gratis bezogen wurden, gekauft worden wären, wenn es das Filesharing-Angebot nicht gegeben hätte. Ich wage sogar zu behaupten: In vielen Fällen hätte er sie auch gar nicht gefunden.

Dem gegenüber steht eine große Zahl von Medienbegeisterten, die das Prinzip Wertschätzung zum Kriterium ihrer finanziellen Kompensation gemacht haben und dafür sorgen, dass trotz Filesharing die Umsätze der digitalen Sales steigen. Die Piratenpartei fordert nicht die Abschaffung jeglicher Verwerterstrukturen, sondern eine umfassende Aufwertung der Rechte von Urhebern gegenüber den Verwertern, denn die restriktive, rein wirtschaftliche Wahrnehmung von Rechten hat den Fokus von der kontemplativen und sinnstiftenden Funktion der kulturellen Schöpfungen zur krampfhaft restriktiven Wahrnehmung von Auswertungen verlagert und damit die unverhältnismäßige Kriminalisierung vorangetrieben, die den meisten Urhebern selbst ein Dorn im Auge ist.
Das betrifft auch den letzten Punkt Deiner Argumentationslinie: Die Finanzierung kultureller Schöpfungen, für die der klassische Urheber bis heute oft Vertragsverhältnisse eingeht, die ihm nur eine kleine prozentuale Umsatzbeteiligung sichern, aber langfristig seiner Auswertungsrechte berauben und oft noch an zusätzliche optionale Veröffentlichungen gekoppelt sind. Dem gegenüber steht die steigende Popularität von Crowdfunding und Crowdinvestment, die dem Urheber die Finanzierung sichern ohne langfristige Rechte abzutreten. Darüber hinaus kann der Urheber bereits anhand der Zustimmung und Beteiligung seine Erfolgsaussichten abwägen.
Und was die langfristige Sicherung von Urhebern betrifft, kann sicher die Sozialabteilung der GEMA oder der KSK ein trauriges Lied singen: Wenn die Popularität ein Ende findet und die letzten Rechte verwertet wurden, lässt das Verwertersystem diese Urheber ins Bodenlose fallen. Ein lange überfälliges Urhebervertragsrecht haben weder Grüne, noch Sozialdemokraten in Zeiten der Regierungsbeteiligung etabliert.

Wenn Du dann Shakespeares Zeit zitierst, unterschlägst Du, das gerade das Copyright in England zu einer gesellschaftlichen Schieflage von Entwicklung und Fortschritt geführt hatte, während in Deutschland in Ermangelung eines Urheberrechtes das Innovationspotential sprunghaft in die Höhe schoss. Was dann auch wieder dem einzelnen Urheber zugute kam. Er war gefragt für Vorträge und Erklärungen, die über das im Werk Veröffentlichte hinaus gingen. Im England des Copyrights hingegen wurde – so wie heute – der Großteil der Urheber übervorteilt und mit minimalsten Buyouts abgespeist.
Nein, Agnes, Du und deine Partei, ihr schafft bis heute leider nicht den Spagat zwischen konservativer Kulturpolitik auf der einen und progressiver Netzpolitik auf der anderen Seite, denn ihr seid Euch fremd. Nur so erklärt sich die Schizophrenie in der grünen Partei. Du verteufelst die Übersetzung des ACTA Videos, während euer netzpolitischer Sprecher sich per Email dafür persönlich bedankt hat und alle grünen Anti ACTA Aktivisten auf den Demos dafür gesammelt Applaus spendeten. Und natürlich wissen wir heute alle, dass dieses Video überspitzt war. Es ist ein übersetztes Zeitdokument. Doch sollte es der bereits seit Jahren einseitig geführten Debatte und inhaltlich an Radikalität kaum zu überbietenden Zuspitzung durch Verwerterkampfbegriffe wie Raubkopie, der unbegründeten Umzäunung und Materialisierung von geistigen, öffentlichen Gütern und der Kriminalisierung breiter Gesellschaftsschichten entgegenwirken. Nicht dieses Video hat zu den Protesten geführt – Es begann mit der europaweiten Solidarisierung von medienkompetenten Netzbürgern, die sich das immer weiter in die digitale Privatsphäre einbrechende, restriktive Verwerterrecht nicht mehr gefallen lassen wollte.

Doch erst die gemeinsam vorangetriebene Idee der freien Informationsgesellschaft, der Einfluss utilitaristischer und gemein fördernder Prinzipien statt der rein wirtschaftlichen Betrachtung von kulturellen Schöpfungen kann unserer Gesellschaft die lange erhoffte Befreiung von schöpferischen Leistungen im Dienste aller verschaffen. Lass uns in einem Jahrzehnt gemeinsam Resümee ziehen – Es ist eine spannende Reise ins Web 3.0 und der Wandel hat begonnen.

Kommentar zu den 100 Köpfen



Die Kommentare zu den einzelnen Beiträgen der 100 Köpfe befinden sich am Ende des Dokumentes.

Kommentar zu „Kreative, hört die Signale“

Bevor man sich im Detail mit der propagandistischen Großinquisition des Handelsblattes „Kreative hört die Signale“ und „Mein Kopf gehört mir“ auseinander setzen kann, muss man die Vorgeschichte beleuchten, aus welcher die Initiative zu dieser und noch vielen folgenden Beiträgen hervorging und die Fehlinformationen bewusst in Kauf nehmend, einsetzt.
Das Verlagshaus Gruner + Jahr hat bereits in der brancheninternen Publikation Musikwoche und dem angeschlossenen Mediabiz Portal in der Ausgabe Woche 12 die interne Kampagne „Kreativität schützen, Vielfalt bewahren“ vorgestellt. Man will mit dieser Kampagne die eigene Medienmacht in denn 500 angeschlossenen Publikationen nutzen und „ratlose und inaktive Politiker .., ihr kritikloses Eintreten für Providerinteressen, … die Meinungshoheit weniger Blogger …“ mit dem „O-Ton der Wut von Urhebern“ auf Kurs der … Kreativindustrie in ihrem Kampf um das Überleben und gegen politische Ignoranz“ bringen.
Gruner und Jahr beweist gerade mit dieser Kampfansage die Nichterfüllung einer grundlegenden journalistischen Neutralität. Mit dem Begriff des „Qualitätsjournalismus“ begründete man in der Vergangenheit die Kampfansage gegen Blogs und Internetjournalismus.

Die inhaltlich deckungsgleichen Kommentare von Sven Regener oder den 51 Tatort Drehbuchautoren weisen in die gleiche Richtung einer falschinformierenden Kampagne gegen die Piratenpartei.

Damit bestärken Verlage nicht nur unser Bestreben gegen die restriktiven Forderungen eines Leistungsschutzrechtes für den Journalismus im Internet, sondern fordern einen besonderen Schutz individueller und freier Publikationen, die nicht unter dem Druck von Verlagsvorgaben entstanden sind.

Der Artikel selbst beginnt mit einem inhaltlich schwach recherchierten Auftakt, dem die besagten 100 Köpfe mit individuellen Statements folgen.
Bereits in der Einleitung wird die Piratenpartei mit schweren Anschuldigungen konfrontiert und ein einziger Teilbereich aus dem Kontext des kompletten Programms isoliert und zum anarchistischen Aufruf der Freibeuterei mutiert: „Alles umsonst, Enteignung aller Rechte“. Eine Forderung, die jeder Grundlage entbehrt und in keiner Form in unserem Parteiprogramm gestützt wird.
Den schwachen ersten Zitaten, die tendenziös die „piratige“ Nichtentlohnung von schöpferischer Tätigkeit dokumentieren sollen, obliegt auch die größte Schwäche des gesamten Artikels. Statt auch utilitaristische und sinnstiftende Motivation des Urhebertums darzustellen, wird plump auf das vordergründige und monetäre Interesse jeder schöpferischen Tätigkeit reduziert. Eine Wahrnehmung, die dokumentiert, wessen Geistes Kind diese Kampagne ist: Der Verwerterindustrie.
Darüber hinaus verwechselt der Autor häufig wissenschaftliche Unterscheidungsmerkmale von öffentlichen Gütern mit dem von der Piratenpartei so häufig als irreführend bezeichneten und deshalb abgelehnten Begriffes „geistiges Eigentum“. Noch schwerwiegender erscheint jedoch die unentwegte Gleichstellung von „geistigem“ und „physischem“ Eigentum. „Physisches Eigentum“ verschwindet durch den Raub, „Immaterialgüter“ können per se nicht geraubt, sondern nur kopiert werden. Eindeutiger Piratenstandpunkt ist hingegen: Wer „Immaterialgüter“ als eigenes Werk deklariert oder weiter veräussert macht sich strafbar.
Der private Download ist hingegen die kulturelle Technik eines medienkompetenten Bürgers. Dank der Demokratisierung von Vertriebs-, Produktions- und Marketingkanälen im Internet nutzt sowohl der Urheber als auch der Konsument diese Technik zum zum Vertreiben und Bewerben, zum Vorhören und Selektieren. Im Falle des Gefallens wird häufig gekauft – das hat die Industrie bis heute auch nicht widerlegen können.
Der generelle Umsatzeinbruch der herkömmlichen Unterhaltungsindustrie liegt hingegen an vielen Faktoren, zuerst jedoch an der mangelnden Flexibilität und Blockierung des Angebots und der Inhalte, aber auch an der Diversifizierung eines kulturell mannigfaltig gewachsenen Angebots verschiedenster Genres und der individualisierten Form von Selbstdarstellung und Eigenkreativität des Konsumenten, die sich besonders in der transformationellen Nutzung widerspiegelt. Öffentliche Güter, sogenannte Mischgüter (Allmende und Gemeingüter) sowie Mautgüter unterscheiden sich in ihrer Nutzung und der damit verbundenen Lizenzierung wesentlich.
Die Vereinfachungen des Autors und einer ganzen Industrie werden nicht der Debatte um Urheberrechte gerecht, sie verzerren die Wahrnehmung aber auch die Verhältnismäßigkeit von rechtlicher Durchsetzung ins Extrem: Die „raubtierkapitalistische“ Auswertung von Medienkonzernen, die längst den Anschluss an die moderne Informationsgesellschaft verpasst haben, wollen um jeden Preis ein veraltetes Auswertungsrecht der physischen Welt unskaliert auf die Netzwelt anwenden und die Urheber weiterhin in restriktive und einseitige Vertragsabhängigkeiten einer umfassenden und auf alle Nutzungsarten anwendbare Auswertung zwingen.
Der flachen und impertinenten Gleichstellung von Urzeitmenschen und Piraten stellen wir gerne die Ideen des Kulturphilosophen Adorno entgegen, der die Unterwerfung des Nichtidentischen und Nichtverfügbaren durch die Mechanismen der verwalteten und vermarktwirtschaftlichten Welt, den Konsum in der Kulturindustrie als einzige antreibende Motivation der Verwerterbranche kritisierte.
Wenn dann der Autor sogar in die Trickkiste der Aufklärung und Klassik zur Untermauerung eines Urheberrechtes greift, verdreht er die Tatsachen. Durch das Aufkommen der Verlagswelt, die im Notendruck ihr Geschäftsmodell witterte, wurde gerade die künstlerische Freiheit auf das stärkste beschnitten. Galt es im Barock noch als stilistischer Adelsschlag und Huldigung der großen Vordenker, Melodien, musikalische Motive und Ideen in eigene Kompositionen einzuweben, so verarmte das restriktiv von Verwertern eingeführte Urheberrecht diese Kulturtechnik. Und auch heute melden viele Urheber noch immer ihre Werke lieber als Coverversion anstatt als Bearbeitung an, um dem Konflikt mit Verlagen aus dem Weg zu gehen. Genauso trifft das „Sampling“ Urheber, die daraus kreative und spannende neue Inhalte schaffen, immer wieder hart. Würden Verwerter wirklich Urheberinteressen unterstützen, so wären bereits unzählige Erschwernisse für Urheber beseitigt worden. Erschwernisse, an denen in besonderem Umfang die vielfältig verzweigte Verwerterindustrie verdient.
Der Autor hat hingegen Recht, wenn er die Datensammelwut und das Erfolgsmodell großer Konzerne wie Google und Facebook kritisiert. Aber auch hier unterscheidet sich die Position der Piraten nicht maßgeblich.
Wenn er jedoch behauptet, Piraten wären nur Programmierer und keine Urheber, so versucht er wieder ein Klischee zu bedienen. Denn gerade Piraten haben umfassende Vorschläge zur Opensource Technologie bei Software entwickelt, sind als Urheber tätig und betrachten beide Seiten der Informationsgesellschaft: Die Position von Urheber und Nutzer.
Besonders erschreckend ist jedoch das Verschweigen unserer umfassenden Positionen zum Urheberrecht, die sich in einem 50-seitigen Antrag zur Reform darstellen, der sogar bereits von einigen Lobbyvertretern der Verwerterschaft als diskussionswürdig bezeichnet wurde. Ebenso fordert die Piratenpartei ein neues Urhebervertragsrecht, das dem Urheber gegenüber den Verwertern und der Unterhaltungsindustrie weitreichende Rechte einräumt.
Wer jedoch versucht einseitig Politik, Gesellschaft und Urheberschaft zu instrumentalisieren, wie in diesem umfangreichen Artikel geschehen, braucht sich nicht über ein sinkendes Vertrauen in die Publikationen des eigenen Hauses wundern. Wir Piraten stehen für einen fairen und gerechten Ausgleich zwischen Urheber und Konsument.

Kommentar zu „Mein Kopf gehört mir!“

Entgegen der Vorabinformation, dass es sich großteils um die Stimmen aktiver Urheber handeln würde, sind es dann doch nur größtenteils männliche Verwerter, Verlagschefs und Schauspieler, die zu Wort kommen. Eine Elite, die heute in besonderem Maße mit ihrer Durchsetzung von Verwertungsrechten und Leistungsschutzrechten an den Erlösen von wirklichen Urhebern profitieren.
Auch hier gilt: Statt Urheber zu stärken, werden Verwertungsrechte im Schafspelz eines veralteten Urheberrechtes aufgetragen und dringend erforderliche Reformen zu Gunsten eines gerechten und direkten Ausgleiches zwischen Urheber und Konsument blockiert.
Die zitierten Schauspieler betrifft das Urheberrecht im Internet übrigens genausowenig wie bildende Künstler oder Modedesigner. Darüber hinaus fällt neben unreflektierten Kommentaren besonders häufig eine durchaus kritische, mitunter ablehnende Haltung gegenüber der Intension des Handelsblattes auf. Hat man allen ernstes gehofft, das nur die Anzahl der Teilnehmer und nicht ihre Aussagen gezählt werden?
Darüber hinaus sprechen sich fast ausschließlich die klassischen Verwerter und nicht-kreativen Befragten gegen eine Reform des Urheberrechtes aus. So weit sind wir dann wohl nicht voneinander entfernt.

Julia Friedrichs, Schriftstellerin

Sehr geehrte Frau Friedrichs,
Sie sind der Lüge der Verwerter aufgesessen. Klauen hat nichts mit Kopieren zu tun und auf viele Künstler wird der Konsument erst durch den Kulturozean Internet aufmerksam. Das Internet bedeutet Freiheit für Urheber, weg von den Gatekeepern geistiger Schöpfungen.

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Bundesjustizministerin

Sehr geehrte Frau Leutheusser-Schnarrenberger,
d´Accord, wir brauchen neue Wirtschaftsmodelle für die direkte Vermarktung. Jedoch waren Sie lange genug in den Gremien und Komissionen tätig, um wirkliche Reformen anzustoßen. Reformen die bis heute nicht stattgefunden haben. Sie müssen ja auch noch taktieren.

Rolf Dobelli, Get Abstract

Sehr geehrter Herr Dobelli,
wenn man sich die heutige Unterhaltung zwischen öffentlich-rechtlichem und privaten Fernsehen anschaut, fördert gerade die Unterhaltungsindustrie größtenteils ihre “Eventclowns”. Kultur ist viel mehr und sie braucht Freiheit und Teilhabe.

Juli Zeh, Schriftstellerin und Juristin

Sehr geehrte Frau Zeh,
Sie differenzieren und fragen, ob wir wirklich alles umsonst wollen. Wir wollen einen fairen und direkten Ausgleich ohne die monopolistische Verwertermacht von Gestern.

Ernst Schmachtenberg, Rektor der Technischen Hochschule Aachen

Sehr geehrter Herr Schmachtenberg,
aus Ihrer Antwort stellt sich uns die Frage: Was wurden die 100 Köpfe genau gefragt? Sie sprechen das an, was wir auch für richtig halten. Außer dem Begriff des “geistigen Eigentums”, den wir nicht mögen, da er zu einfach ist. Als Metapher mag er funktionieren, dann aber auch nur mit metaphorischer Entlohnung, dem Lob oder der Empfehlung.

Christopher Teuner, n-tv Moderator

Sehr geehrter Herr Teuner,
Sie sprechen nur von leistungsschutzrechtlichen Inhalten, nicht vom Urheberrecht.

Helmut Thoma, Ex-RTL Chef

Sehr geehrter Herr Thoma,
wir glauben Ihnen ungesehen, dass Sie nur für Geld aktiv werden. Kunst und Kultur folgt jedoch einem inneren Reflex des Kreativen und will zuerst einmal nur Rezeption. Vielleicht kommen Sie ja mal drauf, es ist nie zu spät.

Bert Rürup, Maschmeyer Rürup AG

Sehr geehrter Herr Rürup,
wir fragen uns ehrlich, wie sie den Bogen von einer weiteren Schranke des Urheberrechts zur Stärkung der Privatkopie mit dem Untergang unserem, der Wissensgesellschaft verpflichteten Wirtschaftsmodell hinbekommen. Gerade die Freiheit von Wissen beflügelt neue Werke. Unzählige verlegte Dissertationen – im doppelten Sinn – gibt es nur für horrende Beträge zu kaufen. Trotzdem dürfen diese Urheber ihre Werke nicht einmal selbst im Netz publizieren. Wem ist dadurch geholfen?

Prof. Fritz Vahrenholt, Autor

Sehr geehrter Herr Prof. Vahrenholt,
auch sie glauben an den alleinigen Antrieb von Wissensdurst und Schöpferkraft durch Monetarismus. War das damals Ihr Antrieb für die akademische Laufbahn?

Arnd Haller, Google
Sehr geehrter Herr Haller,
genau, es geht um eine Reform des Urheberrechts an die moderne Informationsgesellschaft. Für den Urheber und für den Nutzer.

Dieter Hahn, Medienunternehmer

Sehr geehrter Herr Hahn,
Sie gehören also zu jener Spezies, die gerne unverhältnismässig kontrolliert und spioniert, um an einem veralteten Zahn um Zahn Verwertermodell, an welchem die Urheber am wenigsten verdienen, festzuhalten?

Helmut Heinen, Präsident des Bundes Deutscher Zeitungsverleger

Sehr geehrter Herr Heinen,
die wahre Vielfalt der Medien begann erst mit dem Internet. Davor gab es das Nadelöhr der wirtschaftlich-politischen Selektion kultureller Güter durch Medienoligopole.

Hartwig Masuch, BMG

Sehr geehrter Herr Masuch,
als Musikverleger geht es Ihnen vor allem um Musik und einen Rechtekatalog, der noch lange nach dem Tod des Urhebers Rendite erwirtschaftet. Sie wollen natürlich über einen Song unstrittig für sämtliche Asuwertungsarten verfügen können. Musik braucht zur akustischen Übertragung Luft. Genauso wie es unsinnig wäre, von jedem Passanten eines Openair Konzertes, der das Lied der Stunde mitsummt, eine Gebühr zu erheben, so unsinnig ist es, jeden Download mit einer Gebühr oder gar einer unverhältnismäßigen Abmahnung zu belegen. Das Internet ist der digitale Äther der Informationsgesellschaft. Und die Downloader oder Streamer sind die Passanten. Wenn denen Ihr Lied gefällt, wird er es auch kaufen.

Thomas Middelhoff, Ex-Bertelsmann Chef

Sehr geehrter Herr Middelhoff,
wen meinen Sie mit den treibenden Kräften, die Liberalisierung und Schutz des geistigen Eigentums gleichermassen vorantreiben wollten? Ihre Firma? Deutsche Rechteinhaber? Das sogenannte Web 1.0 wurde von unzähligen Entwicklern in großen Stücken unentgeldlich zu dem gemacht, was es ist: Der Ozean der freien Wissensgesellschaft von Morgen. Sie und Ihre hochdotierten Freunde aus den Chefetagen der Medienkonzerne haben dank dieser Leistungen fürstlich verdient, auch wenn Ihre eigenen Beiträge zur Netzgesellschaft eher bescheiden waren: Sowohl der AOL Einstieg, als auch die Napster Übernahme waren wenig erfolgreich, noch innovationsstiftend. Nein, das Netz verödet nur durch die unentwegte Bedrohung aus Kontrolle und Verlust der Neutralität.

Volker Rieble, Rechtsprofessor
Sehr geehrter Herr Rieble,
Sie sagen es, Ideen und Wissen sind nicht geschützt. Ihre Sichtweise ist differenziert und umschifft bewusst den hier angefragten Begriff “geistiges Eigentum”. Wir sollten uns mal treffen. Piraten freuen sich über den qualifizierten Input. Das steigert die Schwarmitelligenz.

Bernd Buchholz, Vorstandschef Fruner + Jahr

Sehr geehrter Herr Buchholz,
wer so wie Sie in einem Verlagshaus mit 500 Publikationen zum einseitigen journalistischen Feldzug gegen Ideen der Piraten ruft (Mediabiz), verstößt nicht nur gegen eine journalistisch ausgewogene Berichterstattung, sondern möchte seine Medienmacht gewalttätig und aggressiv für die eigenen Auswertungsinteressen einsetzen.

Raimund Stecker, Direktor des Lehmbruck Museums

Sehr geehrter Herr Stecker,
Sie sprechen Wahres: Wer kein Geld hat, kann seine Ideen nicht umsetzen. Wir fördern gezielt neue Modelle wie Crowdfunding, Sellaband, Flatter u.v.a., um Urheber aus langfristigen Knebelverträgen der Industrie zu befreien. Konzerne die nur noch mit Geld winken, denn die Infrastruktur wurde ja bereits aus den monopolistischen Fängen der Verwerter befreit.

Christian v. Zittwitz, Verleger und Journalist

Sehr geehrter Herr Zittwitz,
Sie glauben wohl auch nur an die rein monetäre Idee von Kultur. Und wer will den alles gratis? Lesen Sie unser Programm, bevor sie sich dazu äussern.

Peter Altmaier, parlam. Geschäftsführer der Unionsfraktion

Sehr geehrter Herr Altmaier,
genau, das Urheberrecht war und ist einem stetigen Wandel unterzogen und es wurde bisher immer von Verwertern und Verlagslobbyisten geschrieben. Es wird Zeit für eine Urheberrechtsreform im Sinne des Urhebers und des Nutzers. Es wird Zeit, dass Urheber und Nutzer ein eigenes Urheberrecht verfassen.

Priska Pasquier, Galeristin

Sehr geehrte Frau Pasquier,
richtig, denn es kommen mal wieder vor allem Verwerter zu Wort.

Utz Claasen, Ex-Chef EnBW

Sehr geehrter Herr Claasen,
es fing ja gut an, aber dann waren auch Sie bei dem Begriff, der eindeutig zu polemisch verwendet wird und in seiner eigentlichen Bedeutung widersprüchlich und revisionistisch geprägt ist: Geistiges Eigentum.

Michael Spreng, Medienberater

Sehr geehrter Herr Spreng,
uns als kulturfeindlich zu stigmatisieren zeigt, wie wenig Sie sowohl den Wandel zur Informationsgesellschaft als auch unser Urheberrecht begriffen haben. Ich empfehle die Lektüre unseres Parteiprogramms.

Michael Konken, Vorsitzender Deutscher Journalisten Verband

Sehr geehrter Herr Konken,
vom Leistungsschutzrecht im Internet hat der einzelne Journalist gar nichts, denn die meisten Journalisten müssen ?Total Buy Out? Verträge unterschreiben, die sämtliche Beteiligungen ausschließen.

Lothar Leonhard, Chairman Ogilvy & Mather

Sehr geehrter Herr Leonhard,
wir wollen klare Gesetze und ein Urheberrecht, das dem Wandel zur Informationsgesellschaft gerecht wird. Aber eine Kopie ist kein Raub.

Wolfgang A. Herrmann, Präsident der techn. Universität München
Sehr geehrter Herr Herrmann,
Sie sprechen fast ausschließlich vom Patent. Wäre also eine Themaverfehlung. Das Patent- und Urheberrechte eine Reform benötigen, dürfte Ihnen aber auch klar sein.

Maria Furtwängler, Schauspielerin

Sehr geehrte Frau Furtwängler,
als Schauspielerin betreffen Sie ja die Urheberrechte nur peripher als Leistungsschutzrechte oder sogenannte dem Urheberrecht verwandte Schutzrechte. Natürlich verbietet Ihnen das keine Haltung zum Urheberrecht. Trotzdem müssen wir Ihnen vehement widersprechen, wenn Sie das Wort Diebstahl benutzen. Etwas was kopiert wird, ist nicht gestohlen. Der Begriff Raubkopie ist eine strategisch geschickt genutzte Metapher der Verwerterindustrie, um die restriktive Unterbindung zu rechtfertigen.

Hans-Hermann Tiedje, Ex-BILD Chefredakteur

Sehr geehrter Herr Tiedje,
wenn Ihre Bildzeitung schon nur den kleinsten Aspekt von Eigentumsrechten, die Persönlichkeitsrechte ernst nehmen würde, wäre viel gewonnen. So reihen Sie sich nun als vordergründiger Vertreter von Urheberrechten ein, der nur die eigenen Auswertungsrechte schützen will, aber gar nichts für selbstbestimmtes Urhebertum übrig hat. Im Jargon der “Raubmordkopierer” wäre das ein “Meuchelmörder”.

Philipp Welte, Vorstand Hubert Burda Media
Sehr geehrter Herr Welte,
mit parasitärer Nutzung meinen Sie sicher die transformationelle Nutzung von Werken anderer. Dass diese oft origineller ist als die Werke aus dem Hause Burda mag Sie an der eigenen Geschäftsidee zweifeln lassen. Fakt ist: Das beflügelt Kultur und macht Spaß.

Helge Hesse, Autor

Sehr geehrter Herr Hesse,
bei Ihrem Beitrag geht es wohl gar nicht so sehr um unsere weitere Schranke des Urheberrechtes für eine erweiterte Privatkopie im Netz, sondern um die Festschreibung alter Strukturen, in denen Sie groß geworden sind. Der Paradigmenwechsel in eine Kultur der Teilhabe bedeutet aber auch die Möglichkeit der transformationellen Nutzung. Dadurch sind mitunter Werke entstanden, die über das, was im Auftrag öffentlich rechtlicher Autoren fürstlich per GEZ finanziert wird, inhaltlich und kulturell weit hinaus gehen.

Markus Lüpertz, Künstler

Sehr geehrter Herr Lüpertz,
hier schreit niemand! Das Menschen sich auch aus der Informationsgesellschaft verabschieden können und in der Diaspora einer netzfreien Welt leben, ist ein selbstbestimmtes Menschenrecht. Das Andere aber das Netz als Befreiung vom verkrusteten und kulturkonservativen Monopolismus ohne Gatekeeper begreifen, ist auch ok. Leben und leben lassen und fair und direkt honorieren.

Gaby Hauptmann, Autorin

Sehr geehrte Frau Hauptmann,
ich hoffe, Ihr schreiberischer Antrieb ist nicht nur dem Monetarismus geschuldet. Gerade das Netz hat viele neue Plattformen zur künstlerischen Entfaltung geschaffen. Noch nie haben gleichzeitig so viele Menschen publiziert. Genau deshalb müssen Konsumenten auch erst einmal selektieren um festzustellen, welche Werke ihnen wirklich etwas bedeuten und einen Kauf rechtfertigen: So etwas nennt man Filesharing. Was Ihre Arbeit betrifft: Wenn Sie einen Ihrer Romane als Drehbuch verkaufen, erhalten Sie direkte Honorare. Im Falle des öffentlich rechtlichen Fernsehens werden Sie bereits über die GEZ finanziert.

Franka Potente, Schauspielerin

Sehr geehrte Frau Potente,
die Qualität im öffentlich-rechtlichen Fernsehen hängt größtenteils finanziell von der GEZ ab. Was den Film betrifft, gibt es gerade über netzfinanzierte Konzepte großartige Förderung von unbekannten Künstlern. Wie schwer war das wohl damals, “Lola rennt2 zu produzieren? Wie viele Rechte musste Ihr damaliger Lebensgefährte Tom Tykwer wohl abgeben, um diesen Film zu realisieren? Heute kann der Urheber mit Crowdfunding sein eigener Chef bleiben, behält die Rechte und kann Dank günstiger Produktions- und Vertriebsmittel alles selbstbestimmt durchführen. Keiner redet rein. Wenn das nicht Kunst ausmacht.

Conrad Albert, Vorstand Pro Sieben Sat 1

Sehr geehrter Herr Albert,
die Sozialisierung von Immaterialgütern hat Ihrem Konzern unglaubliche Möglichkeiten geschenkt. Oder bezahlen Sie dem Schöpfer von HMTL und der Idee des Internets eine Lizenzgebühr? Und auch Sie haben wiederum nicht begriffen, dass der Begriff “Raubkopie” und die Gleichsetzung von Diebstahl und Kopie falsch sind. Sie möchten restriktiv für jedes geladene Bit Information kassieren und am Besten jede Email auf geschützten Inhalt kontrollieren? Das wird mit uns nicht möglich sein.

Antje Kunstmann, Verlegerin

Sehr geehrte Frau Kunstmann,
wenn Sie sich zu hundert Prozent Sven Regeners uninformierten Schwall an Vulgärausdrücken anschliessen können, haben Sie leider eine sehr begrenzte Vorstellung davon, wie Rezeption und Kundenfindung in der modernen Netzgesellschaft funktionieren. Als Verlegerin ist Ihr Hauptinteresse ja auch die Bindung von urheberischen Leistungen bis weit nach dem Tod der Autoren. Ihr antiquirtes Geschäftsmodell hat dann wenig mit einem fairen Ausgleich zwischen Urheber und Nutzer zu tun.

Stephan A. Jansen, Direktor des Civil Society Center

Sehr geehrter Herr Jansen,
auch Sie würden wir gerne einladen, denn Sie unterscheiden nicht in physischem und geistigem Eigentum, sondern führen die Begriffe öffentliche Güter und Mautgüter in Ihrer Erklärung. Wir stehen zur direkten Refinanzierung von Urhebern aus dem Verkauf Ihrer Werke. Wir verstehen nur die nichtkommerzielle Weitergabe im Netz als einen Vorgang der einer Kaufentscheidung vorangeht und frei sein soll.

Dietmar Karpinski, KNSK Werbeagentur
Sehr geehrter Herr Karpinski,
Ideen gehören niemanden. Und die Gleichsetzung der Begriffe „geistiges“ und „physisches“ Eigentum sind genauso tendenziös wie „Raubkopie“. Hier ging jede Verhältnismässigkeit sträflich verloren.

Nadeshda Brennicke, Schauspielerin
Sehr geehrte Frau Brennicke,
hat sich das Handelblatt eigentlich Ihren Text durchgelesen, bevor er gedruckt wurde? Denn er widerspricht der Intension der ganzen Kampagne sowie dem einleitenden Aufsatz. Sie haben begriffen, worum es geht.

Alena Gerber, Model und Moderatorin

Sehr geehrte Frau Gerber,
Als Model und Moderatorin werden Sie unmittelbar durch Honorare bezahlt. Sie beweisen in ihrem Beitrag eindrücklich, unser Programm nicht gelesen zu haben, wenn Sie behaupten, das Piratenforderungen Urheber zum Rückzug aus Geschäftsfeldern bewegen würden. Das Gegenteil wäre der Fall. Wir wollen Urhebervertragsrechte zur Sicherung gegenüber restriktiven Verwerterforderungen und wir wollen ein reformiertes und auf die modernen Medien angepasstes Urheberrecht.

Dietmar Kawohl, Musikproduzent

Sehr geehrter Herr Kawohl,
Als Ausreisser aller beteiligten Kommentatoren wünschen Sie uns direkt vor die Gerichte, bezeichnen unsere Forderungen dümmlich, wollen Sich auch noch an der Frau eines Piraten vergehen und mit diesem Beispiel physisches und geistiges Eigentum definieren. Unabhängig davon, das wir Ihr Frauenbild furchtbar finden, lassen wir Ihre Behauptung, wir würden Urheberrechte abschaffen wollen, nicht durchgehen.

Leslie Mandoki, Musikproduzent

Sehr geehrter Herr Mandoki,
auch Sie vergreifen Sich im Ton wahrscheinlich nur, weil Sie unser Programm nicht kennen und Sie von der Handelswoche und Gruner + Jahr ideologisch aufgeladen wurden. Und richtig, auch wir sehen Google, Facebook und Konsorten sehr kritisch. Wir wollen einen fairen Ausgleich. Wer mit kommerziellen Angeboten urheberrechtlich geschützte Werke weitergibt und daran verdient, ohne den Urheber zu entlohnen, ist kein Freund der Piraten. Wir wollen aber Konsumenten vor einem radikalen Zugriff der Verwerter schützen und dabei spielt übrigens auch der Datenschutz und die digitale Privatsphäre eine große Rolle.

Jette Joop, Modedesignerin
Sehr geehrte Frau Joop,
keine Angst: Mode lässt sich nicht herunterladen. Mehr hatten Sie zu diesem Thema ja auch nicht zu sagen, oder?


Frank Dopheide, Chairman Deutsche Markenarbeit

Sehr geehrter Herr Dopheide,
Irrtum – Ideen sind nicht geschützt und werden es auch nie sein. Ihre Idee, durch Werbung Geld zu verdienen hat Sie wohl sehr reich gemacht. Zum Glück darf aber auch jeder Andere eine Werbeagentur gründen.

Klaus G.Friese, Bundesverband Deutscher Galerien

Sehr geehrter Herr Friese,
Sie treten bei uns offene Türen ein, wenn Sie argumentieren, das Schutzfristen verkürzt werden müssen, da sie in ihrer jetzigen Form nicht den Urhebern nützen. Leider halten Sie sich auch an dem falschen Begriff „geistiges Eigentum“ fest. Gemein ist uns das Honorieren von Werken, die der Konsument auch wirklich besitzen möchte. Ebenso wollen wir den Urheber stärken und durch gesetzliche Änderungen motivieren, sich selbst zu vermarkten um einen größeren Teil des Erlöses direkt zu erwirtschaften. Die Ideen hierfür existieren und sie sind umsonst wie die Idee des Internets.

Ulrich Schacht, Schriftsteller

Sehr geehrter Herr Schacht,
Asoziale Demagogen – Als umstrittener Schriftsteller mit rechten Tendenzen dürften Ihnen beide Begriffe nicht einmal in gedruckter Form peinlich sein. Sie sind dennoch ideologisch aufgeladen und bringen uns in der Debatte der Reformierung von Urheberrechten nicht weiter. Sie verlegen dagegen die Diskussion in den Bereich des nautischen Vokabulars, das einem so komplexen Thema kaum gerecht wird. Wut ist ein schlechter Ratgeber.

Christoph Keese, Axel Springer

Sehr geehrter Herr Keese,
Nach der Aufklärung durften Urheber auch nicht mehr zitieren oder die Praxis des Einarbeitens fremder Motive als Hommage des Zitierten nutzen. Dadurch starb eine große Tradition von Barock bis Rennaissance aus. Heute nennt man das transformationelle Nutzung. Eine der vielen Dinge, die unsere Sicht des Urheberrechts zulassen möchte. Etwas was wir abschaffen möchten, ist hingegen das Wahlgeschenk, das Ihnen die gelb-schwarze Regierung mit einem restriktiven Leistungsschutzrecht für Journalismus im Internet gemacht hat.

Gottfried Honnefelder, Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Sehr geehrter Herr Honnefelder,
bereits in Ihrem Schulflyer des Börsenvereins fiel Ihre eklatante Unwissenheit bezüglich elementarer Kulturtechniken im Internet auf. Mit dieser Publikation verstärken Sie eine zunehmende Angstkultur im Umgang mit dem Internet auf schulischer Ebene. Der einseitige Fokus auf die Verschärfung zu Gunsten rein wirtschaftlicher Interessen beschneidet auf desaströse Weise die Medien-Kompetenz einer jungen Generation und leistet dem Verdruss in der Nutzung von Netzinhalten Vorschub. Sie höhlen gleichzeitig die Rechte von Urhebern aus.

Jan Fleischhauer, Journalist und Autor

Sehr geehrter Herr Fleischhauer,
uns als Netzsozialisten zu bezeichnen ist abenteuerlich, entspricht aber Ihrer bekannten Rechts-Links Autokratie im Spiegel, die aber bei Piraten nicht funktioniert. Auch leider leiden Sie unter der gleichen einseitigen Wahrnehmung, Piraten wollten “Umsonstkultur”. Einfach mal die Augenklappe abnehmen.


Andrea Verpoorten, Medienpolitische Sprecherin der CDU Landtagsfraktion NRW

Sehr geehrte Frau Verpoorten,
In der modernen Netzkultur die Ausdünnung kultureller Inhalte zu sehen ist abenteuerlich, denn gerade durch die Befreiung von Vertriebs-, Produktions- und Promotionkanäle hat das Internet zu einer unglaublichen Diversifizierung der Stile und Inhalte beigetragen. Besuchen Sie doch einmal ihren Parteikollegen Peter Altmaier, der wird Ihnen das Netz ein bisschen näher bringen.

Ulrich Wickert, Journalist

Sehr geehrter Herr Wickert,
kein Pirat will Autoren, die von ihren Werken nicht leben können, auch noch die Rechte nehmen. Ebenso wenig jenen, die davon leben können. Jedoch, ab dem Moment, in dem ein Urheber sein Werk in die Freiheit der physischen und digitalen Welt entlässt, muss er sowohl mit Kritik, als auch mit transformationeller Nutzung rechnen. Wenn jemand Ihren Roman umschreibt, so darf er das auch im aktuellen Urheberrecht, solange er daraus keinen kommerziellen Nutzen zieht. Leider haben Sie so gesehen nicht das Recht, welches Sie gerne durchsetzen würden. Dann vielleicht doch lieber nur im erlauchten Kreise der wochenendlichen Weinrunde aus den eigenen Werken rezitieren. Ich wäre gerne dabei.

Jens de Buhr, JDB Media GmbH

Sehr geehrter Herr de Buhr,
wir fordern keine Gratis- und Umsonst-Kultur. Gerade in der Werbeindustrie baut ein Konzept auf das andere auf. Das nennt man Inspiration. Das wird auch in Ihrer Firma nicht anders sein.

Michael Enzenauer, Werbemanager

Sehr geehrter Herr Enzenauer,
Als Werbemanager zu fordern, das Internet abzuschaffen ist eine aberwitzige aber unkonstruktive Idee. Statt dessen möchten wir Ihnen die Angst nehmen: Wir möchten niemanden enteignen. Es geht nur um eine dringende Reform des Urheberrechtes. Das Urheberrecht wurde schon seit jeher auf technische Neuerungen angepasst. Warum nicht auf die größte Kulturrevolution seit der Einführung des Fernsehens und Rundfunks?

Hans Mahr, Ex-RTL Chef

Sehr geehrter Herr Mahr,
leider beweisen Sie Unwissenheit, wenn Sie einen Ladendiebstahl mit einer Kopie gleichsetzen. Die mangelnde Verhältnismässigkeit der Rechtedurchsetzung wird übrigens unmittelbar mit folgendem Vergleich plastisch und demonstriert, wie radikal Verwerter versuchen, ihre Rechte durchzusetzen. Ein ertappter Ladendieb einer physischen CD wird mit einer Fangprämie von 100 bis 200 Euro bestraft. Eine Kopie, die keinen Schaden anrichtet, wird durch eine kriminelle Schattenwirtschaft von Anwaltskanzleien mit einer Abmahnung in Höhe von bis zu 2000 Euro bestraft. Das passiert im Jahr 500000 mal und entbehrt jeglicher Verhältnismässigkeit.

Clemens Pflanz, Meisterkreis, Vereinigung von Luxusmarken

Sehr geehrter Herr Pflanz,
Ihr Markenschutz, der im Patentrecht zu finden ist, hat nichts mit der dringend nötigen Urheberrechtsreform zu tun.

Pater Anselm Grün, Buchautor

Sehr geehrter Pater Grün,
die Zeit rast heute schneller als in Ihrer Jugend – eines der Opfer der vernetzten Welt. Dem hingegen hat zu allen zeiten jedes Werk auf anderen Werken aufgebaut. Inspiration ist der Treibstoff aller Kreation. Auch in Ihrem Werk sind sicher viele geistige Paten zu finden und das ist auch gut so. Wir verorten Werke in geistigen Koordinatensystemen. Das findet heute schneller statt, ist aber einer der größten technologischen und wissenschaftlichen Beschleunigungsfaktoren. In anderen Kulturkreisen wird übrigens die Kopie als eine Hommage an den Ursprungsschöpfer gesehen. In einer globalen, vernetzten Welt sind sich auch die kulturellen Paradigmen näher gekommen. Unsere westliche Geistesdisziplin steht nun einem ebenbürtigen Chor der anderen Gesellschaften gegenüber. Das ist die Vielstimmigkeit einer neuen Welt und sie klingt herrlich.

Peter Raue, Ex Vorsitzender Freunde der Berliner Nationalgalerie

Sehr geehrter Herr Raue,
die meisten Redakteure arbeiten umsonst, wenn man die Nutzung ihrer Publikationen im Netz betrachtet. Das liegt nicht an den Piraten, sondern an den Verlegern, die in den Anstellungsverträgen ihrer Redakteure „total buy out“ Absätze vereinbart haben. Das neu geplante Leistungsschutzrecht sichert den Verlagen zusätzliche Einnahmen an denen die Urheber der Texte nichts verdienen. Das ist schwarz-gelbe Politik.

Birgit Politycki, Pressebüro Politycki & Partner
Sehr geehrte Frau Politycki
Sie behaupten zwar, unseren Forderungskatalog gelesen zu haben, beweisen aber das Gegenteil, wenn Sie Angstkultur beschwören und die Enteignung von Schöpfungen als Piratenidee deklarieren.

Martin C. Wittig, Roland Berger Chef

Sehr geehrter Herr Wittig,
Sie haben Recht: Wer Andere achtet kauft Originale. Und genau das tun Menschen, wenn Sie sich im Netz davon überzeugt haben, das sie das Werk schätzen und achten und als persönlich inspirierend, honorieren möchten. Das Netz hilft uns in der Flut der Veröffentlichungen klar zukommen und jene Werke zu finden, die uns beflügeln. Gemeinsames Schöpfen, wie in Open Source Programmen beweist übrigens die Stärke dieses noch so jungen Konzeptes der Schwarmintelligenz und multipliziert den Fortschritt der vernetzten Welt.

Petra Müller, Filmstiftung NRW

Sehr geehrte Frau Müller,
alleine der Wille und der rechtlich restriktive Rahmen, von schöpferischen Leistungen leben zu können, macht es aber nicht möglich. Schon immer hat in der Summe die Beteiligung von Verwertern und Verwertungsgesellschaften das Einkommen von Urhebern rigoros geschmälert, besonders das jener mittleren und durchschnittlichen Urhebereinkommen. Noch nie hatten Urheber eine Garantie von ihren Werken leben zu können. Wenn man jetzt dem dringend nötigen Urheberrechtsreformgedanken unterstellt, Urheber zu benachteiligen, benutzt man die scheinheiligen Argumente einer Verwerterindustrie, die sich in großen Teilen obsolet gemacht hat.

Christian Veith, Boston Consulting AG

Sehr geehrter Herr Veith,
die Betonierung eines dringend sanierungsbedürftigen Urheberrechtes wird langfristig den wirtschaftlichen Wachstum der Kreativindustrie blockieren, denn restriktive Leistungsschutzrechte und Schutzfristen mit Laufzeiten, die in der schnellebigen Netzwelt von heute an die Ewigkeit reichen, bremsen gerade Entwicklungen aus, die nahtlos an vorherige Schöpfungen anknüpfen.

Thomas Carl Schwörer, Kulturmanager

Sehr geehrter Herr Schwörer,
Sie fordern die Einführung von radikalen und restriktiven Warnmodellen, wie bereits in Frankreich praktiziert. Datenschutzrechtlich bedeutet das ein proaktives Scannen des kompletten Datenverkehrs direkt beim Provider. Es öffnet Vorratsdatenspeicherung und der Verschärfung von Handelsinteressen Vorschub und verletzt die digitale Privatsphäre.

Klaus Beucher, Partner Freshfriends Bruckhaus Deringer

Sehr geehrter Herr Beucher,
Piraten fordern keine Gratiskultur. Die freie Verfügbarkeit von geistigen Schöpfungen hat aber die Kreativität und Vielfalt der Schöpfungen befeuert. Noch nie gab es ein so vielfältiges kulturelles Angebot.

Katrin Burseg, Autorin

Sehr geehrte Frau Burseg,
leider werden die meisten Piraten nicht ihrer visuellen Vorstellung gerecht und so ist das auch inhaltlich. Wir fordern eine Stärkung von Urheberinteressen. Die Schranke im Internet für eine Ausweitung der privaten Kopie muss man im Zusammenhang unseres gesamten Programmes sehen. Und ja, sehr gerne, lasst uns miteinander reden um die Missverständnisse, die von den Verwertern gestreut wurden, aufzulösen.

Thorsten Grenz, Veolia Umweltservice

Sehr geehrter Herr Grenz,
Sie sagen es, Künstler und Autoren sollten viel stärker nach den Möglichkeiten des Internetsv greifen und sich zusätzliche Vermarktungsmodelle erarbeiten, an Stelle sich allzu freigiebig fast auf Ewigkeit an Unternehmen zu ketten, die dann phantasielos ein Monopol verwaltet.

Werner Lippert, Kulturmanager

Sehr geehrter Herr Lippert,
die mangelnde Akzeptanz des Begriffs „geistiges Eigentum“ in der Bevölkerung ist dem Verständnis und der steigenden Medienkompetenz geschuldet, die längst die Missbräuchlichkeit dieses Begriffes verstanden hat.

Jan Hagemann-Snabe, Vorstandschef SAP

Sehr geehrter Herr Hagemann-Snabe,
es ist erschreckend. Der Vorstandschef der SAP glaubt, man könne Ideen perse schützen. Die Gedanken sind frei, sowie alle Ideen. Die Idee, eine Firmenverwaltungssoftware zu schreiben, ist zum Glück frei, sonst könnte niemand ausser SAP Software Open Source Projekte für eben diesen Zweck entwickeln.

Marie-Christine Ostermann, Bundesvorsitzende der Jungen Unternehmer

Sehr geehrte Frau Ostermann,
was die Energiewende, der Demographiewandel und die Staatsschulden mit einem vermeintlichen Piraten-Sozialismus im Urheberrecht zu tun haben, erschliesst sich nicht einmal mit einer regen Phantasie. Was ist denn für Sie der Prozess der Bildung geistigen Eigentums? Eine chemisch-technische Reaktion? Wir freuen uns auf weitere Worthülsen.

Ute Biernat, GF Grundy Light Entertainment

Sehr geehrte Frau Biernat,
ein charmanter Vergleich von Kutschen und Autos, aber ja, wir brauchen definitv ein neues Urheberrecht, um den Anforderungen des digitalen Wandels und der Nutzung von Medieninhalten und immateriellen Gütern im Sinne eines fairen Ausgleichs zwischen Urheber und Nutzer gerecht zu werden.

Stephan Berg, Intendant Kunstmuseum Bonn

Sehr geehrter Herr Berg,
ja, es gibt viele Machtstrukturen, die in das Netz drängen und unsere bisherige Politik hat es nicht geschafft, die langfristige Neutralität des Netzes zu gewährleisten. Die universelle Kommunikationsleistung wird nicht nur in den gesellschaftlich-politischen Umbrüchen in allen Regionen dieser Welt sichtbar, sondern verändert unsere Gesellschaft nachhaltig. Nur ein reformiertes Urheberrecht wird diesen Anforderungen gerecht und garantiert eine Partizipation aller bei gleichzeitiger Honorierung von geistigen Schöpfungen, statt eines indiskutablen Eigentumsbegriffes für Immaterialgüter.

Wolfgang Ferchl, Verleger

Sehr geehrter Herr Ferchl,
der harten Arbeit des schöpferischen Schreibens steht heute eine unverhältnismässig hoch beteiligte reine Verwaltungsarbeit monopolistisch orientierter Verlage gegenüber, die mit DRM Massnahmen Produkte für den digitalen Markt schaffen, die hinsichtlich der eingeschränkten proprietären Nutzbarkeit und der zeitlich fragwürdigen Alleinstellung für den Urheber, den Nutzer und die Schöpfung ein wirkliches Hindernis darstellen.

Marcus Wolter, GF Endemol Deutschland

Sehr geehrter Herr Wolter,
Klauen und Kreativität in einem Satz haben nichts mit den Ideen der Piratenpartei zu tun. Unsere Urheberrechtsreform beschneidet sicher die Rechte von großen Verwerterkonzernen, reicht sie jedoch an den Urheber weiter, der in einem fairen, direkten und kommunikativen Prozess honoriert werden soll.

Thomas Strobel, CDU Landeschef BW

Sehr geehrter Herr Strobel,
Dichter, Denker, Tüftler und Erfinder scheinen Ihnen fremd zu sein. Sie schöpfen aus sich selbst und aus den Ideen anderer heraus. Der Antrieb kommt aus der menschlichen Neugier. Wir sorgen für neue und unmittelbare Förderung, die gegenüber der klassischen Verwerterinteressen echte Freiheit bedeutet.

Thomas Schnädter, GF Montblanc

Sehr geehrter Herr Schnädter,
DNA ist nicht statisch, sie vererbt sich in Rekombination, Transformation und Neuschöpfung. Ihr Beispiel ist das Argument unserer Idee, dass freie Schöpfungen besonders stark Innovationen befördern. Wenn die Rechte dann bei den Urhebern liegen, bedeutet das wirkliche Freiheit, faire Kompensation und steigende Innovation.

Bernd Leifeld, GF Documenta
Sehr geehrter Herr Leifeld,
wenn Sie Kreativität unter der Bedingung von Freiheit von den Auftraggebern sehen, sind Sie bereits auf Piraten Territorium. Mit Gier hat das nichts zu tun. Gierig sind die klassischen Verwerterstrukturen, die weitgehend unskaliert veraltete Auswertungsrechte auf das Internet anwenden möchten.

Stefan Heidbrenner, GF Stiftung Familienunternehmen

Sehr geehrter Herr Heidbrenner,
gerade der technische Fortschritt der Netztechnologie ist ein Produkt der Schwarmintelligenz. HTML und all die anderen Protokolle des frühen Internets sind im Schwarm entwickelt worden. Open Source ist das Paradebeispiel, das ihre Position widerlegt. Und nein, Piraten wollen das Urheberrecht reformieren und nicht abschaffen.

Utz Tillmann, GF Verband der Chemischen Industrie

Sehr geehrter herr Tillmann,
Gerade das Wissen, das in öffentlichen Einrichtungen mit öffentlichen Geldern produziert wird, gehört der Allmende. Dem hingegen werden wissenschaftliche Publikationen viel zu oft von Verlagen blockiert und verwaist. Hier fordern wir eine weitreichende Öffnung.

Brigitte Kronauer, Schriftstellerin

Sehr geehrte Frau Kronauer,
finden Sie es gut, wenn Kulturgüter immer stärker auf kleinste Nutzunggebiete reduziert werden, anstatt eine breite Partizipation zu ermöglichen? Gerade für Autoren wie Sie, haben die Verlage ein Arsenal von Digital Rights Management Massnahmen ersonnen, die ihre Bücher als digitales Äquivalent nur noch in reduzierter Form erlebbar machen. Und das nur, um höhere Gewinne zu erziehlen.


Hans Demmel, GF n-tv

Sehr geehrter Herr Demmel,
wo haben Sie gelesen, die Piratenpartei fordere „Ich will alles und umsonst“? Im Handelsblatt? Ach so.

Tobias Künzel, Musiker

Lieber Tobias,
Ich duze Dich, da wir uns das schon mal auf einem gemeinsamen Festival bei Berlin angeboten hatten. Wir Piraten sind weder aus Hollywood, noch aus Somalia, sondern wir wollen Dir im Netz ermöglichen, dass Du unmittelbar von Deinen Fans honoriert wirst und nicht nur durch eine kleine Beteiligung Deiner Plattenfirma. Eine Band Deiner Größe macht etwas falsch, wenn sie sich an die herkömmlichen Bandübernahme- oder Künstlerverträge klammert. Beiss die Hand, die Dich jetzt mit Almosen füttert und entdecke die wahre Freiheit. Ahoi.

Thomas P.Friedl, Filmproduzent

Sehr geehrter Herr Friedl,
Die materiellen Errungenschaften der Ingenieurskunst und ihre Produktfälschung mit der Freiheit von geistigen Schöpfungen im Netz gleichzustellen, zeugt von einer mangelhaften Auseinandersetzung mit den Realitäten des Urheberrechtes in der Informationsgesellschaft von heute.

Kay Krüger, NBB Kommunikation

Sehr geehrter Herr Krüger,
zweistellige Wahlerfolge gibt es wohl nur für einen systemischen Wechsel in der Politik und daran Arbeiten wir. Mit Umsonstkultur hat das gar nichts zu tun.

Andreas Föhr, Roman- und Drehbuchautor
Sehr geehrter Herr Föhr,
wir vergeben Ihnen Ihre Unkenntnis in der Entwicklung von Internetstandarts und Protokollen, Betriebssystemen und Computertechnologie. Bereits Bill Gates meinte, das der Großteil des technologischen Fortschrittes in der Computerindustrie engmaschig aufeinander baut, als er sagte: „We sit on the shoulders of giants“. Als Drehbuchautor leben Sie in erster Linie von einer Honorierung aus GEZ Geldern, sofern Sie für die öffentlich rechtlichen Sender schreiben. Gerade die Paradigmen der TV Unterhaltung bauen direkt und indirekt auf bereits Geschaffenes auf. Man spricht hier auch gerne von der „kleinen Münze“ des Urheberrechtes. Dennoch wollen wir das Urheberrecht nicht abschaffen, sondern reformieren.

Knut Hechtfischer, ubitricity Elektroauto

Sehr geehrter Herr Hechtfischer,
kein Pirat entwendet Ihr Patent auf Ihr Elektroauto.

Moritz Rinke, Autor

Sehr geehrter Herr Rinke,
schreiben Sie wirklich nur für Buchläden oder sind da auch Ebooks mit DRM dabei? Finden Sie es gut, wenn dieses teuer erworbene Ebook eines Tages nicht mehr funktioniert, da der Lizenzschlüssel ungültig wurde oder aber das Gerät nicht mehr weiterentwickelt wurde? Dann ist ihr Werk für immer verloren. Bleiben wir bei den Systemadministratoren. Ab und zu braucht man ein neues Update, sonst droht der Systemabsturz.

Antje Lange, Labelmanagerin

Sehr geehrte Frau Lange,
schon klar, Sie würden ihre Künstler am liebsten im Kühlschrank lagern – halten sich länger und Metalmusiker können anstrengend sein – und nur bei Bedarf rausholen, wenn man damit Umsatz generieren kann. Die Musikindustrie hat bis heute nicht nachweisen können, ob die momentan als illegal geltenden Downloads ohne dieses Angebot auch legal erworben worden wären. Auf der anderen Seite spricht viel dafür, das gerade Musikliebhaber über ihre Downloads ihr Hörgewohnheiten erweitern und dann bei Gefallen auch regelmässig kaufen oder Konzerte besuchen. Ganz zu Schweigen von den Möglichkeiten für Nischenkünstler, die früher keinen Vertriebsweg fanden. Unsere Industrie muss sich den neuen Gegebenheiten anpassen, die neue Musik dafür entsteht bereits.

Tosten Casimir, Chefredaktuer Börsenblatt

Sehr geehrter Herr Casimir,
das Sie von G+J für diese Kampagne geimpft wurden, ist offensichtlich. Zu inhaltsleer, zu durchsichtig und zu tendenziös die Befragung der huntert Köpfe, die größtenteils aus der Verwerterlobby stammen und teilweise nicht einmal ihrer Kampagnenlinie entsprechen. Wenn Verlage ihre Macht für wirtschaftliche Zwecke instrumentalisieren, brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn die Leserzahlen zurückgehen. Die Medienkompetenz ist dank des Internets gestiegen und nur davon profitieren wir.

Christian Gysi, Vorstandschef Cinemaxx

Sehr geehrter Herr Gysi,
Das Internet ist kein rechtsfreier Raum, benötigt aber auch eine erweiterte Privatsphäre jedes einzelnen. Der Wert von filmischen Werken geht nicht verloren, es gelten in der Flut der Veröffentlichung jedoch neue Selektionsmechanismen und Werteskalen. Das Internet hilft dem Konsumenten dabei, zu entscheiden, was einen Kauf rechtfertigt.

Julia Franck, Schriftstellerin

Sehr geehrte Frau Franck,
Sie unterschlagen hierbei, das der Ursprung unseres westlichen Paradigmas aller Wissenschaften, der Philosophie und der Kunst bereits in der Antike gelegt wurde. Eine Epoche die gerade auf die Freiheit der Gedanken baute und ohne Urheberrechtsschutz funktionierte. Und auch später war es für die technische und gesellschaftliche Entfaltung in Deutschland weitaus förderlicher, Wissen befreit in allen Schichten zu vermitteln. Während in England ein restriktives Copyright die Entwicklung blockierte, konnten in Deutschland durch vielfältige Nachdrucke große Teile der Bevölkerung an der Bildung teilhaben. Ein Beleg für die sinnstiftende Kraft befreiter Geistesleistungen. Darüber hinaus haben Studien ergeben, das die Urheber im frühen Copyright geschützten England trotzdem an der Armutsgrenze lebten, denn die Verlage diktierten schon immer die Honorare.

Helge Sasse, Vorstandschef Senator Film

Sehr geehrter Herr Sasse,
Nur weil Filme ins Internet gelangen, verlieren sie nicht ihren Wert, denn die Wirkung eines Kinobesuches ist nicht zu ersetzen, erst recht nicht in 3D. Natürlich bedeutet die Verfügbarkeit im Netz auch einen optimierten Verbraucherschutz, denn der Konsument besucht nicht mehr auf Verdacht Kinovorführungen, sondern überlegt sich genau, welcher Film den Erwerb der Kinokarte rechtfertigt. Das bedeutet natürlich auch, das Filmproduzenten höhere Qualitätsmassstäbe ansetzen müssen, denn gerade durch die transformationelle Nutzung von Filmen und die gestiegene Verfügbarkeit von Produktionsmitteln ist die filmische Kompetenz und erwartungshaltung des Nutzers gestiegen. Ebenso wird in der Zukunft das Angebot alternativer Filmkonzepte und neuer filmischer Stilistiken, die auch die vom Konsumenten im Internet erlernte Interaktivität einbeziehen, zunehmen. Dem gegenüber muss das klassische Zuschauerkino neue Konzepte entwickeln.

Renate Künast, Grüne

Liebe Frau Künast,
da ein großer Teil unserer Positionen deckungsgleich ist, gibt es dem nichts hinzu zu fügen, außer: Eine Kulturflatrate wie Sie sie fordern ist für uns nicht möglich, denn durch die Ermittlung eines Verteilungsschlüssels entstehen persönliche Nutzungsprofile. Das widerspricht unserer Vorstellung von Datenschutz. Der CCC hat mit der Kulturwertmark ein interessantes Konzept entwickelt.

Bernhard Frohwinter, GF ipcom

Sehr geehrter Herr Frohwinter,
an der misslichen Lage im Patentbereich der „Schlangengrube“ Mobilfunk sind nicht die Piraten Schuld. Gerade bei den Patenten im Mobilfunk werden Milliardenklagen für inhaltsleere Patentschriften eingeklagt. Die Dichte der “Rechtetrolls” ist nirgendwo höher als im Mobilfunkmarkt. Auch hierfür ist eine dringende Reform nötig, die wir als Piratenpartei begrüßen und weiterentwickeln.

Dieter Gorny, Bundesverband der Musikindustrie

Sehr geehrter Herr Gorny,
wir landen in einem dumpf brütenden Mittelmass, wenn wir all die Überwachungs- und Kontrollmittel einsetzen, die Sie am liebsten sofort anwenden würden. Die Medienkompetenz der Bürger ist ihren Vermarktungskonzepten schon lange davon gelaufen und lehnt in einem breiten Konsens Ihre Visionen einer Bit für Bit abgerechneten Mediennutzung ab, denn digitale Medien sind nicht per se kreativ. Die modernen Nutzungsarten unterschieden sich aber im Vergleich zur vergangenen Passivkultur massgeblich, denn sie fördern eine neue Kultur des Schöpfergeistes und monetären Ausgleiches, die auf klassische Verwerterstrukturen und Gatekeeperkonzepte verzichten kann.

Torsten Albig, SPD Spitzenkandidat SH

Sehr geehrter Herr Albig,
der Wahlkampf hat ja in Schleswig-Holstein bereits begonnen und ihre nautische Fantasie ist sicher Ihrer Herkunft geschuldet. Sie hat jedoch wenig mit der Wirklichkeit piratiger Grundsätze zu tun. Und eine nackte Idee allein ist nicht schützbar. Wir wollen Urheber vergüten, wir wollen einen direkten Ausgleich zwischen ihm und dem Nutzer seiner Schöpfung und wir haben hierfür Konzepte.

Christian Nienhaus, GF WAZ Gruppe

Sehr geehrter Herr Nienhaus,
Sie prangern die Umsonstkultur im Journalismus an? Die Verlage haben selbst die Angebote ins Netz gestellt, mit denen sie große Werbeumsätze generieren. Wenn jetzt ein Leistungsschutzrecht für verlinkte Inhalte von Ihnen gefordert wird und das mit der Beteiligung der Journalisten und Autoren begründet wird, offenbart sich die typische Verwertertaktik, denn die meisten Jounalisten erhalten keinen Cent aus diesen Leistungen, denn sie binden Sie ja bereits an Honorare für eine alle Nutzungsrechte umfassende Auswertung ihrer Leistung.

Rainer Moritz, Leitung Literaturhaus Hamburg

Sehr geehrter Herr Moritz,
halten Sie sich doch nicht an diesem aufgeladenen Kampfbegriff der Verwerterindustrie fest. Wir wollen die Leistungen von kreativen Köpfen honorieren, verstehen aber die Art und Weise, wie Inhalte im Netz individuell genutzt werden als Privatsphäre, auf die Verwerterinteressen schon allein aus datenschutzrechtlichen Grunde keinen Zugriff erhalten dürfen. Dagegen sind wir sehr dafür, Urheber endlich aus dem Joch der restriktiven Vollauswertung bis nach der Lebenszeit zu befreien.

Dennis Snower, Kieler Institut für Weltwirtschaft

Sehr geehrter Herr Snower,
Stehlen ist nie billiger als Kaufen, denn die rechtlichen Konsequenzen eines Diebstahls können schmerzhaft sein. Ein Diebstahl bedeutet das Entwenden einer Sache, die dann dem ursprünglichen Eigentümer fehlt. Genau das ist aber eine digitale Kopie nicht – sie ist also auch kein Diebstahl.

Philipp Rösler, FDP Chef und Vizekanzler

Sehr geehrter Herr Rösler,
auch wir fördern attraktive Angebote für die digitale Welt. DRM ist hingegen alles andere als attraktiv, es behindert und bestraft den fairen Nutzer und erzeugt den gegenteiligen Effekt. Aber auch Sie müssen sich von der aufgeladenen Begrifflichkeit des „geistigen Eigentums“ lösen, damit Sie Ihre eigenen Inhalte ohne Widersprüche bei Frau Merkel vortragen können.

Ferdinand Kayser, Satellitenkonzern SES

Sehr geehrter Herr Kayser,
Sie klingen so, als würden Sie jetzt gerne jedes Datenpaket, welches Sie senden, einer “Deep Packet Inspection” unterziehen. Das ist weder im Interesse ihrer Kunden, noch des Nutzers und würde Ihr Geschäftsmodell nachhaltig schädigen. Wir sind jedoch einer Meinung, wenn wir fordern, das schöpferische Leistungen honoriert werden müssen. Das jedoch ohne totale Kontrolle. Diese widerspricht nicht nur dem Freiheitsgedanken des Internets, sondern würde Innovationen langfristig ersticken.

Kommentar zu den “schöpferischen” Mediabossen


Link zum Artikel

Diese acht Herren verkörpern alle Eines:
Sie verdienen an den Leistungen und Schöpfungen Anderer.
Sie sind keine Urheber oder kreativ Tätige.
Sie stellen klassische Verwerter dar, die so lange als möglich an den alten Besitzstandsmodellen festhalten und sie unskaliert auf das Netz anwenden wollen.

Sehr geehrter Herr Dopheide,
Irrtum – Ideen sind nicht geschützt und werden es auch nie sein. Ihre Idee, durch Werbung Geld zu verdienen hat Sie wohl sehr reich gemacht. Zum Glück darf aber auch jeder Andere eine Werbeagentur gründen.

Sehr geehrter Herr Welte,
mit parasitärer Nutzung meinen Sie sicher die transformationelle Nutzung von Werken anderer. Das diese oft origineller sind als die Werke aus dem Hause Burda, mag Sie an der eigenen Geschäftsidee zweifeln lassen. Fakt ist: Das beflügelt Kultur.

Sehr geehrter Herr Buchholz,
Wer so wie Sie in einem Verlagshaus mit 500 Publikationen zum einseitigen journalistischen Feldzug gegen Ideen der Piraten ruft (Mediabiz), verstößt nicht nur gegen eine journalistisch ausgewogene Berichterstattung, sondern möchte seine Medienmacht gewalttätig und aggressiv für die eigenen Interessen einsetzen“

Sehr geehrter Herr Konken,
vom Leistungsschutzrecht im Internet hat der einzelne Journalist gar nichts, denn die meisten Journalisten müssen “Total Buy Out” Verträge unterschreiben, die sämtliche Beteiligungen ausschliessen.

Sehr geehrter Herr Thoma,
wir glauben Ihnen ungesehen, dass Sie nur für Geld aktiv werden. Kunst und Kultur folgt jedoch einem inneren Reflex des Kreativen und will zuerst einmal nur Rezeption. Vielleicht kommen Sie ja mal drauf, es ist nie zu spät.

Sehr geehrter Herr Heinen,
die wahre Vielfalt der Medien begann erst mit dem Internet. Davor gab es das Nadelöhr der wirtschaftlich-politischen Selektion kultureller Güter.

Sehr Herr Middelhoff,
Sie wollen Bezahlsysteme. Dagegen spricht nichts. Solange diese nicht wettbewerblich durch ungerechtfertig hohe Lizenzen blockiert werden, wie in einem Jahrzehnt der Nichteinigung Bitkom/GEMA. Die Auswahl, das Vorhören und Vorsehen im Internet wird es trotzdem geben. Der Nutzer muss selbst entscheiden können, was einen Kauf individuell rechtfertigt oder nicht.

Sehr geehrter Herr Karpinski,
Ideen gehören niemanden. Und die Gleichsetzung der Begriffe „geistiges“ und „physisches“ Eigentum sind genauso tendenziös wie „Raubkopie“. Hier ging jede Verhältnismässigkeit sträflich verloren.

Sehr geehrter Herr Leonhard,
wir wollen klare Gesetze und eine Urheberrecht das dem Wandel zur Informationsgesellschaft gerecht wird. Aber eine Kopie ist kein Raub.

Neonazis in Bayreuth


Für den 31.3. wurden Demonstrationen vom “Freien Netz Süd” und anderen rechtsextremistischen Organisationen in Pegnitz und Hof als Vorboten der großen Kundgebungen am 1. Mai angemeldet. Die Informationspolitik der Stadtverwaltungen in Pegnitz und Hof ermöglichte es den Bündnispartnern gegen Rechtsextremismus parallel dazu Mahnwachen und Protestkundgebungen zu organisieren.
Die große Kundgebung vor der Marienkirche in Hof war eine gelungene Demonstration demokratischen Engagements gegen Rechtsextremismus in Oberfranken.

Einen Skandal der besonderen Art hingegen leistete sich die Stadtverwaltung Bayreuth, die es nun laut offizieller Pressemeldung auf ihrer Internetseite www.stadt-bayreuth.de versäumte, eine von den Neonazis bereits in der Woche zuvor angemeldeten Kundgebung vor dem Rathaus öffentlich bekannt zu geben. Eine kleine Zahl von spontan zusammen gerufener und couragierter Bayreuther fand sich zwar ein, um den Rechtsextremen gegenüber Stellung zu beziehen, doch der ideelle Flurschaden einer fast unbehelligten Demonstration neonazistischen Gedankenguts unmittelbar vor dem Bayreuther Rathaus ist kaum zu fassen. Die Teilnehmer der Hofer Mahnwache wären natürlich auch zuvor in Bayreuth aktiv geworden, hätten sie von dem Naziaufmarsch erfahren.

Noch vor kurzem wurde Bayreuth Opfer einer rechtsextremistischen Flyerkampagne.
Dabei präsentiert die Stadt besonderes “Fingerspitzengefühl”: Lapidar wurde mit einem Formbrief auf der Internetseite der Stadt geantwortet, den engagierte Bürger an die Absender des Flyers senden sollten. Wer sich mit der rechtsextremistischen Bewegungen auseinander setzt, wird nicht erst seit den schrecklichen und verabscheuungswürdigen Taten der NSU eines der Zentren der menschenverachtenden Bewegung im Nordosten Oberfrankens und in der Grenzregion Thüringens verorten. Die wachsende Vernetzung der Rechtsextremen führte bereits in Coburg zu Morddrohungen gegen aktive Bürgerrechtler. Zwischen Thüringen und Franken bereitet sich zunehmend eine Angstkultur aus, denn die Neonazis sind mittlerweile über regionale Internetpräsenzen hervorragend vernetzt und sammeln Adressen von couragierten Bürgern. Wenn die Stadt Bayreuth empfiehlt, postalisch den Neonazis die Ablehnung des Flyer mitzuteilen, beweist sie ihre mangelhafte Sachkenntnis der braunen Gefahr.

Wenn die Stadt Bayreuth, wie jetzt in der aktuellen Pressemeldung bezüglich der Neonazidemonstration geschehen, das Heil in einem internen Kommunikationsfehler sucht und keinen grundsätzlichen Bedarf einer neuen Politik gegenüber den rechtsradikalen Tendenzen sieht, zeigt sie sich in einer traurigen Tradition.

Wir fordern eine lückenlose Aufklärung und eine politische Neubesetzung der exekutiven Kommunikationsstrukturen. Die Stadt Bayreuth muss sich mit einem klaren Signal gegen Rechtsextremismus in der von Neonazis bedrohten Region Oberfranken positionieren, damit das erste Opfer dieses Skandals rückgängig gemacht wird: Das Vertrauen der Bürger.

Kommentar zum Schulflyer des Börsenvereins “Legal, Fair und Sicher”

Der Börsenverein des Buchhandels und mit ihm weitere Mitglieder der Deutschen Content Allianz, der BVMI, die GVU und Childnet International überschreiten die legale Grenze einer objektiven, schulischen Aufklärung zu Gunsten eigener wirtschaftlicher Interessen. Die Verfasser verletzen damit den Grundsatz, politische Werbung als auch wirtschaftliche Interessen von schulischen Lerninhalten fernzuhalten.

Gemeinsam haben sie die Broschüre „Legal, Sicher und Fair“ veröffentlicht, die als „Hilfestellung für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Internet“ über Schulen und Bildungseinrichtungen verteilt und in den Fächern Sozialkunde, Wirtschaftslehre, Religion, Werte & Normen, Lebenskunde, Musik und Informatikunterricht Einzug halten soll.

Neben der relativ einseitigen Begriffsdefinition von „Peer To Peer“, „Filesharing“ und „Cyberlocker“ vermittelt das Druckwerk vor Allem einen restriktiven und rückwärts gewandten Blick auf das Leistungsschutzrecht und das Urheberrecht.

Auf Seite 8 wird unter „Darf man Musik und Filme kopieren“ die Privatkopie für Freunde unterschlagen und kriminalisiert. Das Aufzeichnen von Internetradiostreams wird gleichermaßen als eine fragwürdige und rechtlich bedenkliche Aktivität dargestellt.

Die Behauptung, das nur in wenigen Fällen Links von Blogs auf digitale Inhalte legal sind, ist nicht nur grundlegend falsch, – alle Inhalte im Netz sind „digital“ – sondern vermittelt bereits jetzt die Begehrlichkeit der Deutschen Content Allianz auf die Anwendung des neuen, verschärften Leistungsschutzrechts für journalistische Inhalte. Ebenso diskreditiert diese haltlose Behauptung die so wichtige gesellschaftliche Funktion von Blogs für das gesellschaftliche und politische Leben.

Der Börsenverein verstärkt mit dieser Publikation eine zunehmende Angstkultur im Umgang mit dem Internet auf schulischer Ebene und ist deshalb als Aufklärung für Lehrer und Schüler strikt abzulehnen und zu verurteilen. Der einseitige Fokus auf die Verschärfung zu Gunsten rein wirtschaftlicher Interessen beschneidet auf desaströse Weise die Medien-Kompetenz einer jungen Generation und leistet dem Verdruss in der Nutzung von Netzinhalten Vorschub.

Nur eine offene gesellschaftliche Debatte aller Beteiligten kann zu einem fairen Ausgleich zwischen Urheber- und Nutzerinteressen und einer dringend nötigen Reform des Urheberrechts führen.

Fukushima ist überall


Man schmeckt sie nicht.
Man hört sie nicht.
Man fühlt sie nicht.
Man sieht sie nicht.
Doch sie ist immer da.
Sie strahlt weit über die uns vermittelbaren Zeiträume hinaus ihre lebensfeindliche Botschaft bis in die kleinste Zelle und durch jeden Organismus hindurch.
Sie bringt den Tod, die Krankheit und das Elend.
Sie ist das Vermächtnis unserer Hochmut und Arroganz.
Sie ist die Mitgift unserer Gier.
Und sollte sich die Zivilisation nicht bereits vorher vernichten, so wird sie noch tausend Generationen nach uns als Fanal eines schmutzigen, selbstzentrierten Zeitalters strahlen.
So sind nicht nur Pripjat, Tschernobyl und Fukushima die ewig mahnenden Fackeln des nuklearen Scheiterns.
Es sind die unzähligen Endlager, Zwischenlager und Ruinen des Kernzeitalters, die unsere
Welt vergiften. Man muss kein religiöser Mensch sein, um die Dimension des Verrats an der Schöpfung zu begreifen die durch den strahlenden Abfall unserer Zivilisation entsteht. Es sind besonders jene, die unter ihr leiden, die keine Stimme haben. Es sind die Ärmsten in der Welt, es sind unsere Kinder und unsere Mitgeschöpfe, die Tiere.
Eine Gesellschaft, die ihr eigenes Überleben nur am Wachstum misst, hat längst ihre eigene Art verraten.
Dabei ist die Kenntnis der externalisierten Kosten von Kernenergie genauso bekannt wie ihr Risiko. Kernenergie ist weder nachhaltig, noch langfristig ertragreich. Sie ist die gescheiterte Fusion der kalten Krieger, der Wissenschaft und der Großindustrie.

Sicher haben die Atomgegner in ihrem jahrzehntelangen Kampf viel erreicht.
Der zivile Tsunami aus der Mitte der Gesellschaft heraus hat nicht zuletzt durch die gespenstischen Livebilder aus Fukushima eine Sogwirkung erzeugt, der sich die Regierung nicht mehr entgegenstellen konnte und die sämtliche Beschwichtigungsversuche der Atomindustrie niederrissen.
Doch wenn heute deutsche Firmen in der ganzen Welt neue Atomkraftwerke planen und bauen, so hinterlassen sie auf lange Zeit hinaus ein weiteres Mahnmal deutscher Selbstüberschätzung und menschenverachtender Ignoranz.
Wenn unsere Regierung schützend die Hand über diese Technologiekonzerne hält, dann macht sie sich im Sinne des Völkerrechtes schuldig, den die Unversehrtheit von Gesundheit und Lebensraum ist ein Grundrecht.
Wenn unsere Regierung innerhalb nur einen Jahres Fukushima vergessen hat, dann demonstriert sie nicht nur die Ignoranz den eigenen Bürgern gegenüber, sondern ihre Unfähigkeit ihre Bürger vor elementaren Bedrohungen zu beschützen.
Wenn unsere Regierung Subventionen für regenerative Energien streicht, macht sie sich nicht nur der Lüge am eigenen Wahlvolk schuldig.
Sie vergisst den Auftrag unserer zivilen Gesellschaft in der Mitte Europas: Die Kernkraft, die aus der wissenschaftlichen Entdeckung der Atomspaltung abgeleitet wurde, ist eine größtenteils deutsche Erfindung. So sind es auch wir und unsere Gesellschaft die ein Zeichen setzen muss, um das nukleare Gespenst in Europa und in der Welt wieder einzufangen.
Unser Signal ist der Aufbruch in einen weltweiten Ausstieg aus der lebensfeindlichsten Technologie die je erschaffen wurde. Ein Ausstieg ohne Umkehr. Fukushima mahnt uns dazu jedes Jahr aufs neue.
Wir werden jedes Jahr die nukleare Bilanz ziehen und den Finger in die Wunde legen.

Rede “Stop ACTA Demo” Nürnberg 25.2.

Liebe Freunde, liebe Mitbürger des Internets,

als Fritz Lang vor fast 100 Jahren mit seinem Film Metropolis den Grundstein der Filmindustrie legte, war das Internet noch nicht geboren. Sein Held Freder lehnt sich gegen Unterdrückung, Zensur und die Kontrolle von oben auf und erschüttert die Grundfeste von Metropolis.

Heute bedroht die Überwachung die Grundfeste unserer demokratischen Gesellschaft im Internet bis in die Sphäre des Privaten. Neben die Bedrohung der staatlichen Überwachung tritt heute aber immer öfter die privatwirtschaftliche.

Betrachtet man die großen Krisenherde der vergangenen Jahre, so ging es dabei ausschliesslich um Wirtschaftsinteressen. Ob Rohstoffe, Patente oder Nutzungsrechte. Geld und Geschäft sind der Motor des sozialen Marktwirtschaftens. Doch aus dem Motor wurde längst eine getunte Maschine mit Allmachtsanspruch.
Ein System das die eigenen Regelwerke abseits der bürgerlichen Kontrollgremien bestimmen möchte und längst nach höherem strebt. Der Maschinenraum ist zu klein geworden, jetzt wird die virtuelle Welt erobert.
Ihre Botschafter sind Handelsabkommen wie ACTA, TRIPS und IPRED die ohne demokratische Legitimation eine wehrhafte Mauer um freies Wissen und das freie Internet ziehen.

Die Vertreter der Contentindustrie werfen uns vor, wir würden übertreiben, polemisieren und lügen, wenn wir ACTA verteufeln.

Sie werfen uns vor, wir würden unlautere Methoden nutzen um die Massen auf die Strasse zu treiben, wenn wir im Internet zum Protest rufen.

Unsere Regierung bezeichnet uns als Wutbürger und unsere Proteste als unreflektiert, wenn wir unser Recht auf demokratische Mitbestimmung einfordern.

Die konservativen Chaoten in Berlin behaupten: Überwachung sei innerhalb gesetzlicher Normen nötig aber widersetzen sich selbst der Kontrolle durch die Bürger.
Wie lange hat es denn gedauert bis das weltweite Informationsfreiheitsgesetz endlich in Deutschland ankam? In Bayern sträubt sich die Landesregierung ja noch heute dagegen.

Ich frage:
Warum wurde ACTA hinter verschlossenen Türen ausgehandelt, wenn es so harmlos sein soll?

Warum wurde ACTA von einem nur im Entferntesten zuständigen Fischereiausschuss durchgewunken?

Und warum warnen sämtliche humanitäre Organisationen von Amnesty International, über Ärzte ohne Grenzen, Brot für die Welt oder Aktionsbündnis gegen AIDS vor ACTA, wenn es so harmlos ist?

Wenn alle Punkte von ACTA bereits seit langem in Deutschem Recht verankert sind, warum braucht man dann eine Unterschrift? Und viel schlimmer – welche Teile von ACTA sind denn schon jetzt deutsches Recht?

Wie lange wollen wir uns die schleichende Aushöhlung der Freiheit im Netz eigentlich noch gefallen lassen?

ACTA ist so schwammig formuliert, das nur geschulte Anwälte die eigentlichen Absichten freischälen können.
Doch dann findet man die eigentliche Vision von ACTA: Unter dem Schutzmäntelchen fast schon poetischer Rechtsformulierungen werden Grundrechte der Marktwirtschaft geopfert und ein 200 Jahre altes Urheberrecht in Stein gemeisselt.
Ein Patentrecht, das ursprünglich nur den zeitweiligen Marktvorteil für die Entwickler sicherstellen sollte, ist längst zum Knebel der armen Länder geworden.

ACTA ist die schreiende Ungerechtigkeit gegenüber diesen Schwellenländern. In heimlicher Mission werden mit ACTA Importe und Exporte von Generika sanktioniert. Hersteller von Generika könnten dank ACTA sehr viel schneller verklagt werden. Das Ergebnis wäre, das sich die Ärmsten viele überlebensnotwendige Medikamente gar nicht mehr kaufen könnten.

Große Konzerne wie z.b.Monsanto, früher der Hersteller von Agent Orange und heute einer der aggressivsten Konzerne der industriellen Landwirtschaft, vergiftet nicht nur die Welt mit Pestiziden.

Nein, sie verbieten mit Patenten die wenigen Agrarprodukte die in den Schwellenländern produziert werden und treiben gleichzeitig mit ihren genetisch veränderten Produkten die Monopolisierung der Ernährung voran.

solche Konzerninteressen stehen hinter ACTA. Wir werden nicht mehr weiter wegsehen und dagegen kämpfen.

Ein Vergleich der Verhältnismässigkeiten öffnet die Augen.
Hätte es im antiken Griechenland bereits eine so restriktive Rechteverwertung gegeben wie jetzt, so würden wir dem hochverschuldeten Griechenland von Heute Billionen für die Fundamente der Mathematik, Physik, Philosophie und Geisteswissenschaften schulden.

Und sogar das Papier auf dem die Patente und Nutzungsrechte gedruckt wurden ist eine Entwicklung aus China, das so häufig für sein Urheberrechtliches Unrechtsbewusstsein gerügt wird.

Mir scheint: Je geringer die Schöpferische Leistung, umso höher wächst oft das Anspruchsdenken.
Die Unterhaltungsindustrie ist dafür das beste Beispiel.
Sie leidet bereits seit dem Aufkommen des Internets in den 90ern unter einem unaufhaltsamen Realitätsverlust.
Ausbeuterische Nutzungsrechte an den Werken Anderer werden wie selbstverständlich auf das Internet angewendet.
Einer Lobby der kalten Krieger des Kapitalismus ist jedes Mittel recht ist um die alten Erlösstrukturen zu betonieren.

Ein Beispiel zur Verhältnismäßigkeit: Wer in einem Plattenladen eine CD mitgehen lässt und erwischt wird, zahlt eine einmalige Fangprämie um 100 Euro.
Dagegen werden jährlich eine halbe Million Menschen ungerechtfertigt abgemahnt, zahlen aus Angst vor zusätzlichen Prozesskosten zwischen 800 und 2000 Euro an eine Schattenwirtschaft krimineller Anwaltskanzleien und Verwerter. Das muss endlich ein Ende finden

Und all das wir mit den unhaltbaren Behauptung der Verwerter gerechtfertig, eine digitale Kopie käme dem Diebstahl in der realen Welt gleich. Dabei ist der direkte Schaden der aus einem CD Klau entsteht ungleich höher als die digitale Kopie, die eben nur eine Kopie ist.

Den Beweis, dass diese unrechtmäßig erstandenen Werke unter anderen Verhältnissen legal erworben wären, konnte die Contentindustrie bisher jedoch nicht abliefern.

Mit diesen unhaltbaren Argumenten rechtfertigt die Industrie dann die Abschottung des Internets, Vorratsdatenspeicherung und Zensur. Ich übertreibe? Mitnichten.

ACTA wünscht sich, Provider in die Pflicht zu nehmen und bei Verstößen die persönlichen Daten der Nutzer herauszugeben. Das ist nichts anderes als privatwirtschaftliche Vorratsdatenspeicherung.

Und den Wächtern der Musikindustrie ist das noch lange nicht genug. Schon liebäugelt man mit dem französischen Warnstufen Modell. Ein System dessen finale Sanktion die Abschaltung des Konsumenten vom Netz bedeutet. Im Zeitalter von Skype, Onlinebanking und elektronischer Steuererklärung kommt das einem digitalen Todesurteil gleich. Und das alles nur für die Verletzung eingeräumter Nutzungsrechtes.

Wir wollen aber das Recht, im Internet Daten frei tauschen zu können um dann selbst zu entscheiden, ob uns das Werk einen Kauf wert ist.

Besonders wütend macht mich aber die Ignoranz der öffentlichen Anstalten ARD und ZDF, die eine zügige Unterzeichnung ACTAs fordern. Wenn sie dies tun, verletzen sie ihren gesetzlichen Neutralitätsauftrag.

Wenn sie uns alle hier als eine Horde unrechtsbewusster und politikverdrossener Diebe bezeichnen, beissen sie nicht nur die Hand die sie füttert, sie verpassen unserer freiheitlichen Bewegung eine schallende Ohrfeige.

Ich könnte jetzt ganz plump skandieren „Wer jetzt noch weiter GEZ Gebühren zahlt, ist selber schuld“

Ich frage aber lieber die Intendanten der ARD „Wie weit seid ihr abgehoben, euch zu erlauben, uns zu übergehen”

Abkommen wie ACTA sind nicht nur der Stacheldraht im Fleisch der Netzfreiheit, sie sind der Schleichweg in die digitale Vollkontrolle.

Und wenn ich auf die folgenden Abkommen wie IPRED2 oder TPP blicke, wird mir schlecht.

In dieser nicht so fernen Zukunft soll die Bufferung von Werken strafbar werden. Visualisierungen und Abbildungen könnten dann rechtlich verfolgt werden.

Das bedeutet: Popups oder Webradiostreams mit unlizensierten Inhalten ziehen eine Abmahnung nach sich. Verkleidungen als Donald Duck oder geschützer Manga Figur könnten dann strafbar werden.

IPRED, die böse Schwester von ACTA streicht sogar einen der grundlegendsten Rechtsgrundsätze einer Zivilgesellschaft: Die Unschuldsvermutung.

Alleine die Kooperation von Zugangsanbieter und Rechteinhaber kann dann über Verstösse befinden und die Leitung des Nutzers kappen.

Man kann schon nicht mehr von einem Raster oder Netz sprechen, nein, es geht um die lückenlose Auswertung und Kontrolle all unserer Daten, unseren Lebensraum im Internet und der Integrität unserer fundamentalen demokratischen Rechte.

Das zeigt uns aber erst recht: wir dürfen nicht leise werden.
Wir müssen auch weiterhin für unsere Rechte auf die Strasse gehen.
Wir tun das bis ACTA und all die anderen zivilgesellschaftlichen Trojaner und Spione verschwunden sind.

Wir wollen ein freies und unzensiertes Internet, denn es ist unser Instrument der Freiheit und Demokratie.

Sagt Nein zu ACTA und zeigt der Unterhaltungsindustrie den hier.

Everything Is A Remix – (dt. Synchronfassung)

Im Rahmen der europaweiten Proteste zu ACTA und den darin enthaltenen Verschärfungen der Wahrnehmung von Patenten, Copyrights und Urheberrechten hat der Begriff “Geistiges Eingentum” endlich eine breite öffentliche Wahrnehmung erfahren.

Das geltende Urheberrecht, Copyright und Patenrecht verunsichert die Schöpfer nicht nur. Es hemmt die gesellschaftliche Entwicklung und bindet sie an große Konzerne und Rechteverwerter. So sind Bearbeitung und Kopie ein fliessenden Übergang in der Musik, werden jedoch durch Verlage zur einseitigen Rechtewahrnehmung monopolisiert.. Urheberrechtlich wurden sie zu Begriffen, die sich nur an der Wirtschaftlichkeit orientierten. Doch das Einflechten von Zitaten und die Bearbeitung und Weiterentwicklung fremder Werke ist die Basis aller menschlichen Entwicklung.
Die produktive Entlehnung, das Zitat und die Neuwidmung von Ideen sind die Bausteine der Entwicklungsbrücke, die das kulturelle Gestern mit der Informationsgesellschaft von Heute verbindet.
Das gilt umso stärker in einer offenen, schnelllebigen und kreativen Netzgesellschaft, welche de kulturelle Gegenwart in die Zukunft führt. Die Informationsgesellschaft fordert die Nonexklusivität von Kulturgütern, Patenten und Copyright für die öffentlichen Allmende, die allen dient.
Im Kampf der exklusiven Verwerterrechte gegen die freie Verfügbarkeit von immateriellen Gütern in der Netzwelt haben die Verwerter ihr Wertesystem der Privilegien positioniert und betoniert, welches die Förderung schöpferischer Leistung in den Grenzen des wirtschaftlichen Wertekanons beansprucht, jedoch der nachfolgenden Kreativgeneration die Quelle untersagt, die sie als Inspiration einer eigenen Innovationsfähigkeit benötigt.

“Everything Is A Remix”, Pt.4 ist der spannendste Teil von Kirby Fergusons kollagenartigen Auseinandersetzung mit den Begriffen Kopie, Transformation und Kombination.

Replik auf Stefan Herwigs Kommentar in der Musikwoche


http://www.mediabiz.de/musik/news/ein-acta-video-und-die-folgen-desinformation-mit-mitteln-der-propaganda/315840

Seit über 20 Jahren bewegen sich Stefan Herwig und ich in der gleichen musikalischen Nische und erarbeiten dort auch unseren Lebensunterhalt. Herwig als reiner Verwerter und ich als Urheber und Verwerter. Beide sind wir typische Vertreter einer kleinteiligen alternativen Musikszene. Inhaltlich unterscheiden sich unsere Sichtweisen auf Kultur, Medien und deren Vermittlung meilenweit. Und das nicht erst seit Herwigs polemischer Antwort auf meine Synchronisation des brisanten ACTA-Videos, zu dem er mir weniger eloquent bereits auf Twitter beleidigende Kurznachrichten geschickt hatte. Und so beginnt die Einleitung von Herwigs Artikel auch gewohnt reißerisch mit dem Vergleich zwischen dem Paradigmenwechsel in der Urheberrechtsdebatte und 9/11.

Wer auf meinem YouTube-Kanal surft, findet zu dem vielfach zitierten Video einen Text, der die Hintergründe dokumentiert, auch klärt die Texttafel am Anfang des Clips auf. Hier wird verdeutlicht, dass dieses Video auf den Wikileaks zu ACTA im Jahre 2008/2009 beruht. Als Freund der Meinungsfreiheit und des freien Zugangs zu Informationen habe ich nach mehrfacher Nachfrage aus Kreisen, denen ich politisch nahestehe, diesen Clip übersetzt. Auch wenn ich nicht alle Positionen des Clips teile und weiß, dass vieles überspitzt beziehungsweise aus heutiger Sicht auf das Original-ACTA-Dokument sogar falsch anmuten mag, stehe ich zu der wichtigen Kernaussage: Transparenz, gerade in Verhandlungen, die so wesentliche bürgerliche Rechte betreffen. Das ist auch das grundsätzliche Problem von ACTA. Es wurde ebenso wie die vielen anderen undemokratisch ausgehandelten Handelsabkommen der WTO (World Trade Organization) unter Ausschluss der Öffentlichkeit von großen Handelsverbänden formuliert. Die Kritik an der WTO und ihren vielen Versuchen, Märkte protektionistisch zu schützen, ist nicht neu. Wer sich an das Multilaterale Abkommen über Investitionen (MAI) erinnern kann, das Ende 1998 scheiterte, der weiß, welche Begehrlichkeiten die Konzerne gegenüber demokratischen Gesellschaften in Handelsabkommen völkerrechtlich festschreiben möchten. Im Falle von MAI war es die vollkommen absurde Haftung von Regierungen für wirtschaftliche Ausfälle, die aufgrund von Demonstrationen oder Streiks entstehen. Auch das GATT-Folgeabkommen TRIPS (Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights), das leider längst unterschrieben ist und verkürzt als „Blueprint“ von ACTA gelten darf, strotzt nur so vor völkerrechtlich bedenklichen Passagen, die leider gerade in den Schwellenländern für deren medizinische Versorgung, aber auch bei Patenten für Saatgut und indigene Pflanzen und deren Wirkstoffe katastrophale Folgen haben. Ich empfehle hier die Schrift „Wissen und Eigentum“ aus der Bundeszentrale für politische Bildung, die ausführlich auf das undemokratische und in Bürgerrechte einschneidende TRIPS-Abkommen eingeht. Im Zuge von TRIPS wurden übrigens auch die Abmahnungen eingeführt – eine Schattenwirtschaft, die jährlich eine halbe Million Abmahnungen produziert und deren unverhältnismäßige Beträge aus Anwaltsgebühr und Schadensregulierung immer zwischen 800 und 2000 Euro taxieren.

Den Beweis, dass diese unrechtmäßig erstandenen Werke unter anderen Verhältnissen legal erworben wären, konnte bisher niemand antreten.
Den Beweis, dass Filesharing gerade kleineren Urhebern zu weltweiter Bekanntheit verholfen hat, kann ich selbst anhand vieler meiner Veröffentlichungen belegen.

Nun sind es gerade viele Vertreter meiner Branche, die sogar eine Verschärfung fordern und mit dem französischen Hadopi-Modell der Three Strikes liebäugeln. Die gerade im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft erstellte Studie bereitet das politisch vor.
Internet Service Provider in die Pflicht zu nehmen und bei Verstößen die persönlichen Daten der Nutzer herauszugeben, ist meiner Meinung nach eine Art der privatwirtschaftlichen Vorratsdatenspeicherung und kategorisch abzulehnen.
ACTA ist eine weitere Wegmarke hin zu einer Gesellschaft, die das Durchsetzen geistiger Eigentumsrechte über die Privatsphäre und die Bürgerrechte stellt. Es ist mittlerweile von verschiedenen gesellschaftlichen Instanzen geprüft, dass gerade die wolkige Formulierung von ACTA einen breiten Spielraum für Verhandlungen und Interpretationen eröffnet. Passagen, die die Strafbarkeit von Vermittlern erwägen, welche indirekt wirtschaftlichen Vorteil aus der Unterstützung oder Begünstigung von Urheberrechtsverstößen ziehen, zielen klar auf Internetprovider und ihren neuen Auftrag der Kontrolle des Nutzers und seiner Inhalte ab.
Diese langfristigen Strategien in ACTA sind gerade die große Gefahr für die Freiheit in der Informationsgesellschaft, denn unbemerkt höhlen so neue Bestimmungen Bürgerrechte aus.

Doch die geplanten Restriktionen der Informationsgesellschaft sind nur ein Bruchteil dessen, was ACTA in den Schwellenländern anrichtet. Dass ACTA sowie TRIPS in den Schwellenländern bezüglich Generika, Saatgut und anderen Patenten unglaubliches Leid anrichtet, kann man bei Amnesty International, Mediziner ohne Grenzen, Brot für die Welt, Bündnis gegen AIDS, Attac – je nach sozialem Engagement – nachlesen.
Was die Verwerterbranche und ihre großen Verbände jetzt so hysterisch reagieren lässt, ist jedoch gerade die Transparenz, die dank des Internets die Art des Aushandelns ohne Beteiligung der Bevölkerung offenlegt. Von gefährlicher Mainstreamisierung zu sprechen, ist fast schon erheiternd. Gerade unsere Unterhaltungsindustrie war es jahrzehntelang gewöhnt, mit Marketingstrategien und Propagandainstrumenten den öffentlichen Geschmack zu steuern und so auch Meinungen zu erzeugen.

Es waren gerade die großen Medienkonzerne wie Time Warner oder Springer, die gezielt Meinungen manipuliert haben, um die Gesellschaft in ihrem konservativ-kapitalistischen Tiefschlaf des reinen wirtschaftlichen Normativs, des Konsums zu halten.
Und was die Propaganda der Urheberrechtswahrer betrifft, war man nie zimperlich, wenn man schockierende Gefängnisvideos zur Abschreckung von illegalen Kopien auf legal erhältliche DVDs brannte. Ich erinnere nur an den Kindergeburtstag „Wo ist Papa? Nur noch vier Mal singen.“
Kein Wunder, wenn die großen Konzerne und Verbände jetzt ohnmächtig bemerken, dass ihre Meinungshoheit und Macht durch das Internet relativiert wurde und die Bürger ihr Recht auf Teilhabe und Mitbestimmung gegenüber undemokratischen Abkommen auf die Straße tragen.

Die Schlussfolgerung, dass durch dieses Video nur Politikverdrossenheit erzeugt würde, ist eine schallende Ohrfeige für all jene, die gemeinsam demonstriert haben und einen friedlichen Prozess des Wandels anstreben.

Den Journalisten und Politikern mangelndes Urteilsvermögen vorzuwerfen und den sich anbahnenden Paradigmenwechsel öffentlicher Güter in der Informationsgesellschaft als eine gefährliche Schwarz-Weiß-Malerei abzutun, zeigt sowohl Instinktlosigkeit als auch mangelnde kulturelle Auffassungsgabe und Missachtung demokratischer Willensbildung.

Der Informationsgesellschaft Selbstreferenzierung vorzuwerfen, ist lächerlich, besonders in Anbetracht des jahrzehntelang demonstrativ präsentierten Meinungsmonopols der Unterhaltungsindustrie und ihrer Verbände. Hier wurde der digitale Wandel verschlafen, an alten Vermarktungsmodellen festgehalten und dadurch das eigentliche Problem erst erzeugt.

Der Satz „Es wird Zeit für eine medienkritische Auseinandersetzung mit dem Internet“ hätte auch von dem Netz-Don-Quichotte Ansgar Heveling stammen können. Er demonstriert, wie wenig Herwig das Netz begriffen hat.

Die Google-Chartnotierung des Videos als gefährliches Werkzeug der Vorformatierung von Meinungen zu bezeichnen, ist aberwitzig. Wer, wenn nicht die Unterhaltungsindustrie hat jahrelang auf Chartnotierungen und Standardwerke, auf Meinungsbilder und Propaganda gesetzt und kritisiert nun diese Listung als Instrument einer Meinungssteuerung?

Herwigs Haltung zeigt nicht nur, wie sehr die egoistische Wahrung von instrumentalisierten Urheberinteressen vorangetrieben wird, egal zu welchem Preis, sondern demonstriert erschreckend, wie das Gros der Unterhaltungsindustrie in den offenen Abgrund strebt.

Und am Ende ruft er sogar die Politik, die er zuvor als kollektiv inkompetent abgetan hatte, zur gesetzlichen Regulierung von Meinungen im Netz auf.
Als Vertreter jener Urheber, die sich selbst vermarkten, kann ich nur dringend eine Schulung und geistige Klausur für Dinosaurier wie Herwig empfehlen.

Und glücklicherweise gibt es sie. Mannigfaltig im Netz und in kleinen Kollektiven. Denen gehört die Zukunft.
Kleinteiligkeit statt Monopolisierung fördert die kulturell benötigte Diversifikation. Dabei wird das unmittelbare Interesse des Urhebers gegenüber der kulturellen Monopolisierung von Urheberrechten des letzten Jahrhunderts gewahrt.

In einem Zeitalter, das häufig den klanglichen Charakter eines Audiomems zum eigentlichen Merkmal einer kreativen Schöpfung stilisiert, vermischen sich die Begriffe Urheberrecht und Leistungsschutzrecht in einem Maße, das keine eindeutige Unterscheidung zulässt und den Begriff der Werkhöhe ins Absurde steigert. Eine elementare Unterscheidung zwischen physischer und virtueller Welt muss maßgeblich die Ausgestaltung eines modernen Urheberrechtes begleiten. Neue Schrankenregelungen für das legale Kopieren von Inhalten aus dem Netz müssen auch die gleichzeitige direkte Wertschöpfung für Urheber ermöglichen. Darunter fallen Premiumangebote und Streamingdienste ebenso wie dezente Erhöhungen von Lehrmedienabgaben bei gleichzeitiger Sicherstellung eines angemessenen, transparenten und demokratischen Verteilungsschlüssels dieser Erlöse. Unmittelbare Urheberlizenzen aus virtuellen Diensten und die Erweiterung transformationeller Rechte wie Bearbeitungen müssen grundlegend von den Forderungen der Verlagsbranche getrennt werden. Schutzfristen sollten auf die Lebensspanne beschränkt werden und der branchenüblichen Kopplung von Schutzfristen und Auswertungsdauer die legale Grundlage entzogen werden.Der Fokus muss von der kurzfristigen, einseitigen und profitorientierten Werkförderung hin zur nachhaltigen Förderung von schöpferischer Leistung verschoben werden. Im gleichen Maße wie Handwerks-, Industrie- und Handelskammern ihren Mitgliedern Seminare und Maßnahmen zur wirtschaftlichen Sicherung anbieten, müssen Urheber Hilfe und Unterstützung für die kleinteilige und direkte Vermarktung erhalten. Das umfasst neben der finanziellen Absicherung auch die Sozial- und Altersicherung.

Eine Gesellschaft, die sich so sehr auf ihre Stärke im Bereich der „geistigen Güter“ beruft, muss gerade für die Schöpfer Alternativen und Lebenskonzepte eröffnen, die sowohl den Bedürfnissen einer freien Informationsgesellschaft gerecht werden als auch dem Urheber einen kreativen und geschützten Freiraum für seine Schöpfungen und dessen direkte Vermarktung eröffnen.

Bruno Kramm


Antwort auf Stefan Herwigs Petition gegen das ACTA Video:

Liebe Kollegen,

Stefan Herwig (Dependent) und ich sind in seit über zwanzig Jahren der gleichen musikalischen Nische zuhause und erarbeiten dort auch unseren Lebensunterhalt. Herwig als reiner Verwerter und ich als Urheber und Labelmacher. Beide sind wir typische Vertreter einer kleinteiligen alternativen Musikszene. Inhaltlich unterscheiden sich unsere Sichtweisen auf Kultur, Medien und deren Vermittlung meilenweit, was auch daran liegen mag, das ich als Urheber und Labelmacher beide Seiten der Medaille kenne.

Da Stefan Herwig zu einer unreflektierten Petition gegen mich und das ACTA-Video aufruft, möchte ich zu den Vorwürfen Stellung nehmen.

Herwig vergiftet gerade durch seinen Aufruf zu einer Petition gegen mich und ein Video, zu dem ich von Anfang an eine distanzierte Haltung hatte, langfristig das Klima zwischen den Urhebern/Künstlern und den Fans/Konsumenten. Gerade deren direkte Kommunikation ist das wichtigste Werkzeug um eine langfristige Partnerschaft zu erzeugen, die sowohl die Honorierung von Leistungen sichert, als auch den direkten Informationsaustausch ohne Verwerter- und Labelstrukturen sichert. Denn Szene braucht Kultur und keine Polizei. Die Sperrung eines Videos durch eine Petition durchsetzen zu wollen, ist schon an und für sich übertrieben. Youtube mit dieser Petition überzeugen zu wollen, ein Video mit einer anderen Interpretation daneben zu stellen, klingt wie eine moderne Art des Don Quichotte.

Darüber hinaus: Wer auf meinem YouTube-Kanal surft, findet zu dem vielfach zitierten Video einen Text mit meiner persönlichen und kritischen Sichtweise des Videos. Die Texttafel am Anfang des Clips klärt ebenso über den Stand und die Aktualität des Videos auf. Hier wird verdeutlicht, dass dieses Video auf den Wikileaks zu ACTA im Jahre 2008/2009 beruht. Als Freund der Meinungsfreiheit und des freien Zugangs zu Informationen habe ich nach mehrfacher Nachfrage, darunter auch durch die politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, Marina Weisband, diesen Clip übersetzt.

Auch wenn ich nicht alle Positionen des Clips teile und weiß, dass vieles überspitzt, beziehungsweise aus heutiger Sicht auf das Original-ACTA-Dokument sogar falsch darstellt, stehe ich zu der wichtigen Kernaussage: Transparenz, gerade in Verhandlungen, die so wesentliche bürgerliche Rechte betreffen. Das ist auch das grundsätzliche Problem von ACTA. Es wurde ebenso wie die vielen anderen undemokratisch ausgehandelten Handelsabkommen der WTO (World Trade Organization) unter Ausschluss der Öffentlichkeit von Handelsverbänden formuliert. Die Kritik an der WTO und ihren vielen Versuchen, Märkte protektionistisch zu schützen, ist nicht neu.

Auch das GATT-Folgeabkommen TRIPS (Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights), das leider längst unterschrieben ist und verkürzt als „Blueprint“ von ACTA gelten darf, strotzt nur so vor völkerrechtlich bedenklichen Passagen, die leider gerade in den Schwellenländern für deren medizinische Versorgung, aber auch bei Patenten für Saatgut und indigene Pflanzen und deren Wirkstoffe katastrophale Folgen haben. Ich empfehle hier die Schrift „Wissen und Eigentum“ aus der Bundeszentrale für politische Bildung, die ausführlich auf das undemokratische und in Bürgerrechte einschneidende TRIPS-Abkommen eingeht.

Nun sind es gerade viele Vertreter der großen Industriefirmen, die sogar eine Verschärfung wünschen und mit dem französischen Hadopi-Modell der “Three Strikes” liebäugeln. Ein Verfahren, das vorsieht, Menschen nach mehreren Verstößen die Internetverbindung komplett zu trennen. In einer Zeit, in der Menschen über Skype mit ihren Verwandten und Freunden kommunizieren, Onlinebanking und digitale Steuererklärungen über das Internet administrieren und das Netz für ihre tägliche Arbeit brauchen, bedeutet eine Abschaltung der Leitung eine unverhältnismäßige Bestrafung, unter Umständen das Zerstören der Existenz.

Und ein ehemaliger Künstler unserer Szene, Zadoc von Tilt, und jetzt als der “elektrische Reporter” und Kollege von Netzvisionär Sascha Lobo bekannt, sagt über ACTA: „Die so genannte Content Allianz versucht lediglich, ihre veraltenden Geschäftsmodelle als Verwerter zu sichern. Im Interesse der Urheber handeln sie dabei nicht – auch wenn sie das permanent behaupten. ACTA versucht, die Verwerter zu stärken, nicht die Kreativen. Musiker, Autoren, Filmer und Journalisten leiden nicht unter Privatkopien ihrer Werke, sie leiden vielmehr unter Total-Buy-Out-Verträgen, die sie zwingen, nahezu sämtliche Rechte an ihren Werken den Verwertern zu überlassen. Es ist schon ein wenig bizarr, wenn die Verwerter einerseits das Urheberrecht zu einer bloßen Hülle degradieren, während sie sich auf der anderen Seite zu Anwälten der Urheber aufspielen. Was wir brauchen ist eine mutige Reform des Urheberrechts im Sinne der Kreativen und der Nutzer und keine Zementierung des Status Quo im Sinne der Verwerter.“

Aber die eigentliche Schieflage wird erst anhand der Verhältnismäßigkeit klar. Wer eine CD im Laden klaut und erwischt wird, zahlt eine einmalige Fangprämie. Das Gleiche im Netz wird um ein vielfaches höher bestraft, obwohl der physische Raub im Laden einem wirklichen Verlust beim Ladenbesitzer gleichkommt. Den Beweis, dass diese unrechtmäßig erstandenen Werke unter anderen Verhältnissen legal erworben wären, konnte bisher niemand antreten. Die im Zuge der vielen Verschärfungen von Nutzungsrechten im Internet eingeführten Abmahnungen zeigen die eklatante Unverhältnismäßigkeit. Eine Schattenwirtschaft von Anwälten, die jährlich eine halbe Million Abmahnungen produziert und deren unverhältnismäßige Beträge aus Anwaltsgebühr und Schadensregulierung immer zwischen 800 und 2.000 Euro taxieren, ist im Vergleich zum realen physischen Diebstahl kaum haltbar.

Keiner der Künstler unserer Szene möchte und wird es öffentlich allen Ernstes vertreten, seine werdenden Fans so restriktiv bestrafen zu wollen.

Den Beweis, dass Filesharing gerade kleineren Urhebern zu weltweiter Bekanntheit verholfen hat, kann ich selbst anhand vieler meiner Veröffentlichungen belegen und das werden auch viele Kollegen aus der Alternative-Szene bestätigen.

ACTA hingegen ist eine weitere Wegmarke hin zu einer Gesellschaft, die das Durchsetzen von Nutzungsrechten über die Privatsphäre und die Bürgerrechte stellt. Es ist mittlerweile von verschiedenen gesellschaftlichen Instanzen geprüft, dass gerade die wolkige Formulierung von ACTA einen breiten Spielraum für Verhandlungen und Interpretationen eröffnet. Passagen, die die Strafbarkeit von Vermittlern erwägen, welche indirekt wirtschaftlichen Vorteil aus der Unterstützung oder Begünstigung von Urheberrechtsverstößen ziehen, zielen klar auf Internetprovider und ihren neuen Auftrag der Kontrolle des Nutzers und seiner Inhalte ab.

Diese langfristigen Strategien in ACTA sind gerade die große Gefahr für die Freiheit in der Informationsgesellschaft, denn unbemerkt höhlen so neue Bestimmungen Bürgerrechte aus.

Doch die geplanten Restriktionen der Informationsgesellschaft sind nur ein Bruchteil dessen, was ACTA in den Schwellenländern anrichtet. Dass ACTA sowie TRIPS in den Schwellenländern bezüglich Generika, Saatgut und anderen Patenten unglaubliches Leid anrichtet, kann man bei Amnesty International, Mediziner ohne Grenzen, Brot für die Welt, Bündnis gegen AIDS, Attac – je nach sozialem Engagement – nachlesen.

Was die Verwerterbranche und ihre großen Verbände jetzt so hysterisch reagieren lässt, ist jedoch gerade die Transparenz, die dank des Internets die Art des Aushandelns ohne Beteiligung der Bevölkerung offenlegt. Wenn Herwig von der gefährlicher Mainstreamisierung durch Kanäle wie Youtube und Google spricht, ist das fast schon erheiternd, wenn es nicht so traurig wäre.

Gerade die Unterhaltungsindustrie war es jahrzehntelang gewöhnt, mit Marketingstrategien und Propagandainstrumenten den öffentlichen Geschmack zu steuern und so auch Meinungen zu erzeugen. Es waren gerade die großen Medienkonzerne wie Time Warner oder Springer, die gezielt Meinungen manipuliert haben, um die Gesellschaft in ihrem konservativ-kapitalistischen Tiefschlaf des reinen wirtschaftlichen Normativs, des Konsums zu halten.

Underground-Kultur wurde gerade durch das demokratische Instrument Internet zu einer weltweiten Bewegung. Festivals und Szenetreffen wie das Wave Gotik Treffen mit Besuchern aus der ganzen Welt wären niemals ohne die Informationsverbreitung und Filesharing im Internet möglich. Wer jetzt Urheber gegen Konsumenten aufhetzt, wie es Herwig tut, bringt eine Szene, die so von der freien Partizipation abhängt, ins Ungleichgewicht und vergiftet das Klima zwischen dem Urheber und dem Musikfan. Und darum geht es eigentlich: Herwig ist der Vertreter einer Industrie, die heute in dieser Form nicht mehr gebraucht wird. Aus diesem Grund haben sich ja auch viele der großen Künstler, darunter auch einige von Herwigs ehemaligen Labelkindern endlich in die Freiheit gewagt und vermarkten sich selbst.

Und ja, ich kratze mich auch immer am rasierten Hinterkopf, wenn mir ein russischer Fan nach einem Konzert in Irkutsk eine gebrannte Version von “Die Propheten” oder “Cabaret” zum Signieren vorlegt. Ich unterschreib sie jedoch trotzdem, weil es mir letztendlich wichtiger ist, meine musikalischen Ideen zu verbreiten, als Menschen dafür zu verurteilen, auf welchem Weg – ob legal oder illegal – sie diese Songs erworben haben. Sollte ihm die Musik eines Tages wirklich soviel bedeuten und er hat das Budget, so wird er sich die Musik kaufen. Fakt ist, er war auf einem Konzert und er hat dort Eintritt bezahlt. Und von der Musik erfuhr er über die Verbreitung aus dem Filesharing.

Nicht die Kultur stirbt aus, allenfalls die herkömmlichen, rückschrittlich orientierten Kulturinstitutionen und Industrien bleiben auf der Strecke, sofern sie es nicht vermögen, den Wandel in neue Geschäftsmodelle zu integrieren. Der digitale Wandel in eine neue Informationsgesellschaft bedeutet die Transformation der Kulturindustrie (Verleger, Studios, Labels). Die Forderungen der Musikindustrie, Internetinhalte mit Exklusivitätsansprüchen aus Urheber-, Leistungsschutzrecht und Copyright der physikalischen Welt zu belegen, ist zum größten Teil Besitzstandssicherung und wird von einem Großteil der progressiv arbeitenden Künstler und Urheber nicht unterstützt.

Im Internet gilt es mannigfaltigen Vertriebswegen Rechnung zu tragen. Der Einbruch der Tonträgerumsätze wird medienwirksam von der Musikindustrie propagiert, doch kreative Musiker haben schnell neue Wege der Vermarktung entdeckt und die träge agierende Industrie in puncto Zukunftstechnologie längst überholt. Täglich entstehen neue Konzepte der Wertschöpfung, wie z.B. Pledge Music, Sell A Band, Mikropayments etc. Viele etablierte und von den Fesseln großer Plattenfirmen befreite Musiker versuchen sich mit den erfolgreichen Konzepten der Web 2.0 Vermarktung. Kleine Einpersonenbetriebe können ihre Produkte gleichwertig gegenüber großen Massenprodukten der Unterhaltungsindustrie positionieren. Der Konsument kann sich frei zwischen einer Skala aus Massengeschmack und Nischenprodukt bedienen. Der „Long Tail“-Markt bekommt eine neue Bedeutung: Die Summe der kleinen, oft in Statistiken und Charts herausgekürzten Produkte macht einen Großteil des Gesamtertrages aus.

Das Internet stellt sich als grundlegend demokratisches Werkzeug zur Verfügung, das zur Massenverbreitung weder große Konzerne noch überproportionale Budgets benötigt.

Die Daseinsberechtigung einer im Massenmarkt des letzten Jahrhunderts legitimierten Musikindustrie wird dabei natürlich grundlegend in Frage gestellt. Die eigentliche Wertschöpfung bleibt erstmals in der Hand der Urheber, die früher gewohnt hochprozentige Beteiligung der Konzerne und Verlage bleibt aus. Erfolgreiche Beispiele wie Radiohead, U2, Nine Inch Nails, Madonna belegen den Erfolg der Versuchsanordnung im Internet. Das noch so junge Medium experimentiert und bietet eine Interaktion zwischen Musiker, Musikhörer und dem Medium Internet als Kunstplattform an und für sich.

Es ist nicht verwunderlich, das gerade die Industrie in Partnerschaft mit der GEMA das Internet als „Dammbrecher des Urheberrechtes“ stigmatisiert. Obwohl auf Leermedien jeder Art Abgaben erhoben werden, verurteilt man in Exempel statuierender Weise Filesharer, die bei illegaler Downloadaktivität ins Netz gehen und die bereits vergüteten Medien mit Inhalten bespielt haben. Je länger Filesharing als krimineller Akt verfolgt wird, umso erfolgreicher werden sich neue, verschlüsselte Verfahren etablieren, die sich dem Zugriff der Onlinefahnder entziehen werden. Das ein Großteil der Urheber an einer freien Verfügbarkeit seiner Werke im Internet interessiert ist, wird von der Industrie zu gerne verschmiegen. Künstlern ist längst der multiplikatorische Werbeaspekt der Downloads klar geworden. Die eigentliche Wertschöpfung geschieht auf den Konzerten, dem Merchandiseverkauf und Auftritten im Rahmen großer Medienevents.

Der Konsument ist trotz des Internetzeitalters ein Jäger und Sammler. Kulturgut wird in der heimischen Bibliothek als Ausdruck der eigenen Biographie nach wie vor gesammelt. Die Werke, die gefallen, werden meistens auch gekauft um das haptische Bedürfnis zu erfüllen, während die weniger interessanten Downloads auch wieder im digitalen Mülleimer landen. Das „Vorhören“ aus dem Plattenladen von Gestern geschieht heute im privaten Raum am PC. Die Weitergabe von Freund zu Freund in digitaler Weise als Tonträger oder File löste das analoge Tape ab. Wenn auch in größerem Umfang, so hat der normale Konsument sogar ein geringeres Pensum Zeit als noch im letzten Jahrhundert, um sich mit Musik eingehend zu beschäftigen, denn die Anzahl der unterhaltungstechnischen Medien hat sich mehr als verdoppelt: Internet, SMS, Videogames, Videofilme, Kabelfernsehen, Social Media etc. haben sich in den Wettbewerb der Freizeitaktivitäten eingereiht und die Zeit für den ausschließlichen Musikkonsum radikal verkürzt. Der volkswirtschaftliche Schaden, der den Filesharern von Musik gerne vorgeworfen wird, liegt jedoch an der Diversifizierung der gesamten Freizeitaktivitäten, die dennoch keinen größeren Raum im gesellschaftlichen Leben einnehmen.

Und was die Propaganda der Urheberrechtswahrer betrifft, war man nie zimperlich, wenn man schockierende Gefängnisvideos zur Abschreckung von illegalen Kopien auf legal erhältliche DVDs brannte. Ich erinnere nur an den Kindergeburtstag „Wo ist Papa? Nur noch vier Mal singen.“ Genau diese Leute beschweren sich jetzt über die synchronisierte Fassung des ACTA-Videos.

Kein Wunder, wenn die großen Konzerne und Verbände jetzt ohnmächtig bemerken, dass ihre Meinungshoheit und Macht durch das Internet relativiert wurde und die Bürger ihr Recht auf Teilhabe und Mitbestimmung gegenüber undemokratischen Abkommen auf die Straße tragen.

Die Schlussfolgerung, dass durch dieses Video nur Politikverdrossenheit erzeugt würde, ist eine schallende Ohrfeige für all jene, die gemeinsam demonstriert haben und einen friedlichen Prozess des Wandels anstreben.

Den Journalisten und Politikern mangelndes Urteilsvermögen vorzuwerfen und den sich anbahnenden Paradigmenwechsel öffentlicher Güter in der Informationsgesellschaft als eine gefährliche Schwarz-Weiß-Malerei abzutun, zeigt sowohl Instinktlosigkeit als auch mangelnde kulturelle Auffassungsgabe und Missachtung demokratischer Willensbildung.

Der Informationsgesellschaft Selbstreferenzierung vorzuwerfen ist lächerlich, besonders in Anbetracht des jahrzehntelang demonstrativ präsentierten Meinungsmonopols der Unterhaltungsindustrie und ihrer Verbände. Hier wurde der digitale Wandel verschlafen, an alten Vermarktungsmodellen festgehalten und dadurch das eigentliche Problem erst erzeugt.

Die Google-Chartnotierung des Videos als gefährliches Werkzeug der Vorformatierung von Meinungen zu bezeichnen, ist aberwitzig. Wer, wenn nicht die Unterhaltungsindustrie hat jahrelang auf Chartnotierungen und Standardwerke, auf Meinungsbilder und Propaganda gesetzt und kritisiert nun diese Listung als Instrument einer Meinungssteuerung?

Herwigs Haltung zeigt nicht nur, wie sehr die egoistische Wahrung von Nutzungsrechten unter dem Mäntelchen instrumentalisierter Urheberinteressen vorangetrieben wird, egal zu welchem Preis, sondern demonstriert erschreckend, wie das Gros der Unterhaltungsindustrie in den offenen Abgrund strebt.

Und am Ende ruft er sogar die Politik, die er zuvor als kollektiv inkompetent abgetan hatte, zur gesetzlichen Regulierung von Meinungen im Netz auf.

Eine elementare Unterscheidung zwischen physischer und virtueller Welt muss maßgeblich die Ausgestaltung eines modernen Nutzungsrechtes und Urheberrechtes begleiten. Neue Schrankenregelungen für das legale Kopieren von Inhalten aus dem Netz müssen auch die gleichzeitige direkte Wertschöpfung für Urheber ermöglichen. Darunter fallen Premiumangebote und Streamingdienste ebenso wie dezente Erhöhungen von Lehrmedienabgaben bei gleichzeitiger Sicherstellung eines angemessenen, transparenten und demokratischen Verteilungsschlüssels dieser Erlöse. Unmittelbare Urheberlizenzen aus virtuellen Diensten und die Erweiterung transformationeller Rechte wie Bearbeitungen müssen grundlegend von den Forderungen der Verlagsbranche getrennt werden. Schutzfristen sollten auf die Lebensspanne beschränkt werden und der branchenüblichen Kopplung von Schutzfristen und Auswertungsdauer die legale Grundlage entzogen werden.Der Fokus muss von der kurzfristigen, einseitigen und profitorientierten Werkförderung hin zur nachhaltigen Förderung von schöpferischer Leistung verschoben werden. Im gleichen Maße wie Handwerks-, Industrie- und Handelskammern ihren Mitgliedern Seminare und Maßnahmen zur wirtschaftlichen Sicherung anbieten, müssen Urheber Hilfe und Unterstützung für die kleinteilige und direkte Vermarktung erhalten. Das umfasst neben der finanziellen Absicherung auch die Sozial- und Altersabsicherung.

Eine Gesellschaft, die sich so sehr auf ihre Stärke im Bereich der „geistigen Güter“ beruft, muss gerade für die Schöpfer Alternativen und Lebenskonzepte eröffnen, die sowohl den Bedürfnissen einer freien Informationsgesellschaft gerecht werden als auch dem Urheber einen kreativen und geschützten Freiraum für seine Schöpfungen und dessen direkte Vermarktung eröffnen.

Und ganz ehrlich: Wer jetzt so eine Petition unterschreibt, macht sich bei seinen Fans und Käufern lächerlich….

Liebe Grüße

Bruno Kramm

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